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Polizisten untersuchen im Juli 1989 den Fundort der Leichen von Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping. Das Paar starb, nachdem das Ehepaar Reinold ermordet wurde. (Foto: A/be, ca)

Der Trophäen-Sammler

Lüneburg. Die Göhrde-Morde halten im Sommer 1989 das Land in Atem: Drei Spaziergänger suchen am 12. Juli im Jagen 138 nach Blaubeeren, doch u m 13.40 Uhr finden sie etwas ganz anderes: Abgedeckt unter Reisigzweigen liegen die nackten Leichen von Ursula und Peter Reinold. Die Reinolds brachen am 21. Mai 1989 zu ihrem Ausflug in die Göhrde auf. Eine Woche später, am 28. Mai, wird ihr Honda Civic auf einem Parkplatz in Winsen/Luhe gefunden.

Ursula und Peter Reinhold aus Hamburg-Bergedorf.
Ihre Leichen wurden im Juli 1989 in der Göhrde entdeckt.
Foto: kripo/nh

Am Tag, als das ermordete Ehepaar gefunden wird, verschwinden Ingrid Warmbier und der Lotto-Vertreter Bernd-Michael Köpping. Die beiden haben sich wahrscheinlich in Bad Bevensen getroffen und sind für ein verschwiegenes Zusammensein in die Göhrde gefahren. Polizisten entdecken ihre Leichen am 27. Juli 1989 etwa 800 Meter vom ersten Fundort entfernt. Von einer Lichtung hat der Mörder seine Opfer – Ingrid Warmbier wurde der Schädel eingeschlagen, Köpping erschossen und stranguliert – 15 Meter in eine Kiefernschonung gezogen und mit Zweigen bedeckt. Tests ergeben hinterher, der Schuss war nicht zu hören, der Wald verschluckt den Knall. Die Todesursache der Reinolds konnte die Obduktion nicht eindeutig klären, da ihre Leichen größtenteils skelettiert waren.

Nun hat die Polizei eine entscheidende Spur gefunden. 28 Jahre nach den Morden hält sie Kurt-Werner W. für den Mörder der Paare. Ein DNA-Treffer in einem der Autos der Opfer bringt die Verbindung. Im Fall Köpping/Warmbier spielt das Auto des Lotto-Vertreters ebenfalls eine Rolle. Der Mörder kann mit dem weißen Honda Tercel bis zum 18. Juli herumgefahren sein, dann steht er in Bevensen.

Der Mörder kommt zum Picknick

Als ihr Mörder kommt, sitzt das Ehepaar Reinold aus Bergedorf beim Picknick oder sonnt sich, lautet die These der Polizei. Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping waren vermutlich zu einem Spaziergang aufgebrochen, als sie den Täter treffen. Alles ist rätselhaft. Die Polizei zieht 50 Beamte zusammen, vernimmt Hunderte Anwohner und Zeugen.

Ingrid Warmbier: Der Mörder
schlug ihr
den Schädel ein. (Foto: A/polizei)

Erst jetzt, im Jahr 2017, gerät der 1993 verstorbene Kurt-Werner W. in den Fokus der Ermittler. Im Auto welchen Opfers seine DNA entdeckt wurde, will die Polizei nicht verraten: „Täterwissen.“ Aber es ist das entscheidende Detail: Damit sind die Göhrde-Morde 28 Jahren nach der Tat in großen Teilen aufgeklärt. Die Ermittler um Jürgen Schubbert gehen zudem davon aus, dass W. einen Komplizen hatte.

Sie gehen auch auf Überlegungen ein, die Wolfgang Sielaff schon seit Längerem umtreiben. Der ehemalige Chef des Hamburger Landeskriminalamtes hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der Mord an seiner Schwester Birgit Meier aufgeklärt und ihre Leiche vor drei Monaten unter W.s Garage gefunden wurde.

Der Hamburger Privatermittler hat Einsicht in die Akten der Göhrde-Morde genommen. Dort ist Kurt-Werner W. genannt. Allerdings eher unter ferner liefen – Routine: W. galt als Gewalttäter, die hatte die Mordkommission alle erfasst. Einen Zusammenhang zu den Doppelmorden stellten die Polizisten damals nicht her.

