Donnerstag , 13. Dezember 2018
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Der Bardowicker Landwirt Karl-Heinz Gehrke prüft die Qualität des Grünkohls. Geerntet wird meist nur noch auf Bestellung. Foto: t&w

Smoothies können Grünkohl nicht retten

Bardowick. Als die Politik beschloss, den Buß- und Bettag ab 1995 als gesetzlichen Feiertag abzuschaffen, war ihr wohl gar nicht klar, wie weit die Auswirkungen reichen würden. Arbeitnehmer und Schulkinder mussten wieder früh aus den Federn, Gläubige hatten keine Zeit mehr für Umkehr und Gebet – und den Landwirten fehlte plötzlich ein ganz wichtiger Termin im Kalender: der offizielle Start der Grünkohlsaison. Die Folgen spüren sie noch immer.

„Am Buß- und Bettag haben die Leute traditionell Grünkohl gegessen“, sagt Karl-Heinz Gehrke aus Bardowick, „es gab dann eine richtige Grünkohlwoche. Seitdem der gesetzliche Feiertag weggefallen ist, ist der Absatz zurückgegangen. Das können auch angesagte Trends wie Smoothies nicht kompensieren.“

Kultivierte seine Familie früher auf rund drei Hektar Land das vitaminreiche Gemüse, sind es heute gerade noch einer. Tendenz sinkend. Mutter Monika erinnert sich: „Damals gab es in Bardowick mehr als 120 Landwirte, und alle haben Grünkohl angebaut. Heute sind es noch etwa 20. Zwischen 3000 und 4000 Tüten haben wir früher am Tag verpackt, heute sind es noch ein Zehntel.“ Die meisten davon auf Bestellung.

Schon seit Anfang Oktober läuft die Ernte

Wenn die Händler aus Hamburg anrufen, werden die Pflanzen frisch geerntet, die Blätter dann vom Stiel geschnitten und in Plastikbeutel gefüllt. Schon seit Anfang Oktober läuft die Ernte. Früher wurde der Kohl frühestens nach dem ersten Frost geerntet. „Die kalten Temperaturen wandeln einen Teil der Stärke in Zucker um und machen das Gemüse damit süßer“, erklärt Karl-Heinz Gehrke. Das ist heute anders.

Wurde bei den Bardowickern früher hauptsächlich die schmalblättrige Lerchenzunge angebaut, heißt die aktuelle Sorte vielversprechend „Winnetou“. „Sie ist grob gekraust und dunkelgrün“, erklärt Karl-Heinz Gehrke, „und hat einen höheren Ertrag.“ Denn der ist nötig – erfolgt der gesamte Ablauf von der Ernte bis zur Abfüllung doch in Handarbeit. „Seitdem der Mindestlohn eingeführt wurde, lohnt der Aufwand für unseren kleinen Betrieb aber nicht mehr wirklich“, sagt der Landwirt, „und das liegt hauptsächlich am Preis.“ Rund einen Euro bekommt er auf dem Großmarkt in Hamburg für das Kilo, auf dem Wochenmarkt in Flottbek etwas mehr. Zumindest die Nachfrage ist aber variabel.

Gemüse ist enorm reich an Vitamin C

„Wenn im Fernsehen eine Sendung gelaufen ist, in der angesagte Köche wie Tim Mälzer oder Rainer Sass ein neues Gericht mit Grünkohl präsentieren, ist der Absatz am nächsten Tag ein wenig höher“, sagt Karl-Heinz Gehrke schmunzelnd, „das ist erfreulich.“ Nicht selten aber bleibt der Bardowicker auf einem Teil seiner Ware sitzen, den Grund dafür kennt er nicht.

Das Gemüse ist enorm reich an Vitamin C und enthält Stoffe, die etwa den Cholesterinspiegel senken und Krebs hemmen können, es kann in den vielfältigsten Varianten zubereitet werden und gilt derzeit eigentlich als „hip“: im Salat, mariniert, mit Pasta oder als Smoothie – der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Und auch Grünkohl-Chips oder das Gemüse in Öl gebraten sind derzeit im Trend. In Amerika ist sogar die führende Fastfood-Kette aufgesprungen – und serviert seit Neuestem ein Frühstücksgericht mit der „Friesischen Palme“.

Aber auch ganz klassisch, mit Speck, Kassler und Pinkel steht das norddeutsche Wintergemüse noch häufig auf der Speisekarte – bei vielen Familien auch zu Weihnachten an Heiligabend. Hoffentlich wird der nicht auch noch abgeschafft.

Von Ute Lühr

Rezept

Grünkohl einmal anders

Grünkohlrolle (für zwei bis drei Personen) von Monika Gehrke:

Ein Kilogramm Grünkohl mit zwei Schalotten oder Zwiebeln, einem Stück geriebenem Ingwer, einem Teelöffel Gemüsebrühe und einem Becher Wasser etwa 20 Minuten garen. Mit Salz und Pfeffer würzen.

Ein Kilogramm Kartoffeln kochen und mit einem Ei, zwei Löffeln Mehl und Muskatnuss zu Kartoffelmus verarbeiten. Dieses auf ein mit Backpapier belegtes Blech verstreichen und den Grünkohl darauf verteilen. Die Masse mit Hilfe des Backpapiers wie eine Biskuitrolle aufrollen und im Backofen 25 Minuten bei 200 Grad Celsius backen. Dann in ein bis zwei Zentimeter breite Scheiben schneiden.

Dazu passt Kräuterschmand oder Sahnemeerrettich.