Donnerstag , 20. September 2018
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Die Polizei hat vor einem Jahr in der Nähe des Grundstücks von Kurt-Werner W. nach Spuren gesucht. Vergeblich. (Foto: be)

Das lange Zögern der Ermittler bei den Göhrde-Morden

Lüneburg. Es hat fast drei Jahrzehnte gedauert, die Göhrde-Morde vermutlich zu klären, die 1989 die ganze Republik bewegten. Zwei Paare waren binnen weniger Wochen brutal ermordet worden. Wilde Spekulationen wucherten: Ein geistesgestörter Wächter des Waldes könne sein heiliges Refugium gestört empfunden haben, als er Paare beim Liebesspiel überraschte. Auch über einen Verwechslungsmord wurde spekuliert: Ein Auftragskiller hätte zunächst mit Ursula und Peter Reinold die falschen Opfer erwischt, eigentlich hätte er Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping beseitigen sollen. Gab es eine Parallele in England? Nein, der Hinweis ging nicht auf.

Jürgen Schubbert leitet
die Ermittlungsgruppe Göhrde.
Die hat nun einen
möglichen Komplizen
im Visier.
(Foto: nh)

2000 Spuren, acht Regalmeter Akten. Alles festgehalten. Doch die rund 50-köpfige Mordkommission und auch ihre Nachfolger fanden keine entscheidende Theorie. Das gelang erst Anfang 2016, als Polizeipräsident Robert Kruse in Absprache mit dem Leiter der Staatsanwaltschaft Lüneburg, Gerhard Berger, eine Ermittlungsgruppe einsetzte, deren Leitung der erfahrene Ermittler Jürgen Schubbert vor einem Dreivierteljahr übernahm.

So frisch ist die Spur gar nicht

Den Beamten kam dabei auch die Analyse-Technik zupass: In einem der Autos der Opfer fand sich eine DNA-Spur, die zu Kurt-Werner W. passt, dem Mann, der 1989 auch die Brietlingerin Birgit Meier entführt und ermordet haben soll. W. hat sich 1993 umgebracht, aber gegen seinen möglichen Mittäter laufen Ermittlungen.

Wolfgang Sielaff hat entscheidende
Hinweise im Fall seiner
ermordeten Schwester
Birgit Meier gegeben.
(Foto: ca)

Doch so frisch, wie es den Anschein hat, ist das Ergebnis gar nicht. Die Polizei weiß von der Verbindung von W. und dem Wagen aus der Göhrde seit dem Frühjahr. Das sickert aus Polizeikreisen durch, davon hat auch Wolfgang Sielaff bereits vor Wochen gehört. Er ist der Bruder Birgit Meiers. Erst Ende September hatte Sielaff, ehemaliger Chef des Landeskriminalamtes in Hamburg, mit einem Team von Fachleuten, darunter Gerichtsmediziner, die Überreste der ermorderten Frau unter der Garage W.s im Streitmoor bei Vrestorf gefunden.

Am Freitag nun die offizielle Bestätigung von Mathias Fossenberger von der Polizeidirektion Lüneburg: „Der Polizei ist seit dem 28.02.2017 bekannt, dass eine in einem der Fahrzeuge der Opfer der sogenannten Göhrde-Morde gesicherte DNA-Spur mit der DNA von Kurt Werner W. übereinstimmt.“

Zweifel an Aussagen der Behörden

Auch wenn Sielaff dafür Verständnis hat, dass die Polizei aus taktischen Gründen abgewartet hat, bis sie den Zusammenhang auf Nachfragen der LZ öffentlich machte, so hat er doch Zweifel an den Aussagen von Staatsanwaltschaft und Polizei.

Richard Kaufmann leitete
die Ermittlungsgruppe
im Fall Meier.

Bereits vor zehn Jahren habe er die Polizei in Lüneburg auf den möglichen Zusammenhang zwischen den Göhrde-Morden und dem Verschwinden seiner Schwester aufmerksam gemacht und konkret auf W. und einen mutmaßlichen Mittäter hingewiesen. Danach habe ein Beamter die Akten erneut gesichtet. Ohne Erfolg.

