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Selbst im extrem abgemagerten Zustand finden sich Magersüchtige noch zu dick. Foto: ©deliat - stock.adobe.com - Fotolia

Bis auf die Knochen

Die Magersucht trieb Sofie und Marie fast in den Tod. Eine Geschichte über Schönheitswahn und seine Folgen Lüneburg.

Klick. Die Stoppuhr läuft. Sofie* blickt auf das Tablett, das vor ihr auf dem Tisch steht. Ein Brötchen. Eine Scheibe Käse. Ein Stückchen Butter. Ein bisschen Marmelade. Ein bisschen Honig. Ein Becher Natur­joghurt. Ein paar Haferflocken. Ein Apfel. Eine Tasse Tee. Ihr wird übel. Sie blickt auf die Tabletts der anderen Mädchen um sie herum im Speisesaal. Liegt auf jedem auch wirklich dasselbe?

Sofie ist gerade 13, als ein Arzt ihr sagt: „Es geht nicht mehr. Du musst in eine Klinik.“ Sie versteht zunächst nicht, wieso. Sie hat doch einfach nur weniger Hunger. Sie achtet doch nur auf ihre Ernährung. So wie das jeder heutzutage macht. Dabei wird sie immer dünner, ihre Haare fallen aus, ihre Periode bleibt aus, sie ist nur noch müde und friert, ihr ist schwindelig, sich in der Schule zu konzentrieren, fällt ihr schwer. In ihrem Kopf gibt es da schon lange nichts anderes mehr als Nährwerttabellen, Sport und die Waage – die bei Sofies Größe von 1,68 Meter nur noch 39 Kilo anzeigt. Die Diagnose: Magersucht.

Sofie schnürt es die Luft ab. Sie vergräbt ihre dürren Hände in den Ärmeln ihrer viel zu großen Strickjacke. Auch die anderen Mädchen rutschen nervös auf den harten Sitzen ihrer Plastikstühle hin und her. Manche zittern heftig mit den Beinen, andere weinen. In zähen Millisekunden verstreicht sie nur langsam – diese halbe Stunde Essenszeit, die sich für Sofie wie eine Ewigkeit anfühlt. Dieser 30-minütige Kampf, der erst vorbei sein wird, wenn ihr Teller leer ist.

Drei Monate lang gehört das bewachte Essen zu Sofies Alltag. Im April 2016 wurde sie in die Seepark-Klinik in Bad Bodenteich eingewiesen. „Eine Scheißzeit“, sagt die 15-Jährige heute. Fast wäre sie gestorben. Insgesamt 30 Kilogramm hat Sofie abgenommen, wiegt zuletzt nur noch 29 Kilo. Ihr junges Herz schafft es kaum noch, sie am Leben zu halten.

Sofie beginnt, ihr Brötchen in winzige Krümel zu zerfetzen. Jeder einzelne, der daneben fällt, ist einer, der nicht in ihren Magen wandert und die harte Arbeit der vergangenen Monate zunichte macht. Sie schaut sich vorsichtig um. Die drei „Diäties“, wie sie von den Mädchen genannt werden, wandern umher. Sie bewachen, wie die Mädchen essen – vor allem, dass sie essen. Der Einfallsreichtum von Sofie und dem Rest aber kennt keine Grenzen. Die Diätassistenten sehen nicht, wie Sofie die Scheibe Käse langsam in ihrer Jogginghose verschwinden lässt.

Statt zuzunehmen, verliert Sofie in Bad Bodenteich weitere fünf Kilogramm. Sie gerät immer tiefer in die Sucht. „Das lag an den anderen Patientinnen“, erzählt sie heute. Denn von ihnen lernt sie, wie sie das Essen umgehen und alle täuschen kann. „Die waren von der Krankheit besessen. Es gab so ein Konkurrenzarbeiten, einen richtigen Wettkampf, wer weniger wiegt.“

An einem Freitagabend hält Sofie es nicht mehr aus und haut ab. Sie irrt zwölf Kilometer durch die kalte Nacht, nur im Pyjama. Das Ziel: „Nach Hause.“

Von der Polizei aufgegriffen, landet sie zunächst im Krankenhaus, dann in der Lüneburger Kinder- und Jugendpsychiatrie – in der geschlossenen Abteilung. Erinnerungen, die Sofie heute lieber verdrängt. „Das war kein Leben mehr. Das war Warten, bis man da wieder rauskommt“, sagt sie. Ein Lichtblick: Ihre Bezugstherapeutin Kristin Hlawaty, Ärztlich-therapeutische Leitung der psychosomatischen Station K55.

