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Ist das die Zukunft für Lüneburg? Die KVG testet jetzt zwei Wochen lang Elektrofahrzeuge im Linienbetrieb (LZ berichtete). Sie könnten nach Ansicht von Oberbürgermeister Ulrich Mädge dazu beitragen, die Schadstoff-Emissionen in Lüneburg zu senken. Foto: lz/t&w

Das Problem mit den Elektrobussen

Lüneburg. Zu hohe Stickoxid-Emissionen, Fahrverbote, Chaos. So etwa könnte das Szenario aussehen, das Städten droht, sollten Gerichte schadstoffreiche Diesel-Fa hrzeuge tatsächlich schon bald an die Kette legen. Droht damit also auch Lüneburg ein Fahrverbot? „Nein“, sagt Oberbürgermeister Ulrich Mädge, „unsere Innenstadt ist autoarm.“ Aber ist sie damit auch schadstoffarm? Allein den Platz Am Sande passieren Diesel-Busse wochentags nahezu im Minutentakt – und das wird sich so schnell wohl auch nicht ändern.

980 Mal steuern Busse den Sand wochentags an

„Die erforderliche Technik und Infrastruktur für die Umstellung auf Elektro-Busse ist derzeit nicht realisierbar“, sagt Oliver Blau, Marketingleiter der in Stade beheimateten KVG, die gemeinsam mit der Verkehrsbetrieb Osthannover GmbH (VOG) den Bus-Linienbetrieb in Stadt und Landkreis Lüneburg bedient. Blau reagiert damit auf die Ankündigung von Oberbürgermeister Ulrich Mädge, dass bis 2030 jeder zweite Linienbus elektrisch angetrieben sein soll, alle übrigen mindestens die dann höchste Abgasnorm erfüllen müssen (LZ berichtete).

„Selbst wenn die Technik ausgereift und die Infrastruktur vorhanden wäre, würde es Engpässe bei den Kapazitäten der Bus-Hersteller geben.“
Oliver Blau, Marketingleiter bei der KVG

143 Busse beider Unternehmen sind derzeit im Einsatz, Fahrzeuge, die laut KVG je nach Baujahr unterschiedliche Euro-Normen bei den Abgaswerten erfüllen. Das Problem: Lediglich 40 Prozent erfüllen den derzeit höchsten Standard Euro VI, „der Rest der Flotte erfüllt die Normen ab Euro III“, sagt Blau – deutlich zu wenig also, um bei einem Diesel-Fahrverbot den gewohnten Linienbetrieb aufrechterhalten zu können.

Regelmäßige Flottenerneuerung bei der KVG

Zwar erneuere die KVG ihre Flotte regelmäßig, doch schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen – die Anschaffungskosten pro Bus liegen bei 100 000 Euro aufwärts – gehe das immer nur schrittweise. Ein homogener Fuhrpark mit einheitlich niedrigen Abgaswerten wäre so also kaum möglich.

Die derzeit ältesten in Lüneburg fahrenden Busse sind laut KVG 17 Jahre alt. Auch wenn diese laut Blau nur zu Spitzenzeiten eingesetzt werden, dürfte der Schadstoffausstoß der Gesamtflotte allein schon durch die zahlreichen täglichen Fahrten erheblich sein. Allein der Platz Am Sande wird wochentags 980 Mal angesteuert.

Wie hoch die Schadstoffwerte in Lüneburgs stark frequentiertem Zentrum genau sind, ist von der Stadt nicht zu erfahren. Sie verweist stattdessen auf Messungen mit dem vom Land installierten Lufthygienischen Überwachungssystem Niedersachsen (LÜN). Nur: In Lüneburg befindet sich die Messstation nicht dort, wo die Menschen besonders stark von Schadstoffen belastet sind, sondern weitab der Innenstadt am Flugplatz. Dort sei es bislang nicht zu unzulässigen Grenzwertüberschreitungen gekommen, sagt Stadtpressesprecher Daniel Gritz.