Sielaff zieht die Aussagen der Behörden in Zweifel, nach denen neueste Analyse-Methoden erst jetzt den DNA-Treffer ermöglicht haben. Die hätten sich seit Jahren nicht verändert: „Man hätte längst Klebefolien mit Spuren, die man damals in den Autos der Oper genommen hat, auswerten können. Angehörige hätten viel früher Gewissheit haben können.“ Polizisten wenden allerdings ein, dass es die Methode erst seit zwei Jahren gibt.

Vertane Chance am Tatort

Weitere Kritik: Die Polizei habe den möglichen Mittäter festgenommen, als die Leiche Birgit Meiers im Herbst gefunden wurde. Man habe den Mann in die Garage bringen wollen, in der Hoffnung, dass er rede, sagt Sie­laff. Doch dann sei die Entscheidung gefallen: „Das machen wir nicht. Der Tatort könnte kontaminiert werden.“ Was man leicht hätte umgehen können, wenn man den Verdächtigen in einen Spurensicherungsanzug gesteckt hätte. Sielaff: „Eine vertane Chance.“

Medien stellen seit Monaten Fragen an Staatsanwaltschaft und Polizei. Doch deren Öffentlichkeitsarbeit wirkt lange wie ein Abblocken. Erst jetzt hatten die Ermittler einen umfänglichen Fragenkatalog der Landeszeitung beantwortet.

Selbst in Polizeikreisen, so ist es aus mehreren Ecken zu hören, versteht man diese Taktik nicht. Die Chefs von Staatsanwaltschaft und Polizei verweisen auf juristische Schwierigkeiten. Es geht vor allem darum, dass sich W. das Leben genommen hat, gegen Tote könne man nicht ermitteln. Allerdings soll er ja einen Komplizen gehabt haben, und Mord verjährt nicht.

Nun geht es weiter. Doch wie? W. könnte vor seinem Tod einige Menschen umgebracht haben. Sielaff hat mehr als ein Dutzend Fälle zusammengetragen. Nicht in jedem muss er richtig liegen. Trotzdem stellt sich die Grundsatzfrage, wie man ermittelt.

Sadistisch-narzisstisches Täterprofil

Bisher gibt beziehungsweise gab es zwei Ermittlungsgruppen: die inzwischen eingestellte im Fall Meier und die für die Göhrde-Morde. Das heißt, die Polizisten arbeiten die Spuren in den jeweiligen Fällen ab. Wenn man aber davon ausgeht, dass W. und sein möglicher Mittäter nicht nur für die jetzt wohl zusammenhängenden Mordfälle verantwortlich sind, dann böte sich ein anderes Vorgehen an.

„Der Polizei ist seit dem 28.02.2017 bekannt, dass eine in einem der Fahrzeuge der Opfer der sogenannten Göhrde-Morde gesicherte DNA-Spur mit der DNA von Kurt-Werner W. übereinstimmt.“
Mathias Fossenberger, Polizeidirektion Lüneburg

W. hat zeitweilig in Karlsruhe gelebt. Dort sind junge Frauen, Anhalterinnen, entführt, missbraucht und ermordet worden. Einfach gesagt, es würde zu W.s sadistisch-narzisstischem Täterprofil passen. Ein zeitlicher Abgleich, ob er in dieser Zeit dort war und eben auch sein etwaiger Komplize, könnte also Sinn machen.

Kurt-Werner W. soll Birgit
Meier aus Brietlingen
getötet haben und für die
Göhrde-Morde
verantwortlich sein.
(Repro: ca)

Wie auch Lüneburger Praktiker empfiehlt Sielaff eben diesen Ansatz: eine Ermittlungseinheit, die täterorientiert arbeite. Denkbar wäre, da andere Bundesländer wie Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz betroffen sein könnten, etwa das Landeskriminalamt in Hannover einzubinden. Doch winkt Sprecher Hans Retter ab: „Zurzeit gibt es keinerlei Veranlassung, dass das LKA die Ermittlungen übernimmt.“ Dies sei Sache der Polizeidirektion Lüneburg. Die Wissenschaftler und Techniker des LKA helfen aber bei der Auswertung von Spuren, auch die operative Fallanalyse sei eingeschaltet.

