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Gefertigt werden die Rahmen der Fahrräder aus Bambus in Ghana, insgesamt 30 Menschen sind dort inzwischen beschäftigt. Foto: rg

Aus Bambus und sozial

Hitzacker. Sie fallen sofort ins Auge. Die Fahrräder, die bei Alexander Boncourt in seiner „Fahrradwerft“ in Hitzacker stehen, sind irgendwie anders. Sie sind braun, auch die Reifen und die Handgriffe, doch vor allem fällt der Rahmen auf: Er hat Gnubbel. Wölbungen, und dort, wo man eigentlich schlanke Schweißnähte vermuten würde, sind dicke Wulste zu sehen. Der Grund für diese außergewöhnliche Optik: Der Rahmen der Fahrräder ist nicht aus Metall oder Carbon, sondern aus Bambus. Und weil man Bambus nicht schweißen kann, sind die Einzelteile des Rahmens mit in Epoxidharz getauchten Hanfseilen verbunden. „My Boo“ heißt das Unternehmen, das die Räder anfertigt, ein soziales Start-up aus Kiel. Ein Unternehmen, das nicht nur Räder verkaufen will. Man will etwas bewegen. In Ghana.

Endmontage der Räder in Kiel

Alexander Boncourt ist in Lüchow-Dannenberg der Partner von „My Boo“. Von der Idee sei er „von Beginn an begeistert gewesen“, erzählt der Zweiradmechanikermeister. „Ich selber hatte auch schon mal an sowas gearbeitet, an Fahrradrahmen aus Holz. Aber ich bin da nicht weiter gekommen“, sagt er. Die Räder, die er nun verkauft, seien „technisch absolut ausgereift, unglaublich stabil und fahren sich sehr komfortabel“.

Gefertigt werden die Rahmen der Räder nämlich in Ghana, in der Region Yonso. Strukturschwach würde man diese Region nennen, läge sie in Europa. Sie ist bettelarm, es gibt kaum Arbeit, viele Kinder dort können nicht zur Schule gehen. „My Boo lässt dort die Rahmen der Räder von Menschen, die dort leben, herstellen, aus Bambus, der in der Nachbarschaft wächst“, erzählt Boncourt. Drei Mitarbeiter hatte die Fertigung dort zu Beginn, mittlerweile arbeiten 30 Menschen in der „My Boo“-Werkstatt. 15 davon hat das Unternehmen selbst ausgebildet. Die Rahmen werden nach Deutschland verschifft, in Kiel findet die Endmontage des Rades statt. „Und dann werden sie verkauft“, sagt Boncourt. Etwa bei ihm in der „Fahrradwerft“.

Das Geld, das mit dem Verkauf der Räder eingenommen wird, fließe zurück nach Ghana, heißt es von dem Unternehmen in Kiel. In das sogenannte „Yonso-Projekt“. Im Rahmen dieses Projektes werden in der Region Schulen und Büchereien gebaut, Stipendien vergeben, man fördert den Aufbau von Gewerbestrukturen durch die Vergabe von Mikrokrediten, bietet Bildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten für Jugendliche und Frauen. Großen Wert lege man darauf, dass die Mitarbeiter in Ghana fair bezahlt und vor allem sozialversichert würden, so „My Boo“-Sprecher Alexander Döring. Und man legt Wert auf Nachhaltigkeit.

Räder haben ihren Preis

„Das beginnt beim Rohstoff für die Rahmen – dem Bambus“, weiß Alexander Boncourt. „Normale Räder sind aus Metall oder Carbon. Die Herstellung, der Transport und Verarbeitung von Aluminium oder faserverstärkten Kunststoffen ist aber energie- und vor allem wasserintensiv, was die Umwelt und das Klima belaste. Bambus hingegen ist ein nachwachsender Rohstoff, er wächst in der Umgebung der Werkstatt, muss nicht transportiert werden“, sagt Alexander Boncourt. Und neben diesen positiven Öko-Eigenschaften sorge der Bambusrahmen auch dafür, dass „sehr viele Vibrationen abgefedert werden – die Räder fahren sich angenehm“.

Er stehe voll hinter dem Projekt und stelle gern seine Verkaufsfläche zur Verfügung, um dort die Räder zu präsentieren, sagt der Hitzackeraner. „Das Projekt bewirkt etwas in einer Region, in der es den Menschen an vielem fehlt. Es hilft, den Menschen dort eine Zukunft zu geben, Eigenständigkeit. Würde, wenn man so will. Und damit bekämpft es auch Ursachen, die Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen, zu fliehen.“ Daher hoffe er, dass sich in Deutschland und seinen Nachbarländern viele Menschen finden, die sich für eines der „My Boo“-Räder begeistern können. Auch wenn das bedeutet, dass er von seinen eigenen Rädern das eine oder andere weniger verkauft.

Schnäppchen sind die Bambus-Räder übrigens nicht: Das günstigste Modell kostet 1499 Euro, für das neue Bambus-E-Bike muss man schon 3999 Euro auf den Tisch legen.

Von Rouven Groß