Geld nur für Städte mit Grenzwertüberschreitungen

Mädge will sich dennoch für besssere Luft in Lüneburgs Innenstadt einsetzen, dazu gehört auch die Anschaffung von Elektrobussen. Da dies aber die Finanzkraft der KVG deutlich übersteigen dürfte, hofft Mädge auf Finanzhilfen von Bund und Land. Als hätte Berlin den Lüneburger Appell vernommen, wurde kürzlich eine Milliarde Euro für die Verbesserung der Luft in deutschen Städten angekündigt.

Zwar würden auf Niedersachsen davon laut Stadt rund 90 Millionen Euro entfallen, ob aber auch Lüneburg von dem Geldsegen profitieren kann, ist ungewiss. Denn bedient werden vornehmlich Städte, in denen die Grenzwerte überschritten werden: Braunschweig, Hannover, Oldenburg. „Man muss sehen, wie viel übrig bleibt von dem Geld. Aber Städtetag und Städte- und Gemeindebund in Niedersachsen sind sich einig, dass für alle Geld da sein muss, auch und gerade für präventive Maßnahmen. Das wird sicherlich ein Gesprächspunkt mit der neuen Landesregierung sein“, sagt Mädge. Er hofft daher auf eine zweite Milliarde, „und von der hätten wir dann aber auch gerne etwas ab“.

Ob zusätzliches Geld bei der Beschaffung emissionsarmer Busse helfen wird, ist laut KVG noch nicht ausgemacht: „Selbst wenn die Technik ausgereift und die Infrastruktur vorhanden wäre, würde es Engpässe bei den Kapazitäten der Bus-Hersteller geben“, ist Oliver Blau überzeugt.

Von Ulf Stüwe

4 Kommentare

  1. Jetzt würde mich doch mal interessieren, womit man begründet, das eine Luftschadstoffmessstation weitab vom Stadtzentrum in relativ offenem Gelände aufgestellt wird! Will man damit sichergehen, das auch ganz bestimmt keine Grenzwertüberschreitungen gemessen werden?

  2. Wir schreiben das Jahr 2017 und der KVG „testet“ Busse mit Elektroantrieb?

    Zitat: „Selbst wenn … die Infrastruktur vorhanden wäre,…“
    Klingt als wäre die Infrastruktur noch nicht vorhanden. Was wurde dann „getestet“? Dass Busse mit Elektroantrieb fahren?

    Kannste dir alles gar nicht ausdenken…

  3. Noch ein Lüneburger

    Das nennt man, glaube ich, einen Schildbürgerstreich. Oder ein klassisches Eigentor. Oder einen schlechten Witz. Erst verschiebt man die Schadstoffmessung dorthin, wo immer frische Luft ist, und dann wundert man sich, dass man als schadstoffarme Stadt gilt, während andere Städte an vielbefahrenen Straßen messen lassen, so dringenden Handlungsbedarf erzeugen und Subventionen einsacken.

