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Im Gehege im Wildpark Niendorf kann man Wölfen recht nahe kommen. In freier Wildbahn meiden die meisten Tiere den Menschen, greifen aber immer wieder auf dessen Weidetiere über. (Foto: t&w)

Für Problemwölfe wird‘s ernst

Lüneburg. Wer darf unter welchen Umständen Wölfe töten? Diese Frage hat das Land Brandenburg vor kurzem in einer neuen Wolfsverordnung klar geregelt – und damit bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. So ist darin unter anderem zu lesen, dass Wölfe künftig auch dann geschossen werden dürfen, wenn ein Tier trotz aller Schutzmaßnahmen mindestens zweimal Nutztiere reißt. Eine Lösung auch für Niedersachsen? Die Meinungen unter Schäfern, Tierschützern und Landtagsabgeordneten in der Region Lüneburg gehen auseinander. Eins allerdings scheint unbestritten: So, wie es ist, kann es nicht bleiben.

Allein im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Wolfsrisse im Land mehr als verdoppelt, von 232 gemeldeten Nutztierschäden konnten für 2017 bisher 143 eindeutig Wölfen zugeordnet werden. Im Landkreis Lüneburg schlug der Wolf nachweislich in 22 Fällen zu, mindestens 50 Tiere starben.

Die Stimmung kippt beim Schäfer

Mit jedem neuen Übergriff wächst die Wut der Tierhalter, längst ist die Stimmung auch bei Menschen wie Stefan Erb gekippt, die die Rückkehr der Wölfe bisher entspannt gesehen haben. „Das geht nicht gut aus so“, sagt der Schäfer aus Bleckede.

Erbs Forderung: In naher Zukunft muss die weitere Ausbreitung der Wölfe begrenzt werden. „Anderenfalls sehe ich für die Weidetierhaltung in der Region wenig Zukunft.“ Dagegen halten Tierschützer wie der Lüneburger Kreisvorsitzende des Nabu Thomas Mitschke: „Um die Probleme nachhaltig zu lösen, brauchen wir keinen Waffeneinsatz, keine sinnlosen Einzelabschüsse, sondern Sachverstand.“ Die Optimierung des Herdenschutzes und eine größtmögliche Unterstützung der Nutztierhalter habe weiterhin oberste Priorität.

Zwei Fronten, eine Forderung: Es muss etwas passieren im Umgang mit dem Wolf. Nur was? In Hannover arbeitet aktuell offenbar auch Niedersachsens neuer Umweltminister Olaf Lies (SPD) an einer eigenen Verordnung. „Wir sind beim Artenschutz für den Wolf in einer Phase angelangt, in der nicht das einzelne Tier oder Rudel entscheidend ist, sondern die Akzeptanz der Gesellschaft“, erklärt Ministeriumssprecherin Justina Lethen.

Stärkung der Wolfsberatungsstellen

Konkret sollen in Niedersachsen „eigene Regelungen geschaffen werden, die sich im geltenden europäischen Rechtsrahmen bewegen und den Umgang mit dem Wolf eindeutig regeln und ein konsequentes Handeln ermöglichen“, erklärt Lethen. Dabei wolle man auch die Brandenburger Regelungen betrachten. „Wenn Rinder nach guter fachlicher Praxis eingezäunt sind und trotzdem wiederholt von Wölfen angegriffen werden, müssen wir reagieren“, erklärt Lies.

Ob das bedeutet, dass auch Niedersachsen den Abschuss von Wölfen in Zukunft klarer regelt, lässt das Ministerium offen. Als geplante Maßnahmen nennt Sprecherin Lethen lediglich die Stärkung der Wolfsberatungsstellen mit weiterem fachkundigem Personal, die verstärkte Aufklärung der Bevölkerung sowie die bessere Förderung und Unterstützung von Tierhaltern.

Grundsätzlich lässt die Gesetzeslage einen Abschuss von Wölfen in Einzelfällen schon jetzt zu – bundesweit. Ein Beispiel ist der Abschuss von Problemwolf Kurti im April 2016. Auch wenn Wölfe nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt sind, gibt es Ausnahmen. Und zwar, wenn eine Gefahr von den Tieren ausgeht oder der wirtschaftliche Schaden unverhältnismäßig ist. Doch wann genau geht von einem Wolf eine Gefahr aus? Und wann ist ein Schaden unverhältnismäßig groß?