Die 36-Jährige und ihr Team begleiten Sofie zurück ins Leben. Sofie ist kein Einzelfall. Schon lange beobachtet Hlawaty einen zunehmenden Druck, perfekt sein zu müssen – und erlebt in Lüneburg täglich, wie immer mehr Mädchen, teilweise noch Kinder, darunter zusammenbrechen. Einen großen Anteil haben heute die sozialen Medien, sagt sie: „Durch Facebook, Instagram und Co. gibt es mehr Möglichkeiten, sich mit anderen zu vergleichen. Das führt zu einer extremen Verunsicherung.“

Seit Stunden hängt Sofie an ihrem Handy, sucht bis tief in der Nacht nach Low-Carb-Rezepten und sieht sich auf Instagram die erfolgreichen Fitness-Blogger an. Eine fettarme Ernährung ist ihr wichtig, Sport sowieso. Ihr geht es gut damit. Dass all das zunehmend Besitz von ihr ergreift, merkt sie nicht. Sie wird regelmäßig angesprochen, dass sie „ganz schön abgenommen“ hat. Aber für Sofie ist das kein Grund zur Sorge. Eher einer zum Freuen.

Sehr reflektiert berichtet Sofie heute von den vergangenen anderthalb Jahren. Von ihrem Sportunfall, davon wie ein Arzt ihr sagte, dass sie „alles, was Spaß macht, in den nächsten Jahren erstmal vergessen kann“. Von ihrer Angst, ohne Sport dick zu werden, und ihrem Plan, dem mit kontrolliertem Essen entgegenzuwirken.

Sie erzählt von der Klinik-Zeit, vom Wiegetag, dem schlimmsten Tag jeder Woche. Von dem Bewegungsverbot und dem Rollstuhl, an den sie gefesselt war, während ihr Drang, kilometerweit zu rennen, sie innerlich fast zerrissen hat. Vom Monitor, der ihr Herz bewachte, von der Magensonde, mit der sie zwangsernährt wurde, dem Fresubin, einer hochkalorischen Flüssignahrung, die sie am Leben hielt – und die 15-Jährige erzählt von ihrem Beinahe-Tod.

Sofie fühlt sich unverstanden – und versteht sich selbst nicht mehr. In ihrem Kopf herrscht Chaos, sie ist wie elektrisiert. Sie verspürt diese Leere und Wut – und weiß nicht, wohin damit.

Sie tritt um sich, wirft Dinge gegen die Wand, schreit, weint, rennt. Sofie ist erschöpft, fühlt sich gleichzeitig unbesiegbar – und verdammt einsam. Dann denkt sie an Ana – ihre vermeintlich beste Freundin. Ana gibt Sofie Zuversicht und motiviert sie. Sie begleitet sie und geht nie weg. Sie macht ihr Mut, denn Ana ist stark – und bringt Sofie fast um. Denn Anas richtiger Name ist „Anorexia Nervosa“ (Magersucht).

Kraftlosigkeit, Schlafstörungen, Ängste

Sofie hatte die Krankheit personalisiert, sie in ihrer Verzweiflung „wirlich als ihre Freundin Ana“ gesehen, Hunderte Briefe und Gedichte an sie geschrieben. „Ana“ bekommt viele Briefe – zum Beispiel auch von der 15-jährigen Marie*. Auch sie war magersüchtig, klammerte sich an „Ana“ und war lange in Lüneburgs Kinder- und Jugendpsy­chiatrie. Doch bevor sie dort landete, ging es ihr lange gut – auch ohne Traumfigur.

