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Der Reichelsheimer Gerd Schwinn hat sich mit der Wortbedeutung des Platzes „Am Sande“ auseinandergesetzt. (Foto: be)

Warum der Sand ein „e“ hat

Lüneburg. Den Platz „Am Sande“ kennt in Lüneburg vermutlich jeder, und wer nur „Sand“ sagt, liegt auch nicht falsch. Zwar wird immer mal wieder da rüber gestritten, wie er denn nun richtig heißt, doch woher das „e“ hinter dem Sand kommt, wissen wohl die wenigsten. Aufklärung kommt jetzt aus dem südhessischen Reichelsheim.

„Aufgefallen ist mir das bei einer Stadtführung“, sagt Gerd Schwinn. Der Reichelsheimer war vor einigen Jahren zu Gast bei Freunden in Lüdersburg, die er zuvor bei einem Urlaub in Sri Lanka kennengelernt hatte. Seitdem gab es regelmäßige Treffen, dabei wurde stets auch Lüneburg besucht.

„Als gelegentlicher Gast in Lüneburg habe ich mich immer über den Namen ‚Am Sande‘ gewundert, heißt es doch eigentlich ‚Sand‘“, sagt Gerd Schwinn. Der 80-Jährige ging daraufhin der Sache und seiner großen Leidenschaft nach, denn Schwinn, ehemaliger Lehrer für Mathematik und Physik, beschäftigt sich seit seiner frühen Jugend mit Volkskunde und der Herkunft und Geschichte der Wörter. Dabei stieß er auf das lutherische „e“.

„Früher war am Ende vieler Wörter ein ‘e‘ zu finden, aber im Lauf des 14. und 15. Jahrhunderts fiel es nach und nach weg, besonders in Süddeutschland“, sagt Schwinn. Erst durch den Einfluss Martin Luthers, insbesondere durch dessen Übersetzung der Bibel ins Hochdeutsche und deren Verbreitung im gesamten deutschsprachigen Raum, habe sich das „e“ allmählich wieder durchsetzen können. In vielen Redensarten und in der Umgangssprache fehle es aber noch heute, erläutert Schwinn. „Dort sagt man noch ‚Seel‘ statt Seele, ebenso ‚Jack‘ oder ‚Brill‘ statt Jacke und Brille.“

‚Sande‘ allein reicht nicht

Luther habe das Verschwinden des „e“ nicht gutgeheißen und quasi in „letzter Minute“ gerettet, will Schwinn herausgefunden haben. Bei manchen Wörtern fehle es aber noch heute, so auch beim norddeutschen „Sand“. „Die Lüneburger sind Luther jedoch treu geblieben und nennen ihren Platz nicht ‚Am Sand‘, sondern ‚Am Sande‘“.

Dass der Wegfall des Endungs-“e“ im süddeutschen Raum mit Luther zu tun hat, dafür findet sich eine Bestätigung auch auf Wikipedia. Dort wird es konsequenterweise auch als „ketzerisches e“ bezeichnet, das von der in Süddeutschland vorherrschenden katholischen Kirche bis ins 18. Jahrhundert sogar bewusst abgelehnt worden sein soll.

Vor 17 Jahren hatte sich auch Lüneburgs frühere Stadtarchivarin Dr. Uta Reinhardt zur richtigen Schreibweise des Platzes, der als solcher nicht gewidmet, aber doch unverkennbar einer ist, geäußert. Immer wieder hatte die LZ dazu Nachfragen ihrer Leser erhalten. Dr. Reinhardt damals: „Schlicht falsch ist es, vom Platz als ‚Sande‘ zu sprechen.“ Korrekt sei es aber, vom „Platz am Sande“ oder einfach vom „Sand“ zu sprechen.

Von Ulf Stüwe

2 Kommentare

  1. Wahnsinnserkenntnis … man spricht doch auch von „am Fuße“, „am Wege“, „am Tore“ etc …

  2. Die sogenannte e-Apokope (von griechisch ἀποκοπή ‚Abschneidung‘, ‚Weglassung‘) der mittelhochdeutschen Lautverschiebung ist für jeden Germanisten ein uralter Hut. Seit 2014 gibt es eine (auch für LZ-Redakteure und Lüneburger Stadtarchivarinnen und Archivare) gut lesbare resümierende Untersuchung über Martin Luthers Bedeutung für die Entwicklung unserer Schriftsprache: Werner Bersch: „Luther und die deutsche Sprache. 500 Jahre deutsche Sprachgeschichte im Lichte der neueren Forschung“. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2014 (hier zum Thema besonders die Seiten 103 bis 129): http://www.esv.info/978-3-503-15522-4

    Das Bibeldeutsch Luthers, gefestigt in lebenslanger Spracharbeit, wird im Nachhinein ein wichtiger Steuerungsfaktor für die Ausbildung der deutschen Schriftsprache. Vermittelt durch die Kanzleien und die Universitäten, aber vor allem durch die (auch ZuhausE (!) gesungenen) Kirchenlieder VEREINHEITLICHT es Schreibweisen (nicht unbedingt Redeweisen (!), wie wir noch heute bemerken) über die konfessionellen (und damit auch über die innerdeutschen politischen) Grenzen hinweg. So kommt es schließlich dahin, dass die Reformation einerseits zur Kirchenspaltung führt, anderer- seits zur deutschen Spracheinigung verhilft. Beides war in Luthers Vorhaben in dieser Form nicht gewollt, keineswegs angestrebt.

    Seine „Forschungen“ dürfte Gerd Schwinn vor allem im folgenden Welt-Artikel von 2015 getätigt haben:

    https://www.welt.de/kultur/article148812173/Wie-Luthers-deutsche-Bibel-das-kleine-e-rettete.html