Mittwoch , 26. September 2018
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Ein Blick auf den Marktplatz in Richtung Bäckerstraße um 1902. Mehrere Gebäude sind verschwunden, heute bietet dort Karstadt seine Waren an. Wer heute auf den Marktplatz geht, der sieht, wie sehr der nüchterne Kaufhaus-Komplex die Häuserzeile beherrscht. (Foto: Museum)

Lüneburgs Stadtbild im Wandel der Zeit

Lüneburg. Stellen Sie sich vor, Sie machen sich auf zu einer Zeitreise. Eine Station ist das Jahr 1247, das Jahr, in dem Lüneburg sein Stadtrecht erhält. Den Ve rlauf der Straßen würde der Besucher erkennen, die Häuser nicht. „Lüneburg war eine Holzstadt“, sagt Stadtarchäologe Prof. Dr. Edgar Ring. „Vergleichbar mit Lübeck.“ Doch wie Lüneburg ausgesehen haben könnte, wisse man nicht: „Wir haben keine Funde.“ Da bleibe nur der Vergleich mit der Stadt an der Trave, wo Altertumsforscher jahrhundertealtes Material freigelegt haben.

Das Salz bringt den Wohlstand und den Backstein

Ring übernimmt nun die Führung einer Expedition in die Vergangenheit. Am Mittwoch, 10. Januar, 19.30 Uhr spricht er auf Einladung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz im Museum, Eingang von der Wandrahmstraße. Thema: Lüneburgs Stadtarchitektur im Wandel.

Im späten 13. Jahrhundert verändert sich die Stadt rasant. Das Salz bringt Wohlstand – und den Backstein. In den folgenden Jahrzehnten erfindet sich die Stadt neu: Boomtown. Die Bürger erweitern das Rathaus, machen es prächtig und mächtig. Sie bauen Wall- und Verteidigungsanlagen aus. Die Patrizier stellen ihren Reichtum zur Schau, selbstbewusst wirken die Fassaden ihrer Häuser. Die Schriftstellerin Ricarda Huch notierte bei einem Besuch in die vergangene Ritterlichkeit mit Blick auf den Sand in den 1920er-Jahren: „Die Häuser mit den gestuften Backsteingiebeln stehen da wie versteinerte Schilde, die unerschütterlich ein anvertrautes Leben hüten, das längst verronnen ist.“

Ring und seine Kollegen können hier allerdings dokumentieren. Dendrochronologische Untersuchungen wirken wie ein Zeitmesser. Das Holz der Balken verrät, wann die Bäume gefällt wurden. Dazu gibt es auch erste Zeichnungen.

Es geht weiter, die Renaissance. „Nach 1500 kommt wieder ein großer Wandel.“ Der ist etwa am Sand zu sehen. Die schwarz-erhabenen Gebäude der In­dustrie- und Handelskammer datieren ins Jahr 1548 zurück. Doch es bleibt die Frage: „Was war davor? Wie sah der gotische Vorläufer aus?“ Keine Ahnung.

Ring erzählt, dass Stadtchronisten wie der Zeichner Daniel Frese im 16. und 17. und später, im 18. Jahrhundert, der Stadtchronist Gebhardi Ansichten festhielten. Im 19. Jahrhundert schreiben weitere Künstler die Stadtgeschichte fort; ihre Gouachen, Aquarelle, Federzeichnungen wirken wie ein Vorgriff auf die Fotografie. Sehr genau fangen die Männer ein, wie sich Lüneburg zeigt: die von Senkungen zerrissene Lambertikirche kurz vor ihrem Abbruch 1862, Schildstein und Kalkbruch, die wegen des Gipses ausgebeutet werden, das Hafenviertel, wo Lüneburg sein Geld verdient.