Marie sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer, um sie herum liegen Schokoladenpapierchen. In der Küche nebenan kocht ihre Mutter – wie immer etwas Gesundes. Als sie kommt, um Marie zum Essen zu rufen, sagt sie ihr mal wieder, dass es „auf keinen Fall mehr werden darf“. Bis zu diesem Moment hatte sie sich wohlgefühlt, jetzt schämt sie sich. „Ich will nicht mehr die Dicke sein“, denkt sie und fasst einen Entschluss: „Ich werde mir und Mama beweisen, dass ich es schaffe. Ich werde Mama stolz machen.“

Mit 14 Jahren wiegt Marie bei einer Größe von 1,67 Meter 94 Kilo. Sie ist die Dickste in ihrem Freundeskreis. Bis sie sich innerhalb eines Jahres 51 Kilo vom Leib hungert – und schließlich mit 43 Kilo in Lüneburg eingewiesen wird. Was folgt, sind drei Monate überwiegend Liegen, Handyverbot, Kraftlosigkeit, Schlafstörungen, Ängste, Zwänge, Suizidgedanken. Und die Zwangsernährung über eine Sonde. Für Marie „ein einziger Kampf“, sagt sie. „Es war grauenhaft – die haben mir die Kontrolle genommen.“

Eingeredet hat Marie sich ihre Zweifel nicht bloß selbst. Krank gemacht haben sie auch Menschen, denen sie noch nie begegnet ist. Junge Mädchen, die für sie mal wie eine Familie waren – und die die Krankheit Anorexie vergöttern.

Marie starrt auf den Computer, sucht im Internet nach effektiven Abnehmmethoden. Plötzlich stößt sie auf sogenannte Pro-Ana-Seiten. Neugierig tritt sie einer solchen WhatsApp-Gruppe bei. Ein Glücksgriff, denkt sie. Endlich versteht sie jemand. Marie fühlt sich erleichtert, denn sie ist sich sofort sicher: Hier findet sie neue Freunde, nachdem die alten sich längst abgewandt haben. Sie merkt sofort: Hier haben die Mädchen dieselben Wünsche und Ziele wie sie: schön aussehen, in hübschere Klamotten passen, beliebt sein.

Hunderte Seiten und Foren aus der „Pro Ana“-Bewegung gibt es im Internet – junge Frauen, die sich gegenseitig in die Magersucht treiben – und damit schließlich fast bis in den Tod. Sprechen möchte Marie nicht über ihre Erfahrungen mit diesen Foren. Sie sagt nur: „Das hat mir Angst gemacht. Da wird man von anderen so beeinflusst. Das ist gefährlich…“

„Ich hab Angst, wieder rückfällig zu werden.“

Essen macht Marie Angst. Alleine der Anblick der Weihnachtsplätzchen, die vor ihr stehen, löst Druck in ihr aus. Sie wünscht sich so sehr, einfach eins essen zu können. Sich um nichts mehr Gedanken machen zu müssen. Sich einfach nur wohlzufühlen in ihrer Haut, die noch immer blau-lila ist, weil ihre Durchblutung unter der Krankheit leidet. Aber sie schafft es nicht, auch nur einen Bissen zu nehmen. Denn sofort ist sie wieder da: die Panik, wieder dick zu werden – ihr absoluter Albtraum. Denn „dick = hässlich, unbeliebt, einsam und nichts wert“ – das ist in ihrem Kopf. Und davon kommt sie noch immer nicht los.

Hinter Marie und ihrer Familie liegt ein hartes Jahr. „Wir haben alle darunter gelitten“, sagt ihre Mutter. „Mit anzusehen, wie sich dein Kind zu Tode hungert, das bricht dir das Herz.“ Für Maries Erkrankung gibt sich die 44-Jährige heute ein Stück weit selbst die Schuld. „Dabei hab ich es immer nur gut gemeint“, sagt sie. „Ich war als Jugendliche selbst übergewichtig und wurde immer gemobbt. Das wollte ich ihr ersparen.“

