Donnerstag , 13. Dezember 2018
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Von links: Dr. Ursula Schild, Oberärztin der psychosomatischen Station, Kristin Hlawaty, Ärztlich-therapeutische Leitung der psychosomatischen Station und Dr. Alexander Naumann, Chefarzt. Foto: phs

Welche Ursachen führen zu Magersucht?

Immer mehr Jugendliche leiden unter dem heutigen Druck, gut aussehen zu müssen und erkranken deshalb psychisch – häufig an Magersucht, die am weitesten verbreit ete Essstörung in Deutschland. Dr. Ursula Schild, Oberärztin der psychosomatischen Station in der Lüneburger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des PKL und Kristin Hlawaty, Ärztlich-therapeutische Leitung der psychosomatischen Station über Ursachen und Folgen.

Es scheint, als nehme der Beautydruck auf Jugendliche zu. Warum?

Schild: In gewissem Maße gab es das schon immer. Das gehört zur Pubertät auch mit dazu, dass man sich nach außen richtet und für Aussehen Anerkennung haben möchte. Aber ich denke, dass der Druck schon zugenommen hat, weil Äußerlichkeiten heute sehr viel mehr zählen als andere Werte.

Hlawaty: Verstärkt wird der Druck durch die Sozialen Medien. Seit Instagram, Facebook und Twitter gibt es viel mehr Möglichkeiten, sich zu vergleichen, nach Vorbildern zu suchen und sich Ideale anzunehmen. Die spiegeln aber nicht die Realität wider, sprich Inszenierung und Bildbearbeitung. Durch die Medien gibt es eine große Verunsicherung. Soziale Vergleichssituationen, Idealvorstellungen und immer dieses Streben nach mehr – das erleben wir auch viel mit den Eltern. Es herrschen hohe Maßstäbe. Ich habe den Eindruck, dass es immer schwieriger wird, zufrieden zu sein mit dem, was man hat.

Welche Folgen hat das für die Menschen?

Schild: Konsequenzen sind viele psychische Auffälligkeiten. Im Vergleich zu vor 15 Jahren fängt es heute deutlich früher an. Wir sehen schon 11-Jährige Mädchen mit pupertären Themen und diejenigen, die daran ein Stück weit scheitern und psychisch erkranken. Wir sehen sehr viele Jugendliche mit ganz vielen Ängsten und Depressionen – gerade dann, wenn sie ihren eigenen, oder den gesellschaftlichen Erwartungen nicht mehr gerecht werden können. Und wir erleben eine sehr große Verunsicherung im Bezug aufs Essen – vor allem bei jungen Mädchen. Die einen essen aus Frust sehr viel, oder es geht eben in die Richtung eines sehr kontrollierten Essens.

Hlawaty: Was wir am häufigsten bei uns in der Psychosomatik sehen, ist Magersucht. Seltener haben wir mit Bulimie (essen und dann erbrechen, die Red.) oder Binge-Eating (Essattacken, ohne Erbrechen, die Red.) zutun. Manchmal erleben wir auch Ansätze von dysmorphophoben Störungen, also Angst, hässlich zu sein.

Wie viele Betroffene haben sie hier, die Probleme bezüglich ihres Aussehens haben?

Schild: Ein gewisser Anteil des Problems ist immer das Thema „Aussehen“. Das ist zwar nicht immer das Ausschlaggebende für eine Erkrankung, aber mit ein Grund. Aber dieses „Sich selbst in Frage zu stellen“ ist wirklich bei fast allen Patienten, die wir hier sehen der Fall, da haben wir sehr viele junge Mädchen. Nur das Ausmaß des Drucks ist unterschiedlich.

Welche Ursachen gibt es für das Krankheitsbild der Anorexie?

