Aktuell
Home | Lokales | „Und trotzdem . . . lieben wir uns!“
Marianne und Nicolaus Wilhelm Othmar haben ein Rezept für lebenslange Liebe: Humor und Kompromissbereitschaft. Foto: t&w

„Und trotzdem . . . lieben wir uns!“

Lüneburg. Das erste Date hatten sie im Sommer 1948, der erste Kuss folgte wenige Wochen später, an das erste „Ich liebe dich“ erinnern sie sich nicht mehr. Seit fast 70 Jahren sind Marianne und Nicolaus Wilhelm Othmar ein Paar, fast 65 Jahre lang verheiratet. Sie ist inzwischen 97, er gerade 90 geworden, gemeinsam wohnen sie in einem Appartement einer Lüneburger Seniorenresidenz. Sie haben geschafft, was viele wollen, aber immer weniger hinkriegen: die Ehe auf Dauer. Sie sitzt sitzt in einem schwarzen Sessel, er im Schaukelstuhl. Ein Gespräch über lebenslange Liebe.

Bald ist Weihnachten, das Fest der Liebe. Was fällt Ihnen als erstes ein bei dem Wort Liebe?

Er: Liebe… Ich liebte schon als kleiner Junge alle Mädchen und Frauen. Ich fand sie so wunderbar geschmeidig, nicht so hölzern wie die Männer. Als Junge war ich nie ein Schläger, aber ich konnte mich durchsetzen, hatte immer eine große Klappe, war Klassensprecher, beim Militär…

Sie: … aber sie wollte etwas über Liebe wissen.

Er: …ja, ja Liebe. Mich haben auch Mädchen aufgeklärt, stellen Sie sich mal diesen riesigen Vorteil vor!

Sie: Heute sind die Jugendlichen ja schon mit 13, 14 völlig informiert. Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Als ich meine Tage bekam, dachte ich, ich wäre schwer krank. Ich bin ohne Mutter groß geworden, sie ist gestorben, als ich anderthalb war. Dadurch habe ich ein sehr robustes Leben führen müssen, das war sehr hart am Anfang, mit Liebe war nichts bei mir. Ich kenne keine Nestwärme. Das kam alles erst viel später. Wenn ich meinen Mann nicht hätte, wäre ich ganz allein gewesen.

Apropos, wie haben Sie sich denn kennengelernt?

Er:Das war 1948 in Bad Brahm­stedt, in einer Rheuma-Heilanstalt und einem Lazarett für die Russland-Heimkehrer. Ich hatte mir bei einem Sturz mit dem Pferd im Krieg die Wirbelsäule ruiniert und sollte da genesen. Doch statt jeden Tag ins Moor zu steigen, hab ich mich bald mehr mit meiner Frau beschäftigt. Sie war dort Krankengymnastin.

Sie: Ich bin durch den Krieg dahin gekommen.

Er: Ich war ja eigentlich gar nicht für Krankengymnastik vorgesehen.

Sie: Im akuten Stadium macht man das eigentlich nicht, aber er hat solange gebohrt…

Er: Ich wollte unbedingt in ihre Gruppe. Sie war mir aufgefallen, wie sie abends einen Gang entlang lief. Sie hatte sich immer mit einer jüdischen Patientin getroffen, der hatte sie…

Sie: … ein Steak gebraten

Er: .. ja eine Rindfleisch-Schnitte, auf so einem kleinen Ofen. Im Gegenzug dafür bekam sie über Nacht das Radio.

Sie: Damit habe ich viele Theaterstücke gehört.

Er: Ich sah sie da also an diesem Abend, diese wunderschöne Frau mit dieser ganz schlanken Figur. Mir fiel sofort auf, wie gut sie angezogen war, sie hatte sich an den Mantel unten Kaninchenfell genäht. Das beeindruckte mich, es gab ja damals nur ziemlich öde Sachen. Da dachte ich: Mensch, das ist ja mal was ganz Besonderes, da muss ich mich mal drum kümmern. Das mit der Krankengymnastik klappte zwar nicht, aber ich bin dann mit ihr ins Kino gegangen.

Der 90 Jahre alte ehemalige Postdirektor ist groß und schlank, seine Frau eher klein und grazil. Sie trägt das schneeweiße Haar, wie es heute auch viele junge Frauen mögen: ohrläppchenlang mit einem frisch frisierten, schnurgeraden Pony. Er trägt Glatze und ist frisch rasiert.

„ Ich sah sie da also
an diesem Abend,
diese wunderschöne Frau . . .“
Wilhelm Othmar

Wie hat er Sie denn schließlich rumgekriegt?

Sie: Na ja, das hat sich hingezogen. Liebe auf den ersten Blick, das hatte ich nie. Ich hab eine Menge Männer kennengelernt, aber ich brauchte immer eine gewisse Zeit, dieses Überschwängliche, dieses 100-Prozentige, das habe ich nicht. Ich glaube auch, das hält besser, das etwas Langwierige.

Er: Wir waren dann schon ein bisschen befreundet, geküsst hatten wir uns und ich glaube, wir waren auch schon ein bisschen weitergekommen. Da musste ich sie ja auch mal mit nach Hause nehmen, nach Cuxhaven. Mein Vater war früh gestorben, meine Mutter Witwe, eine sehr gütige Frau. Sie mochte Marianne sofort, und meine Frau hatte das erste Mal erlebt, dass ihr morgens eine Mutter das Frühstück machte. Als meine Mutter ihr dann auch noch ein Brötchen mitgab für die Rückfahrt, dieses etwas steife Papier um das Brot wickelte mit dieser fürsorglichen Bewegung, da fing meine Frau bitterlich an zu heulen. Sofort hatte meine Mutter ihr gutes Herz für sie entdeckt. Überhaupt mochten alle sie, auch mein Bruder, meine Schwester.

