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Hubertus Heinrich geht in den Ruhestand. Foto: ca

Unruhestand im Ruhestand

Lüneburg. Irgendwie war Hubi immer schon da. Damals unten im Keller des Jugendzentrums hat er aufgepasst, dass es bei Feten und Konzerten nicht zu heftig wurde. Dann stand er auch selber mit seiner Band auf der Bühne, Orange Uran hieß die und spielte irgendwas zwischen Pogo und Rock. Das ist bald vier Jahrzehnte her. Später hat der Sozialarbeiter dann die alkoholfreie Zone auf dem Stadtfest mit ins Leben gerufen, und als immer wiederkehrende Wiederholung kontrollierte er auf den Jahrmärkten Taschen: Jugendliche und Schnaps passen nicht zusammen, wegkippen. Hubi heißt eigentlich Hubertus Heinrich, jetzt wird der ewige Begleiter der Jugend Rentner.

„Ende des Jahres ist es so weit“, sagt der fast 63-Jährige bei einem Milchkaffee. „Aber es wird ein Unruhestand.“ Was sonst? Denn so ganz aufhören will Hubi nicht. Er hat sich engagiert, damit sich Lüneburg an dem Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit!“ beteiligt. Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturen und sozialen Gruppen kommen so zusammen. Heinrich wurde zum Partizipations-Beauftragten berufen. Er lacht und sagt: „Das Wort verstehen die Kids doch nicht, ich habe gesagt, ich bin der Mitmach-Onkel.“

„Man muss junge Leute früh einbinden.“

Das Engagement könne er doch nicht einstellen, nur weil er nun in den Ruhestand gehe. Also weiter Projekte. Das hat sicher auch mit seiner Geschichte zu tun. Eigentlich wollte er nach seinem Studium in Braunschweig anfangen: „Die wollten mich nicht haben, ich hatte bei einer Demo Eier auf die NPD geworfen.“ Gegen Vorurteile einzutreten, ist ihm eine Herzensangelegenheit: „Man muss junge Leute früh einbinden.“ Gerade angesichts von Wahlergebnissen, die fremdenfeindliche Gruppierungen stark machen.

Dagegen sein gehört für ihn dazu. „Als Anwalt von Jugendlichen muss ich mich mit dem Anstellungsträger fachlich auseinandersetzen“, sagt er im schönsten Verwaltungsdeutsch und lacht. Einfacher: Es knirscht, weil Jugendliche Freiräume brauchen, das bedeutet auch Protest und ein Verhalten, das nicht immer gefällt.

Dagegen sein hat Folgen. Hubi hat sie zu spüren bekommen. Die Wurzeln für diesen Konflikt reichen weit zurück. 1981 hat die LZ geschrieben „Im AKJZ bröckelt der Putz“, das AKJZ war das Jugendzentrum unten im Keller, Teil im Komplex der Musikschule. Nach langer Debatte bewilligte die Stadt endlich Geld für Baumaßnahmen, die Jugendlichen konnten umziehen in den Katzen-Trakt an der Katzenstraße. Das war auch Hubis Werk.

Im Standesamt traut er Ehepaare

Als die Stadt jetzt die Musikschule zum Theater verlagerte, wollte sie das Ensemble verkaufen, um die Finanzierung zu sichern. Dagegen formierte sich Widerstand, ein Kunst- und Kulturzentrum solle mitten in der Stadt entstehen. Hubi gehörte zu den Wortführern. Das kam an der Verwaltungsspitze nicht gut an. Es gab plötzlich viele Gründe, die Jugendarbeit neu zu sortieren, Hubi war jedenfalls schließlich nicht mehr Stadtjugendpfleger, sondern der Partizipationsmann.

Immerhin das Jugendzen­trum ist neben einem Wohnprojekt in seinen alten Räumen geblieben. Mitten in der Stadt, da wo eben auch die Jugend ist.

Hubertus Heinrich, dreifach eigener Vater und zweimal Mit-Vater bei seiner zweiten Frau, hat auch eine bürgerliche Seite, im Standesamt traut er Ehepaare: „Auch das mache ich weiter, um meine Rente aufzubessern.“

Aber er will auch rüber nach Nien­dorf an der Ostsee, um mit seinem Boot zu segeln, Yoga steht an, dazu ein paar buddhistische Weisheiten. Ein Satz, den er lebt, ist besonders schön: „Man muss sich manchmal auf den Hügel setzen und warten, bis die Seele nachkommt.“

Von Carlo Eggeling