Hlawaty: Das ist immer individuell. Da kommen Faktoren wie Veranlagung, Persönlichkeit, soziales Umfeld und verschiedene Belastungsfaktoren zusammen. Es gibt nicht die Anorexie-typischen Eltern oder Familien, oft aber sind eher bildungsstarke und leistungsorientierte Elternhäuser betroffen. Was wir immer wieder sehen: Es gibt gewisse Charakterzüge, die viele anorektische Mädchen haben: Sie sind häufig sehr perfektionistisch, willensstark, leistungsorientiert und diszipliniert – alles Eigenschaften, die man braucht, um das überhaupt zu schaffen, derartig zu hungern, sich Genuss zu versagen und alles so zu kontrollieren. Auch die Gesellschaft und die Medien spielen hier wieder eine große Rolle. Häufig haben Betroffene Vorbilder, wie zum Beispiel Models. Das kann man zwar nicht generalisieren, aber von der Sendung Germanys Next Topmodel etwa geht eine unheimliche Anziehungskraft aus.

Schild: Das Fatale ist, dass sich das während des Abnehmens auch ein Stück weit verselbstständigt. Mit jedem Pfund, das man verliert, wird diese Kontrolle nochmal verstärkt und man gerät Stück für Stück in ein ganz restriktives Denken. Wir sehen hier zum Teil sehr schwere Krankheitsfälle, wo sich das Denken nur noch um Kalorien dreht und darum, wie ich meine Familie zum Beispiel auch ein Stück weit hinters Licht führen kann. Das Denken ist davon so besetzt, dass gar keine Flexibilität mehr möglich ist. Denn das Hungern macht reale Stoffwechselveränderungen im Hirn, das führt zu einem unflexibleren Denken, das wiederum führt zum Hungern und dann sind wir ganz schnell in einem Teufelskreis, den man nur ganz schwierig durchbrechen kann. Daher spricht man auch von einer MagerSUCHT und einer psychosomatischen Erkrankung, denn es ist ein Zusammenspiel von körperlichen und psychischen Faktoren.

Wie ist das denn bei Männern?

Hlawaty: Essstörungen bei Männern sind seltener. Das Verhältnis lag mal bei 10:1. Schätzungen zufolge sind es heute mehr. Gefährdet sind zum Beispiel bestimmte Elitesportler. Wir sehen hier aber überwiegend Mädchen.

Schild: Der Beautydruck bei Männern geht eher in die Richtung Kräfte- und Leistungsmessen, also ich muss ins Fitnessstudio und meinen Körper aufbauen, oder ich muss noch ein Tattoo mehr haben. Es geht mehr darum, wer ist cooler, stärker, aggressiver, wer traut sich mehr Alkohol zu trinken. Bei Männern werden eher andere Ventile gesucht als das Essen.

Was denken Patientinnen über die Krankheit Anorexie?

Schild: Die absolute Überschrift ist „Kontrolle“ – und damit verbunden eine enorme Sicherheit. Zum Beispiel über Veränderungen des eigenen Körpers, in der Familie, oder über den eigenen Reifungsprozess. Denn ausgeprägte Anorexie heißt auch, mein Hormonhaushalt kommt durcheinander und die Menstruation bleibt aus. Viele sehen sie wie eine Freundin an, die immer da ist.

Hlawaty: Es hat sehr viel mit dem Selbstwert zu tun. Oft hat die Krankheit die Funktion oder das Ziel, diesen zu erhöhen und zu stabilisieren. Ganz typisch sind Sätze wie „Ich bin nur etwas wert, wenn ich dünn und hübsch bin und Leistung bringe“. Betroffene sind zunächst stolz auf ihre Leistungen und verlieren dann irgendwann die Kontrolle.

Was ist das Gefährliche an der Krankheit?