Aber Sie mochten einander auch?

Sie: Ja, ja so ganz nebenbei (lacht). Aber es hat eine Weile gedauert, wir waren fünf Jahre zusammen und haben dann erst geheiratet. Standesamtlich, im ganz kleinen Kreis in Hamburg.

Er: Sie war nicht so besonders liebevoll zunächst, ihr fehlte ja die Mutter…

Sie: Ich war auch sehr ängstlich mit fremden Menschen, mein Vater, der hatte nur wenig Interesse an mir. Ich bin eigentlich völlig allein groß geworden.

Er: Und sie war misstrauisch, und dachte, alle Männer wollten nur was von einem und das, was sie wollen, ist ganz gefährlich für diejenigen, die dabei Frau sind.

Sie: Ich hatte von diesen Dingen ja keine Ahnung. Und wenn man von nichts ‚ne Ahnung hat, muss man sich da einarbeiten. Und man braucht Zuspruch, dass man mutiger wird.

Er: Auf jeden Fall wurde sie mir zu einer idealen Frau. Sie ist immer fair, sehr fair. Und sie kann auch sehr liebevoll sein, nicht überschäumend, aber liebevoll. Und sie mochte mich, weil ich erzählen konnte, weil ich auch ein bisschen…

Sie: …nun ja, er war zwar sieben Jahre jünger, aber er war sehr reif für sein Alter. Er hatte ja früh seinen Vater verloren und für die Familie gesorgt, deswegen hatte er diese Jugendlichkeit nicht, er war gleich erwachsen. Das war für mich ausschlaggebend, denn ich habe auch eine Vaterfigur gesucht, einen Mann, der für mich da war.

Marianne Othmar ist ein wenig schwerhörig, wenn die Fragen zu leise sind, versteht sie sie nicht. Doch bevor sie selbst nachfragen muss, hat meist ihr Mann schon reagiert und das Gesagte laut wiederholt. Sie lächelt, er nickt. Ein eingespieltes Team.

Ihr Mann ist ein echter Gentlemen, Frau Othmar. Gibt es denn auch etwas, das Sie an ihm stört?

Er: Sie nervt, dass ich ein Notorisch-Spät-Zu-Bett-Geher bin.
Sie : Deswegen müssen wir auch zwei Zimmer haben. Wir sind an sich völlig unterschiedlich. Er ist auch für die Öffentlichkeit, ich ja nicht so. Und trotzdem… trotzdem lieben wir uns. Immer noch.

Wie schafft man das, über so viele Jahre?

Sie: Man muss Humor haben und lernen, den anderen gelten zu lassen. Oft ist es so, dass man den anderen so haben möchte, wie man selbst ist. Und er soll auch so empfinden wie man selbst. Aber das funktioniert nicht. Man muss kompromissbereit sein, auch mal hinnehmen, wenn einem etwas nicht passt.

Er: Schwierig für uns war, dass ich so oft beruflich versetzt wurde. Da wollte sie nicht jedes Mal mit umziehen, unser Sohn sollte nicht ständig die Schule wechseln. Da war ich zum Beispiel mal sieben Jahre allein in Bonn, kam nur einmal im Monat nach Hause.

Waren Sie da nicht fruchtbar eifersüchtig?

Er: Sie ist nicht eifersüchtig.

Sie: Na ja, was passieren soll, passiert. Solche Situationen muss man versuchen, zum Guten zu bringen. Und das gelingt auch, wenn man die Kraft dazu hat.

Er: Wobei ich schon immer mal in Versuchung geraten bin.

Sie: ….wenn er versetzt wurde, zum Beispiel nach Düsseldorf.

Er: …. in Düsseldorf war ich sehr gefährdet. Aber wir haben immer wieder die Kurve gekriegt.

Sie: Wir haben das nie erörtert und uns nie Vorwürfe gemacht. Wir sagen uns auch die Meinung, aber dann gehen wir aufeinander zu, machen einen Piccolo auf. Wenn es klappen soll mit der Ehe auf Dauer, müssen Sie versuchen, auch den anderen zu verstehen. Ihn so zu lassen, wie er ist. Und der andere Teil muss das auch tun. Man darf Dinge nicht immer wieder neu entzünden, nicht immer wieder neu aufwärmen. Denn wenn es erstmal festgekocht ist, dann ist es schlimm.

Er: Als wir beide in Rente gingen, bestand meine Frau darauf, dass auch ich einen Teil der Hausarbeit übernehme. Und das habe ich gemacht, fast 20 Jahre habe immer ich für uns gekocht. Das habe ich gerne gemacht, obwohl das ja für Männer in meiner Generation ungewöhnlich ist.

Sie: Und er hat wunderbar gekocht, ganz fantastisch.
Was wünschen Sie sich zu Weihnachten und für Ihre Zukunft als Paar?

Sie: Dass wir uns weiter haben und zusammen sein können. Ich weiß, dass es schon jetzt ein großes Glück ist, dass wir beide noch leben. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Aber wenn ich mir was wünschen dürfte, dann dass es noch ein bisschen so bleibt mit uns beiden.

Er: Ich möchte gerne noch erleben, dass du 100 wirst! Und dass wir das zusammen feiern, wir beide.

Von Anna Sprockhoff

One comment

  1. Einfach traumhaft romantisch und aus meiner Sicht sehr viel Wahres dran.
    Toll das es so etwas manchmal doch noch gibt.