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Pastor Eckhard Oldenburg, Kantor Stefan Metzger-Frey und Küster Maik Ondra. Foto: t&w

Sie machen Kirche

Lüneburg. Ein guter Mann sorgt vor. Als die Lichterkette ihren Dienst verweigert, hat Maik Ondra den Fehler schnell gefunden: Es liegt an der Steckdosenleiste. Ersatz muss er nicht lange suchen, keine zehn Meter neben der fünf Meter hohen Tanne vor dem Alter liegt eine weitere Leiste parat. Ondra eilt hin. Der Austausch dauert keine zwei Minuten – und siehe da: Es ward Licht. Der Weihnachtsbaum in St. Nicolai leuchtet. „Advent, Advent, ein Küster rennt“, sagt Ondra und schmunzelt.

Ein bisschen aufs Tempo drücken, das muss in diesen Tagen auch Stefan Metzger-Frey. Jüngst lief er bei einem Konzert in der Kirche zwischen der großen Kirchenorgel und einer deutlich kleineren viermal von unten nach oben und wieder zurück – auch eine Methode, um fit zu bleiben in einer Zeit, in der es sich andere gern gemütlich machen und süße Leckereien genießen.

Wenn andere feiern, müssen sie arbeiten

Zum Zurücklehnen hat Eckhard Oldenburg ebenfalls keine Zeit. Vor ihm liegt eine Menge Arbeit, gerade an Heiligabend: Kinderchristvesper mit Krippenspiel um 15.30 Uhr, Gottesdienst um 17.30 Uhr, Christnacht um 23 Uhr – alle drei Feiern gestaltet der Pastor. Und keine soll sein wie die andere. Ondra, Oldenburg und Metzger-Frey – dieses Trio in St. Nicolai steht stellvertretend für jene, die an Weihnachten, wenn alle anderen feiern, arbeiten müssen.

Pastor Eckhard Oldenburg.

St. Nicolai ist die kleinste der drei traditionsreichen evangelischen Kirchengemeinden der Lüneburger Innenstadt. Auch ein Grund, warum Oldenburg so oft ran muss in diesen Tagen. Er ist der einzige Pastor der Gemeinde. Drei Einsätze an Heiligabend, einer am zweiten Weihnachtstag, Dienst an Silvester – und zwischen den Feiertagen tägliche Andachten. Und das ist nur die Arbeit in der Kirche. „Im Grunde haben wir schon die gesamte Advenszeit viel zu tun. Zum Beispiel als der Nikolaus am 5. Dezember da war, da hatten wir die Kirche richtig voll“, sagt Oldenburg. Zwischendurch sucht er bewusst die Ruhe, die er brauche, um nachzudenken über die Predigten, die sich nun häufen. „Ich habe schon den Anspruch, auch im 17.30-Uhr-Gottesdienst, bei dem die Predigt im Mittelpunkt steht, jedes Jahr eine neue zu halten und nicht eine von vor zwanzig Jahren nach dem Motto ,Da kann sich eh keiner mehr dran erinnern‘.“ Neben dem Vertrauten und Bekannten sei er dabei stets auf der Suche nach dem Bezug zu heute. „Ich sehe es als Herausforderung, dass die Leute, wenn sie nach Hause gehen, auch etwas für sich mitnehmen.“

Denn Heiligabend ist für ihn auch eine Chance, Menschen zu erreichen, die das ganze Jahr über eben nicht den Weg in die Kirche finden. Klar weiß er, dass er sie nicht alle erreichen kann, nicht alle wegen seiner Predigt kommen. Doch manches nimmt er mit Humor. „Da gibt es Leute, die kommen fünf Minuten vor Beginn des Gottesdienstes an Heiligabend und sind völlig konsterniert, dass wir für sie keine Sitzplätze haben.“

