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Elvis und Nergim (v.l.) gönnen sich gern mal eine Shisha mit fruchtigem Tabak. Foto: t&w
Elvis und Nergim (v.l.) gönnen sich gern mal eine Shisha mit fruchtigem Tabak. Foto: t&w

Die unsichtbare Gefahr

Lüneburg. Ein süßer Geruch wabert durch das Gewölbe, das Ziehen an der Wasserpfeife erzeugt ein blubberndes Geräusch. Nergim Krasniqi bläst den Rauch über den Tisch, neben ihm steht eine Schale Tee. So schnell wie der Qualm seinen Mund verlassen hat, verschwindet er auch wieder. Das typische Bild von Rauchschwaden und Gästen, die sich nicht mehr in die Augen blicken können, gibt es in der Cocktail- und Shisha-Lounge „Down in Town“ nicht. „Das liegt an der guten Ablüftung“, sagt der 30-Jährige. Dass längst nicht alle Läden, die Wasserpfeifen anbieten, so genau auf eine adäquate Belüftungsanlage achten, zeigt der Blick in andere Städte. Etliche Shisha-Cafés in Deutschland wurden wegen zu hoher Kohlenmonoxid-Werte geschlossen.

Übelkeit nach dem Besuch in der Shisha-Bar

In Hessen wurden 2016 acht Menschen verletzt: Einem Mann war nach dem Besuch in einer Shisha-Bar schlecht geworden, er steuerte sein Auto gegen einen Laternenpfahl. In Mühlheim dürfen seit einem Jahr nur noch elektrische Wasserpfeifen verwendet werden, das Ordnungsamt hatte mehrfach lebensbedrohliche Kohlenmonoxid-Werte festgestellt. Auch in Köln und Frankfurt kam es zu Schließungen. Bedenklich hohe Konzen­trationen haben Ordnungsamt und Feuerwehr jetzt auch in Kiel gemessen, erst in der Nacht vor Silvester ist ein 19-Jähriger vor der Tür einer Shisha-Bar zusammengebrochen. Diagnose: Kohlenmonoxid-Vergiftung.

Die Stadt hat das Innenministerium eingeschaltet, möchte verbindliche Regeln für die Zahl der Wasserpfeifen, die zeitgleich in den Bars verwendet werden dürfen, und die Leistungsfähigkeit der Belüftungsanlagen. Denn bislang kann das Ordnungsamt lediglich Auflagen erteilen, auch im Gaststättengesetz gibt es keinerlei konkrete Vorgaben.

Apfel-Minze, Ananas, Melone – Shisha-Tabak gibt es in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Seit Jahren hält der Hype an: In Lüneburg gibt es vier Läden, ein fünfter ist geplant. Stammgäste in der Grapengießerstraße sind Gina S. und Laura K. Zigaretten sagen den beiden 19-Jährigen nicht zu, ihnen gefällt eine fruchtige Shisha. Die Luft in der Bar empfinden sie als angenehm. „Ich bin noch nie mit Kopfweh nach Hause gegangen“, sagt Laura.

„Kohlenmonoxid wird unterschätzt“

Kohlenmonoxid wird aber genau deshalb häufig unterschätzt, weil es geruch- und geschmacklos ist. Das hochgiftige Gas wird beim Anfeuern der Kohle freigesetzt. Krasniqi betont, dass es wichtig ist, die Kohle komplett durchbrennen zu lassen und sie nicht schwarz zu servieren. „Man kann eine Shisha definitiv falsch rauchen“, betont der Lüneburger, der den Laden seit sieben Jahren mit seinem jüngeren Bruder Elvis führt. „Jeder Betreiber sollte über ausreichend Grundwissen verfügen.“ Er setzt auf Kohle aus gepressten Kokosschalen, weist seine Kunden nach einer Stunde darauf hin, dass die Geschmacksaromen im Tabak verdampft sind.

Die vom Rauch belastete Luft wird in den Fußboden gesaugt, dort gibt es spezielle Schächte. Von draußen wird neuer Sauerstoff hineingepustet. „Dabei entsteht eine indirekte Zirkulation“, erklärt Krasniqi. Und tatsächlich: Im Gewölbe ist ein Luftzug zu spüren.

Nadir Coskun (29) betreibt mit Christoph Strauß die „Havana Lounge“ an der Neuen Sülze, er hat nach eigener Aussage 70.000 Euro allein in die Lüftungsanlage investiert. Ein Gesetz zur Leistungsfähigkeit würde er begrüßen. Auch er sagt: „Kohlenmonoxid wird unterschätzt.“ Das Gerät in seinem Betrieb hat er vor einem Jahr einbauen lassen, es gibt detailliert Auskunft über Zu- und Abluft, enthält einen Kohlenstoff-Filter und einen Kohlenmonoxid-Warner. „Außerdem haben wir eine separate Lüftung, unter der wir die Kohle anzünden.“

Stadt Lüneburg hofft auf landesweite Regeln

Für die Betreiber der vier Lüneburger Shisha-Läden spricht, dass Stadt, Polizei und Feuerwehr auf LZ-Nachfrage sagen, dass es hier bislang keine Vorfälle gegeben habe. Der Feuerwehr seien Kohlenmonoxid-Vergiftungen lediglich aus anderen Zusammenhängen bekannt, beispielsweise durch einen falschen Umgang mit offenen Feuerstellen.

Und der Stadt sind die Hände gebunden. Pressesprecherin Suzanne Moenck sagt: „Wir können nicht kontrollieren, momentan gibt es keine rechtliche Grundlage dafür.“ In Niedersachsen sei vor Jahren die Erlaubnispflicht für Gaststätten abgeschafft worden. „Als es diese Genehmigungspflicht noch gab, hat die Behörde genau aufgeschrieben, was zu beachten ist.“ Jetzt seien die Betreiber noch stärker in der Verantwortung als früher. Vor dem Hintergrund der vielen Vorfälle sagt Suzanne Moenck: „Eine landesweite Regelung würden wir sehr begrüßen.“

Von Anna Paarmann

Einschätzung

Sind Zigaretten gesundheitsschädlicher?

Wasserpfeifen stellen keine harmlose Alternative zur Zigarette dar, sagt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Einigen Studien zufolge soll es sogar möglich sein, dass größere Mengen Teer und Kohlenmonoxid über den Rauch einer Wasserpfeife aufgenommen werden als über filterlose Zigaretten. Zudem wurden im Shisha-Rauch krebsauslösende Substanzen wie Arsen, Chrom und Nickel in zum Teil hohen Konzentrationen nachgewiesen. Vor dem Hintergrund, dass in Deutschland immer mehr Menschen Shisha rauchen, empfiehlt das BfR dringend Messungen des Kohlenmonoxidgehalts in der Raumluft von Shisha-Cafés. Denn: Gefährdet sind nicht nur die Gäste, sondern auch die Mitarbeiter.