Dienstag , 25. September 2018
Aktuell
Home | Lokales | „Nachhaltig kann geil aussehen“
Lis Evers an ihrer alten Wirkungsstätte: An der Leuphana hat alles begonnen, mittlerweile ist die 25-jährige Frau eine Gewerbetreibende. Sie gibt bestehenden Ressourcen einen neuen Zweck. Foto: nh

„Nachhaltig kann geil aussehen“

Lüneburg. In ihrem alten Leben waren sie Feuerwehrschläuche, Warnwesten oder Kochschürzen. Jetzt stehen sie als Liegestühle oder Hocker auf der Terrasse, dienen als Aufbewahrungsmöglichkeit für Basilikum und Rosmarin oder hängen als Taschen über der Schulter ihres Besitzers. Lis Evers, eine 25-jährige Hamburgerin, die in Lüneburg Umweltwissenschaften und BWL studiert hat, möchte der Welt mit diesen Produkten zeigen, „dass nachhaltig auch geil aussehen kann“. Sie steht exemplarisch für jene Menschen, die Dinge verwerten, die sonst auf dem Müll landen würden. In der Produktion arbeitet sie mit Werkstätten in Hamburg, Kiel und Amelinghausen zusammen. Das Besondere: Dort werden ausschließlich Menschen mit Behinderungen beschäftigt.

Eine Affinität zum Designen hatte die gebürtige Berlinerin schon immer. „Ich habe ein gutes Gespür für Formen und Farben“, erzählt sie. Die Idee, mit „Dievers“ tatsächlich ein eigenes Gewerbe anzumelden, sei ihr während ihres Studiums gekommen. Ein Praxisseminar legte die Grundlage: Die Ursprungsidee, nämlich aus Sitzbezügen des Öffentlichen Nahverkehrs modische Accessoires zu schneidern, hielt sich nicht lang. „Die sind leider nicht wirklich hübsch. Irgendwann habe ich dann Feuerwehrschläuche und Arbeitskleidung entdeckt.“

Crowdfunding-Kampagne erfolgreich durchgeführt

Gut zweieinhalb Jahre ist das jetzt her. Evers hat inzwischen bei mehreren Gründungswettbewerben Preisgelder eingeheimst, zuletzt auch erfolgreich eine Crowdfunding-Kampagne durchgeführt. „Damit konnten wir alle Produktserien einmal produzieren, und das Geld reicht auch für einen Online-Shop.“

Heute versteht Lis Evers die Abläufe bei der Feuerwehr, sie weiß auch, dass viele Restaurants Arbeitskleidung bei Leasing-Unternehmen beziehen.

Hält sie einen Schlauch in der Hand, durch den mal viele Liter Wasser gepumpt wurden, kommt sie regelrecht ins Schwärmen. „Das ist verdammt hochwertiges Material, das unter Extrembedingungen eingesetzt wird. Außen ist ein Synthetik-Textil-Gewebe verarbeitet, innen vulkanisiertes Gummi.“ Ein Feuerwehrschlauch könne deshalb Jahrhunderte überdauern, nur eben nicht in einem Löschfahrzeug. „Schon der kleinste Haarriss ist fatal“, weiß sie.

Produziert in Süddeutschland, landen die Schläuche nach den Einsätzen in der technischen Zentrale. In Lauenburg ist beispielsweise eine. Dort werden sie überprüft, gereinigt und zum Trocknen an einen Wasserturm gehängt. „Ist etwas defekt, werden sie entweder repariert oder weggeschmissen“, sagt Evers, die jedoch nicht die erste Designerin ist, die bei den Brandbekämpfern einen Markt entdeckt hat. „In Köln gibt es ein großes Unternehmen mit Kontakten in alle Großstädte.“ Deshalb sei ein Feuerwehrschlauch heutzutage längst keine Restressource mehr, sondern Material mit großem Wert.

Lis Evers arbeitet mit einer Wäscherei zusammen

Noch überraschter war Evers, als sie herausfand, in welchem Zustand Arbeitskleidung entsorgt wird. „Ich war teilweise schon entsetzt, als ich neuwertige Jacken in den Händen hielt.“ Das ebenfalls sehr hochwertige Material werde auch regelmäßig nach Osteuropa geschickt, dort zu Malervlies verarbeitet. „Das ist tragisch.“

Mittlerweile arbeitet sie mit einer Wäscherei zusammen, die aussortiert, wenn die Reflektoren auf den neonorangefarbenen Warnwesten ihren Zweck nicht mehr erfüllen, oder der Schmutzgrad zu hoch ist. „Der Rücken ist häufig noch sauber, das ist immer das größte Stück, das wir verwenden können.“ Für spätere Produkte, beispielsweise Laptoptaschen, hat Evers auch ganze Neoprenanzüge eingelagert. „Daraus kann man ein schönes Innenfutter nähen.“

Leben kann sie von ihrem Design-Start-up längst noch nicht, deshalb hat sie zwei Nebenjobs. Zusatzqualifikationen erwirbt sie an einer Hamburger Uni, dort ist sie für Kommunikationswissenschaften eingeschrieben. Dievers fordert sie dennoch rund um die Uhr, auch an Wochenenden. Unterstützt wird Lis Evers von einem kleinen Team, das gern und bald wachsen soll: Sie sitzt gern selbst an der Nähmaschine und fertigt Entwürfe an, jedoch fehlt ihr dafür mittlerweile die Zeit. Und manchmal auch die Expertise. „Ich hätte gern einen Designer im Team.“

Lederartiger Stoff aus Baumpilzen

Sie möchte dazu beitragen, dass Produkten mit Ökosiegel nicht länger ein „komisches Image“ anhaftet. „In der Lebensmittelindustrie hat es 20 bis 30 Jahre gedauert, bis sich Bio durchgesetzt hat. Das ist viel zu lange“, sagt sie. „Ich verstehe nicht, warum die Leute heutzutage immer noch zu Primark, H&M und Ikea gehen. Das muss nicht sein.“ Vielmehr sollte jeder das schätzen, was ihn ohnehin schon umgibt.

Auch für später hat Evers schon Pläne: Sie möchte nach dem Cradle-to-Cradle-Konzept arbeiten, ihre Sitzauflagen für Stühle und Hocker beispielsweise aus kompostierbarem Material herstellen. Schon jetzt gibt es etliche Beispiele auf dem Markt: Lederartigen Stoff aus Baumpilzen oder Taschen, die aus Ananasfasern bestehen. „Genialer geht es einfach nicht.“
Von Anna Paarmann

Beispiele

Mode aus Restressourcen

„Upcycling“ ist der Fachbegriff für die Umwandlung vermeintlich nutzloser Stoffe in neuwertige Produkte. Es ist ein Trend, der in Deutschland weit verbreitet ist. Im Norden hat sich beispielsweise die Marke „Hüpferli Segel“ einen Namen gemacht. Dahinter steht die Idee, Verschnitte, die beim Nähen von Segeln anfallen, für die Erstellung von Taschen zu nutzen. Adidas verkauft gar Turnschuhe aus Ozeanplastik, das Unternehmen Kunert strickt Strumpfhosen aus alten Fischernetzen. In Düsseldorf hat sich mit „Planet Upcycling“ ein Geschäft etabliert, das neben Feuerwehrschläuchen auch Scherben, ausrangierte Skateboards und Fallschirme zu Sonnenbrillen, Taschen und Kleidungsstücken umgestaltet. Das Label „Aluc“ verwendet in Berlin Verschnitte, Musterteile und Enden von Stoffrollen, um daraus neue Textilien zu schaffen.