Trotz der vielen Einsätze und des Anspruchs, mit seinen Worten zum Nachdenken anregen zu wollen, wirkt er gelassen: „Früher war das auch schon mal mehr.“ Seit zehn Jahren ist er Geistlicher in der Lüneburger Gemeinde, schon immer aber war es so, dass er die eigene Familie „irgendwie dazwischengeschoben hat“ mit der Bescherung. „Unsere vier Kinder kennen das gar nicht anders, jetzt erleben es gerade unsere drei Enkel, dass es eben etwas länger dauert, wenn der Opa auch dabei sein soll.“ Nach dem zweiten und vor dem dritten Gottesdienst geht‘s zur Familie.

Küster Maik Ondra.

Auch Maik Ondra muss die Lücken suchen. Aber für ein kurzes Essen mit der Familie sei schon noch Luft an Heiligabend. Zuvor muss er dafür sorgen, dass möglichst viele Besucher in den Gottesdiensten sitzen können. „Wir stellen zusätzliche Bänke auf, kommen dann auf rund 600 Plätze“, sagt der Küster, für den der Heiligabenddienst nach dem Frühstück beginnt und gegen eins, halb zwei in der Nacht endet. Er ist auch erste Anlaufstelle für Oldenburg, wenn der „mal wieder eine tolle Idee hat“.

So habe mit Oldenburg auch die Technik Einzug gehalten in der Gemeinde. Als der Pastor vor zwei Jahren die Weihnachtsgeschichte las, sahen die Gottesdienstbesucher dazu passend einen Film mit aktuellen Bildern flüchtender Menschen. Dass alles geklappt hat – ein Verdienst des Küsters, der auch den Weihnachtsbaum schmückt, für die jeweils passende Beleuchtung sorgt, die Predigt aufzeichnet und Gesangsbücher auslegt. Er ist der Mann mit dem Schlüssel für die Tresore, in denen bis zum Heiligen Abend die Krippenfiguren aufbewahrt werden und in denen wertvolle historische Bibeln lagern. Er ist oft der erste Helfer, wenn ältere Menschen in der vollbesetzten Kirche plötzlich mit Kreislaufproblemen umkippen, und Beschwerdestelle, wenn Gottesdienstbesucher bei eher schattigen 16 Grad frieren, weil sie womöglich Wohnzimmerwärme erwartet hatten.

Kantor Stefan Metzger-Frey.

Die kühle Kirche kann Stefan Metzger-Frey längst nicht mehr überraschen. Daber sitzt der Kantor oft auch allein in den altehrwürdigen Gemäuern, übt vor allem abends für die vielen Auftritte in der Weihnachtszeit. Schon an drei vergangenen Sonnabenden sei die Kirche zur „Musik im Advent“ stets gut besucht gewesen. Weil die musikalische Bandbreite möglichst groß bleiben soll, von klassischer Kirchenmusik bis Jazzimprovisationen zu Adventschorälen, und „man nichts mal eben aus dem Effeff spielt, heißt es: fleißig üben. „Man muss eben hoffen, dass die Verwandschaft Verständnis hat, wenn zum Beispiel Weihnachtspakete mal wieder spät kommen oder nicht besonders aufwändig verpackt sind.“

Erleichterung, wenn Heiligabend geschafft ist

Zumal neben all den Advents- und Weihnachtseinsätzen auch noch das Programm für 2018 gestaltet werden will, an dem er zusammen mit seinen Kirchenmusikerkollegen von St. Johannis und St. Michaelis bastelt. An Heiligabend ist er bei zwei Gottesdiensten dabei. Seine beiden inzwischen volljährigen Kinder kommen zur Kinderchristvesper in die Kirche. Und dennoch: Ist alles vorbei, wird er drei Kreuze machen: „Ich mag meine Arbeit, aber gerade jetzt ist man oft am Rande seiner Kräfte, dass ich schon erleichtert sein werde, wenn Heiligabend geschafft ist.“
Von Alexander Hempelmann