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Maria Lazer beim Frauencafé. Vor allem die Kinder sind an diesem Tag besonders fröhlich, sie hat jedem von ihnen ein Nikolaus-Geschenk gemacht. (Foto: t&w)

Wie es ist, zu helfen

Scharnebeck. Am Tag des Abschieds scheint die Sonne, es ist ungewöhnlich warm für Oktober. Maria Lazer steht mit der zehnköpfigen Familie au s Bosnien im Flughafen Köln-Bonn am Abflugschalter, ihr läuft der Schweiß über die Schläfen. Fast acht Stunden ist sie auf den Beinen, fünf davon steuerte sie den Kleinbus über die Autobahn. Nun nimmt sie die Menschen, um die sie sich zwei Jahre lang gekümmert hat, ein letztes Mal in die Arme, dreht sich um und geht. Die Familie besteigt kurz darauf das Flugzeug nach Sarajevo. Es ist die beste Lösung, das hat Maria Lazer ihnen wieder und wieder gesagt.

Als der Flieger abhebt, ist die 66-Jährige schon auf dem Heimweg nach Scharnebeck. Dieses Mal sitzt ihr Sohn am Steuer, sie selbst lehnt erschöpft auf dem Beifahrersitz. Der Abschied, vor Wochen der Abschiebebescheid, dann der lange Kampf, die Familie von den Vorteilen der freiwilligen Ausreise zu überzeugen – das hat sie an den Rand ihrer Kräfte gebracht. Schweigend, den Kopf an die Scheibe gestützt, beobachtet sie, wie draußen das Land vorbeizieht. „Jetzt wäre ein guter Moment, um hinzuschmeißen“, denkt sie.

Seit vier Jahren engagiert sich Maria Lazer in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe. Am Anfang ging es ihr, wie später Tausenden: Sie war neugierig, wollte helfen. Mit dem Auto fuhr sie im Winter 2013 zur Flüchtlingsunterkunft im Ort und fragte, ob jemand etwas braucht. „Kurz darauf hatte ich das erste Behördenschreiben unter der Nase und war mittendrin.“

„Erfüllend, aber auch verdammt oft enttäuschend“

Im ersten Jahr kämpfte sie vor allem gegen Abschiebungen nach Italien, Ungarn oder Griechenland. Zum Dank kochten die Flüchtlinge für sie, umarmten sie und sagten: „Maria ist die Beste!“ Genauso hatte sie sich die Arbeit erhofft, erfüllend und befriedigend.

Sie blieb dabei, als im Sommer 2015 die Flüchtlingsbewegung ihren Höhepunkt erreichte. Und sie machte weiter, als die Euphorie nach dem großen Willkommensfest bei vielen Helfern schon wieder verflogen war. Sie wollte etwas bewirken – und lernte, was es tatsächlich bedeutet, Flüchtlingen zu helfen. Heute sagt sie: „Es ist erfüllend, aber auch frustrierend und verdammt oft enttäuschend.“

Es gibt Helfer, die hat diese Erfahrung irgendwann hinschmeißen lassen. „Manche konnten die Enttäuschung über Politik, Bürokratie oder die Langwierigkeit des Integrationsprozesses nicht mehr aushalten“, berichtet Tanja Geilert von der Migrationsberatung der Arbeiterwohlfahrt in Lüneburg. „Andere sind irgendwann ausgebrannt oder ausgestiegen, weil sie andere Vorstellungen von Dankbarkeit oder Anpassungswillen der Flüchtlinge hatten.“

Auch Maria Lazer hat mehr als einmal darüber nachgedacht, aber nie hingeschmissen. Nicht nach der Ausreise der Roma-Familie nach Bosnien. Nicht nach der x-ten Lüge, die sie ihr in den Wochen zuvor aufgetischt haben. Nicht nach dem Erpressungsversuch eines alkoholkranken Sudanesen, den sie 2014 vor der Abschiebung bewahrt hatte. „500 Euro oder ich komme zu dir nach Hause und du bekommst große, große Probleme“, hatte er ihr vor Kurzem als Sprachnachricht aufs Handy geschickt. Sie ging am nächsten Tag zur Polizei und zeigte ihn an. „Wenn er sich jetzt noch irgendwas zu Schulden kommen lässt, kommt er in Abschiebehaft“, sagt sie. „Und ganz ehrlich? Ich wäre nicht traurig drum.“

Da sein bis zum bitteren Ende

Die ehemalige Lehrerin für Pflegeberufe sitzt in einem Lüneburger Café vor einer Tasse grünen Tee, während sie von den „scheiß Momenten“ in der Flüchtlingshilfe erzählt. Sie spricht von der Wut, wenn einer ihrer Schützlinge von heute auf morgen den mühsam besorgten Ausbildungsplatz geschmissen hat. Von der Enttäuschung, als einer der Frauen trotz aller Hilfe bei ihrem gewalttätigen Ehemann geblieben ist. Vom miesen Gefühl, wenn ihr wieder jemand aus Frust „scheiß Maria“ ins Gesicht geschleudert hat. Auf die Frage, warum sie trotzdem weiter macht, sagt sie: Weil es mindestens genauso viele gute Momente gebe. „Und weil ich emotional viel zu tief drin stecke.“

Maria Lazer hat Flüchtlingsfamilien über Monate, manche über Jahre begleitet. Sie hat einer jungen Afghanin bei der Geburt von Zwillingen im Lüneburger Kreißsaal die Hand gehalten und für eine traumatisierte Frau von der Elfenbeinküste die gesetzliche Betreuung übernommen. Ein Junge aus Somalia, „ist für uns zum zweiten Sohn geworden“ und der jüngste Sohn der Bosnier, „nannte mich Oma“. „Das sind Beziehungen, aus denen steigt man nicht einfach so aus, egal wie kompliziert sie manchmal sind“, sagt sie.

Und nicht nur das: Maria Lazer hat viel erreicht. „Sechs Jungs habe ich erfolgreich in Ausbildung gebracht, kein einziger unserer Leute ist im Zuge der Dublin-Verordnung abgeschoben worden.“ Das Frauencafé „Suleika“, das sie mit ihrer Freundin Nina Schoop aufgebaut hat, sei gut besucht, sie selbst zur Fast-Expertin in allen Asylrechts-, Ausbildungs-, Betreuungs- und Sozialrechtsfragen geworden. „Nur für die Bosnier konnte ich irgendwann nichts mehr tun, außer sie zu überzeugen, mit dem Startkapital vom Staat freiwillig zurückzukehren.“ Als sie die älteste Tochter am Flughafen ein letztes Mal in die Arme nahm, „ist mir das Herz gebrochen“. Doch auch das ist für sie Teil ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe. „Da sein bis zum bitteren Ende.“

Von Anna Sprockhoff