Schild: Die hohe Sterblichkeit. Magersucht ist im Jugendalter noch immer mit der höchsten Sterblichkeit behaftet – neben Unfällen und Suiziden. Bei einer Mortalitätsrate von 15 Prozent haben die Patientinnen eine fast 10-fach erhöhte Sterblichkeit gegenüber gleichaltrigen Mädchen und Frauen. Das ist begründet durch die Körperwahrnehmungsstörung, die bei Anorexie immer mit dabei ist. Betroffene haben auch im abgemagertsten Zustand immer noch das Gefühl, dass sie zu dick sind. Es kommt zu einer kompletten Fehlwahrnehmung und zu lebensgefährlichen Kreislauf- und Herzproblemen, die zum Tod führen können. Die Betroffenen haben auch keine Angst, wenn sie bereits fast im Sterben liegen. Die nehmen das in Kauf, weil diese Gedanken einfach dermaßen stark sind.

Hlawaty: Das Gefährliche ist auch die hohe Wahrscheinlichkeit, dass es einen chronischen Verlauf nimmt. Es gibt sehr viele, die immer wieder in diese Symptomatik rein geraten. Es kann natürlich mit einer Behandlungsepisode erledigt sein – aber häufig ist es so, dass Betroffene ihr ganzes Leben damit zu tun haben.

Was können Eltern tun?

Hlawaty: Achtsam sein und aufpassen, was man in der Familie für Bewertungen in den Raum stellt, was man sagt und was das vielleicht für Wirkungen auf die Kinder hat. Da müssen die Eltern auch ein Stück weit bei sich selbst anfangen. Sensibel dafür sein, wie sie selber mit diesen Themen umgehen. Menschen, mit denen ich aufwachse, die nehme ich mir als Vorbild, ob ich das will oder nicht, oder auch ob die wollen oder nicht. Wichtig finde ich im Gespräch zu bleiben und rechtzeitig Fachpersonen aufzusuchen, wenn beim Kind Anzeichen einer Essstörung auftreten.

Schild: Eltern sollten bei ihren Kindern von klein auf schauen, wo kann ich die charakterlichen Stärken des Kindes betonen und wertschätzen. Darauf achten, dass man ihnen immer wieder zeigt, ich sehe wer du bist, was du kannst und was dir Spaß macht. Gucken, wie können wir gemeinsam eine schöne Zeit haben. Das ist ein wichtiges Gegengewicht zu dem, was dann in dieser Phase der Verunsicherung kommt. Wir sehen hier, dass es meist dann zu Störungen kommt, wenn es schon im frühen Kindesalter deutliche Verunsicherungen gab. Verunsicherungen kommen durch Hürden, die ja immer wieder aus der Außenwelt kommen und zum Leben dazu gehören. Aber Kinder sind stabiler, wenn diese nicht aus dem Elternhaus kommen. Ich denke, gesunde Kinder wachsen eigentlich mit diesem Gefühl auf, wie ich bin, bin ich okay, ob groß oder klein oder dick oder dünn.

Welche Therapieformen haben sich in der Anorexie-Behandlung bewährt?

Hlawaty: Je nach Gewicht, Hungerstatus und psychischer Verfassung entscheidet sich, ob eine ambulante Therapie ausreicht, oder ob es nur noch stationär geht. Wir bieten auf unserer Station auch tagesklinische Behandlungen an, allerdings im Anschluss an eine vollstationäre Behandlung. Vor einer psychotherapeutischen Behandlung ist es wichtig, dass Patienten auch körperlich untersucht werden. Es gibt auch organische Ursachen für Mangelernährung. Außerdem ist es wichtig über die körperlichen Folgeschäden Bescheid zu wissen. In der Verhaltenstherapie machen wir Verträge mit den Betroffenen – zum Beispiel darüber, wie viel in einer Woche zuzunehmen ist oder was mit dem aktuellen Gewicht geht, es gibt Absprachen, beispielsweise eine warme Mahlzeit am Tag essen, einmal die Woche zum Kinderarzt und zum Wiegen, weniger oder kein Sport. Hält sich der Jugendliche nicht daran und ist die Situation im Alltag nicht mehr tragfähig, geht es nicht mehr ohne eine stationäre Aufnahme und eventuell auch nicht ohne Zwangsernährung (über eine Magensonde).