Sielaff hat in W.s ehemaligem Wohnhaus am Lüneburger Stadtrand in einem „geheimen Zimmer“ eine Videokassette von „Aktenzeichen XY ungelöst“-Sendungen gefunden, die beide Fälle dokumentieren, dazu einen Schwung Zeitungsausschnitte. Sielaffs These: W. wollte sein Tun dokumentieren: „Trophäen. Sie könnten Hinweise auf seine Taten sein.“

Die Suche nach dem Chauffeur

Noch etwas führt Sielaff an. Die Polizei hatte 1993 eine BTX-Recherche sichergestellt. BTX war ein Online-Dienst der Bundespost, eine Art Vorläufer des Internets. Kurt-Werner W. hatte nach Informationen zu Angehörigen von Bernd-Michael Köpping gesucht, einem der Opfer in der Göhrde.

Warum W. in die Göhrde fuhr, in der es von Menschen nicht gerade wimmelt, bleibt zunächst ein großes Geheimnis. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Lüneburg, Wiebke Bethge, sagt: „Es gibt bisher keine Anhaltspunkte dafür, dass die beiden ermordeten Paare und W. ­miteinander bekannt waren.“

Bernd-Michael Köpping
wurde erschossen. (Foto: A/polizei)

Denkbar ist aber, dass W. aus reiner Mordlust gehandelt haben könnte. Gewalt muss ihn auch sexuell gereizt haben. Das lässt sich in seiner Biografie ablesen: Kurt-Werner W. wird 1949 geboren. Doch in der Familie läuft es nicht gut. Mit 14 Jahren kommt er in Fürsorgeerziehung. 1964 fällt er als Einbrecher auf. Er dringt nachts in ein Nachbarhaus ein, als die Bewohnerin erwacht, würgt W. sie. 1965 „betatscht“ er eine Radfahrerin. 1970 vergewaltigt er eine 17-Jährige, würgt die Anhalterin fast zu Tode. Sie kann ihn überreden, sie laufen zu lassen. Bei einer Durchsuchung findet die Polizei Kleinkalibergewehre bei ihm. Das Landgericht verurteilt ihn 1971 zu fünfeinhalb Jahren Haft, allerdings kommt er 1974 wieder frei.

Sielaff, der mit Kriminalpsychologen zusammenarbeitet, beschreibt es so: W. sei eine „narzisstisch-psychopathische Persönlichkeit mit sadistischen Neigungen und einer ausgeprägten Affinität zu Waffen. Er soll schon als Kind Tiere gequält haben, es gab früh sexuelle Übergriffe. Gewalt zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben.“ Es ist nicht auszuschließen, dass W. seine Fantasien auch an den Opfern der Göhrde auslebte.

Kurt-Werner W. hat auch
Birgit Meier ermordet. (Foto: A/polizei)

Eine naheliegende Frage beschäftigt die im Februar 2016 eingerichtete Ermittlungsgruppe Göhrde, zu der Chefermittler Schubbert ein Jahr später stieß: Wie kam W. in die Göhrde? Zwar halten sich Polizei und Staatsanwaltschaft aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes zurück, doch sie verfolgen offenkundig eine These, die sie für wahrscheinlich halten. W. ließ sich von jemandem aus seinem engen Umfeld fahren – ein Mittäter.

Eben den haben die Ermittler im Visier. Der Mann, der in der Nähe von Boizenburg lebt, war vor Wochen kurzzeitig festgenommen worden. Man hatte ihm eine Speichelprobe entnommen. Zum Ergebnis, wenn es denn schon vorliegt, schweigt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Aber das weitere Vorgehen liegt auf der Hand. Damals wurden in der Göhrde und in den Autos der Opfer Spuren mittels Klebefolie gesichert, auch DNA-Material – der Abgleich dürfte Gewissheit bringen.

Vieles spricht für einen Komplizen

Wolfgang Sielaff und die Polizei gehen auch im Fall der im August 1989 verschwundenen Birgit Meier davon aus, dass er einen Komplizen hatte. Wahrscheinlich ist die damals 41-Jährige aus ihrem Haus in Brietlingen-Moorburg entführt worden, sie war die Gattin eines wohlhabenden Unternehmers. Beide lebten getrennt. Die Frau kannte W., er hatte als Gärtner in der Nachbarschaft gearbeitet. In der Nacht vor ihrem Verschwinden soll ein Auto mit laufendem Motor in der Nähe gestanden haben, in dem wohl ein Mann saß. Die Annahme: Einer wartet, der andere überwältigt das Opfer. Hauptkommissar Richard Kaufmann, der die Ermittlungsgruppe im Fall Meier leitete, sagt: „W. wollte Birgit entführen, um Lösegeld zu erpressen. Irgendetwas ging schief – sie musste sterben.“

