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Private Krankenversicherungen werden in diesem Jahr für manche Kunden deutlich teurer. (Foto: A/t&w)

126,90 Euro mehr im Monat

Lüneburg. Bei der Verbraucherzentrale laufen seit Wochen die Hörer heiß, eine persönliche Beratung kann das Lüneburger Büro um Sabine Oppen-Sc hröder derzeit aber nicht anbieten. Wie berichtet, wurde Cornelia von Arnim, Beratungsstellenleiterin und Expertin für das Thema Krankenversicherungen, in den Ruhestand verabschiedet. Die Lüneburger Kollegen verweisen unter anderem nach Hannover, zum Beispiel zu Kai Kirchner. Der Referent für Gesundheit und Pflege sprach zuletzt täglich mit Kunden, deren Krankenkassen die Beiträge zum Jahreswechsel kräftig anheben.

Wechsel mit über 55 Jahren gesetzlich ausgeschlossen

Mehr als 8,7 Millionen Menschen sind in Deutschland privat krankenversichert, immer zum Jahresende flattern die Mitteilungen ins Haus. Etliche Kunden müssen künftig tiefer in die Tasche greifen, gar 100 Euro und mehr zusätzlich aufbringen. Einen solchen Extremfall kann auch Kirchner von der Verbraucherzentrale liefern: Eine Kundin Mitte 50 ist bei der AXA krankenversichert. Zuletzt fiel monatlich ein Beitrag von rund 200 Euro an, jetzt soll sie 326,90 Euro zahlen. „So etwas habe ich auch noch nicht erlebt“, sagt der Berater.

Die AXA hingegen sagt auf LZ-Nachfrage, dass in 73 Prozent aller Tarife keine Beitragsanpassung notwendig sei. Pressesprecher André Büge: „Nur in den Tarifen, in denen dies aufgrund der Leistungsentwicklung und/oder einer veränderten Lebenserwartung gesetzlich vorgeschrieben ist, werden wir zum 1. Januar 2018 die Beiträge mit Zustimmung eines unabhängigen Treuhänders erhöhen.“ Über den gesamten Bestand würden die Beiträge um durchschnittliche 3,7 Prozent steigen. Im Einzelfall könne die Anpassung höher ausfallen.

Altersgrenze sollte die Kassen entlasten

Viele Optionen hat die Versicherungsnehmerin der AXA laut Kirchner aufgrund ihres Alters nicht. Für Personen über 55 Jahre ist ein Wechsel in das gesetzliche System fast ausgeschlossen. Diese Altersgrenze wurde im Jahr 2000 im Zuge der Gesundheitsreform eingeführt, damit sollte verhindert werden, dass junge Menschen in die private und im Alter wieder in die gesetzliche Versicherung wechseln. Denn der Kostenaufwand für junge Versicherte ist deutlich geringer als für ältere Menschen, damals führte das zu einer starken Mehrbelastung der Solidargemeinschaft. Die Altersgrenze sollte die Kassen entlasten.

Kirchner verweist aber da­rauf, dass Kunden immer den gesetzlichen Anspruch haben, innerhalb des Unternehmens in einen gleichartigen Tarif zu wechseln. Auch bestehe die Möglichkeit, die Kalkulation, die zur Beitragserhöhung geführt hat, gerichtlich überprüfen zu lassen. Da hier allerdings erhebliche Kosten entstehen könnten, rät er zu einer Rechtsschutzversicherung.

Der Lüneburger Boris Köber ist seit 18 Jahren bei der Halleschen Krankenversicherung unter Vertrag, er ist selbstständig und musste anfangs umgerechnet rund 165 Euro im Monat zahlen. Heute kommt er auf 358 Euro – eine durchschnittliche Steigerung von 4,4 Prozent im Jahr.

Tarife steigen im Schnitt um 4,5 Prozent jährlich

Eine ähnliche Erhöhung gibt auch die Allianz auf LZ-Nachfrage an. 2018 müssen Kunden im Schnitt 4,5 Prozent mehr zahlen. Bereits in diesem Jahr gab es eine „Anpassung“ von rund 3 Prozent, 2016 lag sie bei 1,5 Prozent. Sprecherin Alexandra Kusitzky führt vor allem die immer bessere medizinische Versorgung als Grund an. „Selbst viele schwere Krankheiten können mittlerweile durch High-Tech-Verfahren und neue Medikamente geheilt oder zumindest gelindert werden.“

Dörte Radtke von der Landeskrankenhilfe, kurz LKH, sagt, dass Private Krankenversicherungen gesetzlich dazu verpflichtet seien, jährlich alle Tarife zu prüfen. „Über- oder unterschreiten die tatsächlich erbrachten Leistungen im Tarif die veranschlagten Versicherungsleistungen, müssen die Beiträge angepasst werden.“ Bei der LKH zahlt ein 39-Jähriger, der eine private Krankenvollversicherung inklusive Pflegepflichtversicherung abgeschlossen hat, künftig rund 19 Euro mehr im Monat. Fielen in diesem Jahr 469 Euro an, sind es ab 2018 rund 487 Euro. „Der Arbeitgeberanteil ist hier jeweils noch abzuziehen“, sagt Radtke und ergänzt, dass die letzte Erhöhung (um 4,35 Euro) in diesem Versicherungsschutz zwei Jahre zurückliegt.

Verbraucherzentrale

Wenn einen die Beiträge erdrücken

Älteren Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, die erneute Beitragserhöhung zu stemmen, rät Kai Kirchner, in den sogenannten Standardtarif der Privaten Krankenversicherungen zu wechseln. Dieser ist eine Option für all jene, die bereits vor 2009 privat krankenversichert waren. „Das ist ein brancheneinheitlicher Tarif, der in etwa auf dem Niveau der Gesetzlichen Krankenkassen liegt.“ Personen, die 65 Jahre und älter sind, könnten ohne Probleme wechseln.

Bei jüngeren Versicherungsnehmern sei entscheidend, ob die Einkommensgrenze überschritten ist. All jene, die nach 2009 einen Vertrag bei einer Privaten Krankenversicherung unterschrieben haben, können den Basistarif nutzen. „Er bildet Eins zu Eins das ab, was auch eine Gesetzliche Krankenversicherung bietet“, sagt Kirchner. „Allerdings darf der Versicherte nicht mehr als das Existenzminimum verdienen.“

Von Anna Paarmann