Seit drei Monaten ist Marie wieder zu Hause. Ihr Gewicht von 51 Kilo hatte zwar für eine Entlassung ausgereicht – doch gut geht es ihr nicht. Zu tief sitzen die Selbstzweifel, zu klein ist ihr Selbstwertgefühl. Aber Marie lebt. Sie weiß, dass sie noch einen langen Weg vor sich hat. „Aber dem muss ich mich stellen“, sagt sie und gibt leise zu: „Ich hab Angst, wieder rückfällig zu werden.“

Sofie hat abgeschlossen mit „Ana“. Sie fühlt sich „zurück im Leben“, sagt sie. „Ich gucke in den Spiegel und sehe wieder das, was andere sehen. Es gibt so viel Wichtigeres, als diese Zahl auf der Waage.“ 58 Kilo wiegt sie heute. Das zumindest schätzt sie. Sofie hat sich seit drei Monaten nicht mehr gewogen.

*Namen von der Redaktion geändert

Von Patricia Luft

Hintergrund

Schuld sind auch die Sozialen Medien

Lüneburg. Immer mehr Jugendliche brechen heute unter dem gesellschaftlichen Druck, schön und perfekt sein zu müssen, zusammen – auch in Lüneburg. Das beobachtet Kristin Hlawaty von der Kinder- und Jugendpsychiatrie Lüneburg schon lange. Dort sehen Hlawaty und ihre Kollegin, Dr. Ursula Schild (Foto), Oberärztin der psychosomatischen Station, regelmäßig Jugendliche mit Ängsten, Depressionen oder Essstörungen wie zum Beispiel Magersucht.

Meistens betroffen sind junge Mädchen, teilweise fast noch Kinder: „Wir sehen schon 11-jährige Mädchen mit pubertären Themen“, sagt Dr. Schild. Schuld daran geben sie und Hlawaty unter anderem den sozialen Medien: „Durch Facebook, Instagram und Co. gibt es mehr Möglichkeiten, sich mit anderen zu vergleichen“, sagt Hlawaty. Denn Jugendliche suchen dort nach Vorbildern und nehmen sich Ideale an. Meist aber spiegeln die Sozialen Medien nicht die Realität wider, sondern zeigen eine täuschende Welt aus Inszenierungen und Bildbearbeitung. Hlawatys Eindruck: „Es wird heute immer schwieriger, zufrieden zu sein mit dem, was man hat.“

Ein weiteres Problem: die sogenannte Pro-Ana-Bewegung – die auch viele der Betroffenen in der Lüneburger Klinik nur zu gut kennen, weiß Hlawaty. „Das ist ein Internetphänomen, bei dem sich junge Mädchen für ihren Wunsch, dünn, und somit schön und beliebt zu sein, gegenseitig in die Magersucht treiben – und damit fast bis in den Tod.“ Noch immer ist Magersucht im Jugendalter mit der höchsten Sterblichkeit behaftet – neben Unfällen und Suiziden.

Bei jungen Männern sind Essstörungen seltener der Fall, sagt Dr. Ursula Schild, doch auch auf ihnen lastet heute ein Druck, gut auszusehen. „Die gehen dann aber eher ins Fitnessstudio und bauen ihren Körper auf. Da geht es mehr darum, wer ist cooler, stärker, aggressiver, wer traut sich, mehr Alkohol zu trinken“, sagt Dr. Schild.

Um Kinder auf den heutigen Beautydruck vorzubereiten, rät Hlawaty Eltern, achtsam zu sein und aufzupassen, was man in der Familie für Bewertungen in den Raum stellt, was man sagt und was das vielleicht für Wirkungen auf die Kinder hat. „Da müssen die Eltern auch ein Stück weit bei sich selbst anfangen. Denn Menschen, mit denen ich aufwachse, die nehme ich mir als Vorbild, ob ich das will oder nicht, oder auch, ob die wollen oder nicht.“ Daher sei es wichtig, mit dem Kind im Gespräch zu bleiben und rechtzeitig Fachpersonen aufzusuchen, wenn Anzeichen einer Essstörung auftreten.

Ein ausführliches Interview mit Dr. Ursula Schild und Kristin Hlawaty finden Sie HIER