In diesem Haus lebte der mutmaßliche Mörder Birgit Meiers, Kurt Werner W. Die Polizei durchsuchte das Grundstück Ende September. (Foto: A/ca)
W. war schon 1989 von der Polizei vernommen worden. Der Hinweis kam von ihrem Mann Harald, den man ein Vierteljahrhundert für tatverdächtig hielt, er hätte von ihrem Tod profitiert, eine Scheidung wäre teuer geworden. Meier schildert der Polizei, W. habe sich eigenartig verhalten. Doch die damaligen Ermittler gehen der Sache nicht groß nach, als W. die Vorwürfe bestreitet. Wohl auch deshalb, weil die Polizei reichlich mit den Göhrde-Morden beschäftigt ist. Das ändert sich erst 1993, als sich eine neue Staatsanwältin des Falles annimmt. Dummerweise warnt die Polizei W. quasi vor, als sie seinen Arbeitsplatz und sein Haus durchsuchen will. Er kann türmen. Von unterwegs ruft er Harald Meier an, bedroht ihn: „Du hast mir das eingebrockt.“

Die Polizei filzt ein Auto und W.s Haus, auch das „geheime Zimmer“. In diesen Raum lässt er nur einen Verwandten hinein. Die Ausbeute: zwei Kleinkalibergewehre, ein umgebauter scharfer Schreckschuss-Revolver, zwei Schalldämpfer, ein Elektroschockgerät, Munition, Ketten mit Vorhängeschloss, eine Schießweste, Handschellen, Beruhigungs- und Schlaftabletten, 100 Schuss Munition (Kaliber .22 lr) und ein Rasiermesser. In W.s VW Golf liegen ein Bundeswehr-Schlafsack, ein Fernglas und diverse Gelände- und Straßenkarten vieler Städte und Regionen. Im Garten des Hauses buddeln die Ermittler 1993 in Zusammenhang mit einem Versicherungsbetrug einen Ford Probe aus. Sielaff sagt: „Bei der Suche schlug ein Leichenspürhund an.“

An einer der Handschellen klebt Blut, es ist die Handschelle, die erst 27 Jahre später zum Beweis gegen W. wird. Denn die Fesseln liegen lange fast vergessen in der Gerichtsmedizin in Hannover. Die Ermittler erfahren davon, lassen das Blut untersuchen: Es stammt mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent von Birgit Meier.

Eher zufällig fasst die Polizei W. dann am 15. April 1993, als er in Heilbronn in einen Unfall verwickelt wird. In seinem Auto liegen Teile einer Maschinenpistole. Er kommt in den Knast. Dort schreibt W. krude Briefe, die für Sielaff Botschaften enthalten. Sie beziehen sich auf das Haus, das müsse die Familie behalten, sie solle bestimmte Bereiche besonders im Blick behalten. Dass das Grundstück einiges verbergen dürfte, war klar.

Abschiedsbriefe mit geheimen Botschaften

In der Nacht zum 25. April 1993 erhängt sich der mutmaßliche Mörder in seiner Zelle. In einem seiner Briefe heißt es: „Bitte denkt nicht nur an meine schlechten Seiten. Gott sei mir gnädig.“
W. könnte für weitere Taten infrage kommen. Sielaff nennt einen Fall aus Hamburg, bei dem ein Paar bei einem Stelldichein Opfer wurde – Parallelen zu den Göhrde-Morden drängen sich auf. Beide wurden gezwungen, aus ihrem Auto auszusteigen. Der bewaffnete Täter bringt die Frau dazu, ihren Begleiter zu fesseln. Als Passanten auftauchten, schießt der Täter dem Mann in den Rücken und flüchtet.

Es gibt weitere ungeklärte Morde, auch in der Region. W. könnte etwas damit zu tun haben. Ilse Gerkens wurde 1968 im Tiergarten erschossen, die Schülerin Ulrike Burmester 1969 missbraucht und ermordet. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagt, dafür gebe es „bislang keine belastbaren Beweisanzeichen“. Gleichwohl seien die Fälle nicht vergessen.

W. ist tot. Doch sein möglicher Komplize lebt. Ob er an den Taten beteiligt war und wenn ja, wie – ist offen. Noch. Doch wenn sich die Vermutungen bestätigen, dürfte W. zu den schlimmsten Serienmördern der deutschen Nachkriegsgeschichte gehören.

Von Carlo Eggeling

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