Wolfgang Sielaff erzählt, dass er schon vor Jahren vorgeschlagen habe, mit Hamburg zusammenzuarbeiten. Denn W. und sein Komplize könnten auch dort zugeschlagen haben: „Hamburg würde Beamte und Material in eine Einheit geben. Aber Lüneburg hat abgelehnt.“

Polizeipräsident Kruse zeigt durch die Ermittlungsgruppen, dass er alte Fälle wieder aufgreifen will. Eine Cold-Case-Einheit böte sich an. Schon angesichts der Zahl der ungeklärten Mordfälle in Niedersachsen. Doch kommen soll eine kleinere Lösung.

Verwertbare Spuren bei 19 Tötungsdelikten

Auf eine Anfrage der CDU-Fraktion hatte die damalige rot-grüne Landesregierung im April 2016 Bilanz gezogen: Es gebe in Niedersachsen 311 ungeklärte Morde, in 88 Tatkomplexen lägen Spuren vor, die für „weitere Untersuchungsmethoden“ infrage kämen. Im Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft Lüneburg gehe es um 33 Tötungsdelikte, in 19 Fällen lägen verwertbare Spuren vor.

In der gemeinsamen Antwort von Staatsanwaltschaft und Polizei an die LZ schreibt Staatsanwältin Wiebke Bethke: „Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Mordfall Birgit Meier und die Göhrde-Morde überregional im Zusammenhang mit weiteren Taten stehen könnten, soll zukünftig bei der hiesigen Polizeidirektion eine Clearing-Stelle eingerichtet werden. Über diese werden die aus den hiesigen Ermittlungen bekannten Informationen in Form eines ‚Scripts‘ überregional auf Polizeiebene veröffentlicht. So werden die Dienststellen in die Lage versetzt, Straftaten, die in deren Zuständigkeitsbereich liegen, auf etwaige Zusammenhänge mit den hiesigen Taten zu überprüfen.“

Auch in Süddeutschland könnte es Opfer geben

Einfach übersetzt: Man fasst die Taten zusammen samt ihrer Charakteristika. Andere Mordkommissionen können ihre Fälle abgleichen. Aus Polizeikreisen heißt es, man werde natürlich nicht nur abwarten, sondern mal bei Kollegen anrufen, wenn man Zusammenhänge vermute. Also dürften vermutlich die Lüneburger in Süddeutschland vorstellig werden, eben da, wo Kurt-Werner W. lebte und es Morde an Anhalterinnen gab.

Doch offiziell heißt es dazu: „Es besteht derzeit kein Austausch zwischen der hiesigen Staatsanwaltschaft und der Staatsanwaltschaft Karlsruhe.“

Trotzdem geht es weiter. Die Analyse-Technik könnte für einige Unruhe beim mutmaßlichen Mittäter sorgen. Der Mann, der aus dem engen Umfeld Kurt-Werner W.s stammt, hatte vor Wochen eine Speichelprobe abgeben müssen – ideal, um Vergleiche anzustellen. Was bei der Untersuchung herausgekommen ist, da hüllen sich die Ermittler in Schweigen: „Persönlichkeitsschutz.“ Es bleibt spannend.

Es kann noch mehr Opfer geben

Zwei ungeklärte Mordfälle aus Lüneburg

Ilse Gerkens wurde am
11. April 1968 im
Tiergarten erschossen.
Der Mörder wurde
nie gefasst.
(Foto: A)

Ilse Gerkens ist im April 1968, als sie durch den Tiergarten radelte, mit vier Schüssen aus einem Kleinkalibergewehr getötet worden. W. besaß mehrerer solcher Gewehre. In seinem geheimen Zimmer wurden mehrere Zeitungsausschnitte zu dieser Tat gefunden.

Ulrike Burmester ist im Mai 1969 auf dem Heimweg nach Adendorf nach einer Nachhilfestunde auf dem Kreideberg verschwunden. Die Leiche der 14-Jährigen ist knapp zwei Wochen später mit einem Stein beschwert an der Elbe bei Drage gefunden worden. Sie war vor ihrem Tod missbraucht worden.

Es gibt weitere Mordfälle an Anhalterinnen im Norden, für die W. nach Meinung Sielaffs infrage kommen könnte, sowie Taten im Bereich Karlsruhe. Die Frage ist, ob auch sie wieder aufgerollt werden.

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