Therapeutisch ist es wichtig, Grundüberzeugungen der Patienten anzuschauen, wie „Ich bin nur liebenswert, wenn…“ und überprüft, in welchen Situationen diese präsent sind. Es gibt zudem eine Körperschema-Therapie. Da werden verschiedene Wahrnehmungsübungen gemacht, zum Beispiel Spiegelkonfrontation oder Körperumriss, um die verzerrte Wahrnehmung der Betroffenen zu korrigieren. Das wird mit den Betroffenen dann so lange geübt, bis ein Gewöhnungseffekt eintritt und die Anspannung beim Anblick der weniger geschätzten Körperstellen abnimmt. Wichtig ist, die Körperzufriedenheit zu fördern. Am Ende der Behandlung ist eine Rückfallprophylaxe indiziert.

Wovon ist der Therapieerfolg abhängig?

Hlawaty: Vom Ausmaß der Störung, vom Alter, von der persönlichen Entwicklung, der Reife, dem Reflexionsvermögen, der Kooperation der Betroffenen. Oft fehlt zu Beginn die Krankheitseinsicht. Jede Behandlung ist individuell, es gibt keine Schablone, die auf alle passt, genauso ist auch jeder Krankheitsverlauf individuell.

Schild: Wichtig ist auch die Mitarbeit der Eltern. Auch die sind häufig so in dem Krankheitssystem gefangen und können vieles erst nicht sehen. Sie versuchen natürlich beim eigenen Kind etwas über erzieherische Mittel zu erreichen und müssen merken, sie scheitern daran, erkennen ihr Kind nicht mehr. Dann eine Behandlung gegen den Willen des eigenen Kindes durchzusetzen – das ist ein enorm schwieriger Schritt für die betroffenen Eltern.

Welche Angebote für Betroffene gibt es in Lüneburg?

Schild: Wir haben eine gute Kooperation mit dem städtischen Klinikum und können stationäre psychosomatische Anschlussbehandlungen in unserer Klinik auf der Station für Psychosomatik und Psychotherapie anbieten. Ambulant gibt es Ernährungsberatungen und spezialisierte, niedergelassene Psychotherapeutinnen. Es gibt Psychosomatische Kliniken im Umkreis, zum Beispiel Bad Bevensen und Bad Bodenteich, die auch auf Essstörungen spezialisiert sind. Für manche Jugendliche hat es sich aber sehr bewährt, in einer gemischten Gruppe zu sein und nicht in einer, wo es nur das eine Störungsbild gibt und es zum Beispiel immer nur um die Essstörung geht. Manchmal hilft es mehr, wenn Betroffene von anderen Jugendlichen, die schon weiter sind, etwas lernen können und gezeigt bekommen, was auch wieder Spaß machen kann und wo es hingehen kann.

Was ist die sogenannte Pro-Ana-Bewegung und welche Rolle spielt sie?

Hlawaty: Das ist ein Internetphänomen, das ursprünglich von Erkrankten gegründet wurde, um Gleichgesinnte in der Krankheit zu unterstützen und sich gegenseitig Tipps zu geben, wie man besonders gut abnehmen kann. Die Präsenz von solchen Seiten ist extrem, es gibt viele Seiten und Foren dieser Art. Was sich im Internet ausbreitet, ist schwer zu kontrollieren. Es ist leicht, das zu finden. Alle unsere Patientinnen kennen das. Da geht es um Zugehörigkeit, Selbstwert und Identität, da bin ich jemand, da werde ich verstanden. Solche Seiten machen es sehr schwer, wieder aus der Erkrankung raus zu kommen. Für einen Großteil ist es aber nichts, was die Krankheit auslöst, sondern eher verstärkt, wenn man eh schon drinnen ist.

Von Patricia Luft