  4. Wenn ich den obigen Artikel und die Kommentare dazu lese drängt sich mir der leise Verdacht auf, dass unser OB Herr Mädge gerne eine Schadstoffbelastete Stadt hätte um an Millionen Fördergelder zu kommen und die Kommentatoren schon wissen dass in Lüneburg eine hohe Schadstoffbelastung vorhanden ist. Und auch was die Technik angeht wissen die Kommentatoren scheinbar bestens Bescheid.
    Herr Mädge wünscht sich Finanzhilfen von Bund und Land und deshalb eine Aufstockung der beschlossenen Förderung für Städte mit Grenzwertüberschreitung um eine weitere Milliarde und möchte dann davon etwas ab haben. Mit welchem Recht Herr Mädge? Bislang gibt es keinen Nachweis dass in Lüneburg Grenzwerte überschritten werden. Nur weil das Thema brandheiß aktuell ist und es sich fein macht sich hier als der „Macher“ populistisch darzustellen? Für mich ist das Großmannssucht. Und dann sagt er selbst auf Frage der LZ: „Droht damit also auch Lüneburg ein Fahrverbot? „Nein“, sagt Oberbürgermeister Ulrich Mädge, „unsere Innenstadt ist autoarm.“ Na also. Und die Messstation am Flugplatz steht gar nicht so falsch, weil nah an der von Tausenden Fahrzeugen täglichen befahrenen Ostumgehung.
    Ich glaube auch nicht dass selbst zu Spitzenzeiten in der Reichenbach- oder Schießgrabenstrasse Grenzwerte überschritten werden, weil die Bebauung in Lüneburg nicht entfernt mit der in den Innenstädten von Stuttgart, München, Hannover oder Düsseldorf vergleichbar ist. In diesen Innenstädten hat die Luft kaum eine Möglichkeit zu entweichen. In Lüneburg praktisch überall. Damit ich nicht falsch verstanden werde. Damit will ich in keiner Weise Schadstoffausstöße (egal aus welcher Quelle) verharmlosen. Darum geht es hier aber gar nicht. Mich stört dass man sich in Lüneburg mal wieder viel zu wichtig nimmt. Und die LZ spielt brav mit indem sie darauf hinweist dass die Busse wochentags 980 mal den Sand ansteuern. Zuerst würde mich interessieren aus welcher Untersuchung diese Zahl stammt. Und dann möchte ich zu bedenken geben, dass die Busse an den Haltestellen nicht permanent mit laufendem Motor stehen. Aber 980 An- und Abfahrten jeden Wochentag klingt natürlich erst mal dramatisch. Peng! Das sitzt und setzt sich fest.
    Und dann noch zu der Infrastruktur für E-Fahrzeuge. Natürlich ist die für rund 140 durch KVG und VOG täglich eingesetzten Busse bei weitem längst nicht ausreichend. Es darf nicht vergessen werden dass Busse einen völlig anderen Energiebedarf haben als ein Smart oder vergleichbarer Kleinwagen mit E-Motor. Nach meiner Kenntnis waren mit Stand 01.01.2017 in der Region Lüneburg lediglich 575 Elektrofahrzeuge zugelassen. 0,06% aller zugelassenen Fahrzeuge in der Region. Was sind aber dagegen rund 140 Busse mit deutlich höherem Energiebedarf täglich die alle ebenso täglich auch Lüneburg anfahren. Da genügen die wenigen Ladestationen hinten und vorne nicht. Zudem verweist Herr Blau von der KVG zu Recht darauf, dass die Technologie längst noch nicht für eine Serienproduktion von Bussen ausgereift ist. Auch die Kosten für einen derartig angetriebenen Bus sind nicht mal eben aus der Portokasse zu bezahlen. Und selbst wenn alles so weit ist/wäre, lässt sich ein derartiger Bus nicht von Heute auf Morgen herstellen. Fabrikationsabläufe und Montagehallen müssen neu eingerichtet werden und vermutlich auch das Personal neu geschult werden.
    Überhaupt noch nicht geklärt ist zudem die Entsorgung von verbrauchten Batterien. Ganz zu schweigen von dem Energieaufwand zur Herstellung der Batterien und dem Energieaufwand zur Versorgung von Elektrofahrzeugen. Wir haben noch nicht mal Trassen um Strom aus Windkraft von Nord nach Süd zu transportieren und dennoch glauben viele Menschen die Umstellung auf Elektrofahrzeuge ist das non plus ultra und mal eben in wenigen Jahren um zu setzen und zu lösen. Besonders schick durch eine Vorgabe mit fester Terminsetzung. Was für ein Blödsinn. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Also auf dem Teppich bleiben und nicht einfach nur Parolen und Ideologien hinterher laufen, sondern das Thema mit allem was damit verbunden ist als Ganzes betrachten. Nur so kann ein Schuh daraus werden.