Das erste Lüneburg-Foto entsteht im Jahr 1861

Die Fotografie folgt. Im April 1860 oder 1861 – dazu gibt es verschiedene Meinungen – fertigt Friedrich Wilhelm Güttlich im Auftrag des Altertumsverein die erste Aufnahme. Er steht auf den Sülzwiesen. Die Kamera nimmt St. Lamberti und Johannis in den Fokus, auch die inzwischen verschwundene Marienkirche. Raphael Peters ist ein anderer Chronist mit Linse und Objektiv. Seine Bilder zeigen, wie etwa der Markt und der Sand aussahen.

Die Architektur spiegelt über die Jahrhunderte Gesellschaft und Wirtschaft. Denkmalschutz hat die alten Lüneburger nicht gekümmert. „Man will modern sein, zeigen, dass man Erfolg hat“, umreißt Ring die – so scheint es – ewige Entwicklung. Was auch ewig bleibt, ist der Verlauf der Straßen und die Struktur der Parzellen, auf denen gebaut wird.

Ein frühes Beispiel für den Abstieg der alten Eliten sind die Häuser der Patrizierfamilie ­Witzendorff am Markt. Teurer ging nicht. Vorbei. Die drei Gebäude aus der Gotik und der Renaissance, die Daniel Frese um 1611 zeichnete, kauft der Landesherr, um dort ein Schloss daraus zu machen. Er schluckt quasi die alten Häuser für den Um- und Neubau. Heute ist dort das Landgericht zu Hause.

Der Wandel geht weiter. Mit dem langsamen Niedergang der Saline – das Salz vom Mittelmeer ist billiger – verlieren deren Herren an Bedeutung. Fuhrleute, Handelsherren, die ersten Industriellen übernehmen das Sagen und die Führerschaft.

Im Jahr 1821 eröffnet Friedrich Penseler Am Berge eine Tapetenfabrik, der alte Marstall an der Burmeisterstraße verwandelt sich 1824 in eine Zuckerraffinerie, 1843 entsteht in Richtung Bardowick das Eisenwerk, dazu kommen die Kalkbrüche. 1867 nimmt die Reichenbachsche Fassfabrik an der Baumstraße ihre Arbeit auf.

Firmen benötigen für ihre Betriebe mehr Platz

Die Weinhändler-Familie Frederich kauft sich an der Bäckerstraße ein. Ihre Tropfen werden in deutschen Landen gehandelt. Sogar in Berlin haben sie eine Probierstube. Die alten Häuser müssen weichen, Frederichs geben dem Karree ein neues Gesicht. Noch später kommt Karstadt. Die Kaufhaus-Sachlichkeit schauen wir uns noch heute an.

Natürlich verschwinden auch Wälle und Mauern. Die Stadt reckt und streckt sich. Betriebe und Menschen fordern Platz. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, also nach dem salzigen wirtschaftlichen Niedergang der einst so stolzen Stadt, lebten rund 10 000 Menschen an der Ilmenau, zwei Drittel der Einwohnerzahl der Blütezeit 300 Jahre zuvor. Doch Lüneburg nimmt auf seiner Zeitreise wieder Tempo auf: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts leben 25 000 Einwohner im Schatten von St. Johannis und Co., in 134 gewerblichen Betriebe packen 2515 Beschäftigte an. 2018 sind in Lüneburg 77 157 Bewohner zu Hause.

Ring stoppt mit den Passagieren seiner Zeitreise um das Jahr 1900. Eine zweite Etappe bietet sich an. Etwa um den Heimatstil und die Neo-Gotik Franz Krügers zu beleuchten, dem Baumeister des Wasserturms. Und natürlich die rasante Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg, die beispielsweise Rotes Feld, Kreideberg und Kaltenmoor wachsen ließen.

Der nächste Boom und Wohlstand der Stadt und ihrer großen einstigen Hanse-Schwester Hamburg ist aktuell im Hanse-Viertel und durch die Blöcke an der Wittenberger Bahn zu besichtigen. Nichts steht still. Es geht weiter. Immer weiter.

Von Carlo Eggeling