Aktuell
Home | Lokales | Im Visier der Datenschützer
Vollgestopft mit Technik ist das Amazon-Logistikzentrum in Winsen. Diese soll einem Medienbericht zufolge auch dazu dienen, die Beschäftigten auf Schritt und Tritt zu kontrollieren. Das Unternehmen ist sich keiner Schuld bewusst. (Foto: phs)

Im Visier der Datenschützer

Winsen/Luhe. Der Internetver­sandriese Amazon ist in das Visier der niedersächsischen Datenschutzbeauftragten Barbara Thiel geraten. Aufgrund von Medienberichte n habe die Behörde ein Kontrollverfahren gegen das Unternehmen eingeleitet und dem Konzern einen Fragenkatalog zugestellt, sagte Jens Thurow aus der Pressestelle der Datenschutzbeauftragten gestern der Deutschen Presseagentur (dpa). Bis Ende des Jahres habe das Unternehmen Zeit, die Fragen zu beantworten.

Hintergrund ist ein Bericht des NDR-Fernsehmagazins „Panorama 3“ über das erst im September eröffnete Amazon-Logistikzentrum im Winsener Gewerbegebiet Luhdorf. Dort arbeiten derzeit fast 3000 Menschen. Als Saisonarbeiter für die Weihnachtszeit hatte sich verdeckt auch ein Panorama-Mitarbeiter anwerben lassen. Über seine Beobachtungen und Erfahrungen hatte das Fernsehmagazin am Dienstagabend berichtet.

Einladung an Landesdatenschutzbeauftragte nach Winsen

In dem Beitrag wird Amazon unter anderem vorgeworfen, per Computer und durch Kameras die Mitarbeiter zu überwachen und die Daten zur Leistungskontrolle zu verwenden. Eine lückenlose Leistungskontrolle und eine permanente Videoüberwachung wären unzulässig, sagte Behördensprecher Thurow: „Wir wollen jetzt wissen, was an dem Verdacht dran ist.“

„Der Mensch ist doch kein Roboter.“
Matthias Hoffmann, ver.di-Bezirksgeschäftsführer

Das Unternehmen hingegen bestreitet die Panorama-Vorwürfe. „Die für die logistischen Prozesse eingesetzten Systeme wurden mehrfach von Landesdatenschutzbeauftragten überprüft und für zulässig befunden“, sagt Pressesprecher Michael Schneider. Insgesamt unterhält der Konzern elf Logistikzentren in Deutschland. Amazon sei auch in Kontakt mit der für Winsen zuständigen Behörde, man werde die Landesdatenschutzbeauftragte in das Logistikzentrum einladen, erklärte Schneider.

Noch einen Schritt weiter in seiner Kritik an Amazon geht der Bezirksgeschäftsführer der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Matthias Hoffmann, aus Lüneburg. „Die Überwachung von Mitarbeitern ist noch nicht einmal das Entscheidende in den Logistikzentren. Mit Hilfe von Scannern wird der Mensch in das auf Effektivität getrimmte Amazon-System integriert.“ Anders ausgedrückt: Der Mensch steht im Wettbewerb mit Maschinen. „Ziel wird es sein, den Menschen in den Logstikzentren durch Roboter zu ersetzen. Doch noch ist es nicht so weit“, sagt Hoffmann.

Amazon: „Kameras dienen nicht zur Leistungsüberwachung“

Daraus erwächst derzeit noch ein Wettbewerb zwischen Mensch und Roboter, den der ver.di-Geschäftsführer so beschreibt: „Eine Kollegin hat mir kürzlich stolz berichtet, dass sie 350 Teile in der Stunde greifen kann. ‚Damit bin ich schneller als der Roboter.‘ Ich habe sie nur gefragt: ,Wie lange noch?‘“ Doch das sei ihr egal gewesen. Hoffmann aber sagt: „Der Mensch ist doch kein Roboter.“
Wer seinen Ansatz weiter verfolgt, kommt auch zu dieser Schlussfolgerung: Um das System weiter verbessern zu können, muss Amazon den Weg der Ware dokumentieren. Automatisch erfasst wird damit auch die Leistung des Systemteils Mensch. Schließlich wird jede Komponente auf ihre Effektivität hin überprüft.

Für die Kameras im Logistikzentrum in Winsen hat Unternehmenssprecher Schneider vielleicht auch deshalb unverfängliche Erklärungen parat: „In Winsen befinden sich Kameras im Spindraum zum Schutz des Mitarbeitereigentums.“ Die Umkleiden seien räumlich davon getrennt und dort befänden sich keine Kameras. Schneider weiter: „Die Videoaufzeichnung dient nicht zur Leistungsüberwachung von Mitarbeitern und wird aus operativen Gründen genutzt, zum Beispiel für Notausgänge und Fördertechnik. Die entsprechenden Aufzeichnungen sind nur dem Sicherheits- und Technikpersonal zugänglich. Vorgesetzte der Mitarbeiter haben keinen Zugriff auf diese Kamerabilder.“ lni/wa/ml

One comment

  1. Wer sich darüber noch wundert oder überrascht ist, legt eigentlich nur seine Naivität offen.