Der Abschuss als letztes Mittel

Das Land Brandenburg hat diese Fragen in seiner Verordnung nun klar definiert, versucht damit, „Einzelfallentscheidungen zu auffälligen Wölfen rechtlich besser abzusichern“, erklärt Ministeriumssprecher Dr. Jens-Uwe Schade. Wann und wie dürfen Wölfe verscheucht und etwa mit Gummigeschossen vergrämt werden? Wann dürfen Wölfe geschossen werden, wenn sie für Menschen oder wiederholt für Nutztiere zur Gefahr werden? Entscheiden mussten das bisher die Kreise, künftig prüft jeden Einzelfall anhand der Kriterien das Landesamt für Umwelt. Weiterhin gelte: „Das Töten eines Tieres ist außer bei aggressiven Wölfen letztes Mittel, wenn mildere Maßnahmen nicht zur Entspannung der Situation führen.“

Schäfer Erb würde eine ähnliche Verordnung in Niedersachen begrüßen, viel Hoffnung setzt er darauf aber nicht. „So ein Wolfsübergriff geht an die Substanz“, sagt er, „der Anblick der gerissenen Schafe, die zerstreuten Tiere zusammensuchen, das macht man nicht lange mit.“ Bevor da ein Wolf geschossen würde, „hat der Schäfer womöglich schon das Handtuch geschmissen“. Er selbst hatte gehofft, dass die Wölfe lernen, die Schutzzäune zu akzeptieren. „Doch jetzt springen die in allen Ecken des Landes drüber.“ Er seufzt. „Was soll da nun die Lösung sein?“

Ausbreitung

14 Rudel in Niedersachsen

In Niedersachsen steigt die Zahl der Wölfe seit Jahren. Nach Angaben des Umweltministeriums gab es im Monitoringjahr 2016/2017 (Stichtag 30. April 2017) im Land 10 Wolfsrudel, vier Wolfspaare und zwei Einzeltiere. Das Monitoringjahr 2017/2018 ist noch nicht abgeschlossen. Stand im November 2017 sind 14 Wolfsrudel, zwei Wolfspaare und zwei Einzeltiere. Bundesweit liegt die Zahl der Rudel laut Bundesamt für Naturschutz bei 60 Rudeln (Oktober 2017), 13 Wolfspaare und drei territoriale Einzeltiere. Die meisten leben in Brandenburg (22 Rudel) und Sachsen (14 Rudel).

Von Anna Sprockhoff

11 Kommentare

  1. problemwolf,problembär,problembiber,ob die geschäftemacher wohl nur probleme haben? man sollte ihnen die rote karte zeigen. bis hier und nicht weiter. wir haben nur die eine natur.

    • Herr Bruns,

      Sie verfangen sich in romantischen Verklärungen der Vergangenheit. Es gibt in Deutschland keine intakte Natur mehr, keine Urwälder und -wiesen.
      Durch die Rückkehr der Wölfe wird eine solche auch nicht wiederhergestellt.

  2. .. Bisher hat kein Wolf in Deutschland einen Menschen angegriffen und getötet. Wildschweine dagegen haben schon viele Menschen getötet und Wildschweine vermehren sich , dank der dummen GRÜNEN Agrarpolitik ..

    • Andy
      sie schreiben meiner meinung nach mal wieder unfug.die grünen haben damit garnichts zu tun. die landwirtschaft verzapft mit ihrer turboversion da , nach den jägern , den größten unfug.mais ungeschützt anpflanzen und sich wundern , wenn sich wildschweine vermehren. jäger füttern auch noch, damit sich das rumballern auch lohnt. subventionen für die landwirtschaft, ist keine erfindung der grünen.

      • . @ Klaus Bruns .. du solltest dich mal bilden. Deine Beiträge hier sind nur reine Polemik. Die damalige Landwirtschaftsministerin Künast ist Urheberin des „Biomasse-zu-Biogas-Konzeptes“ und damit Verursacherin einer der größten Katastrophen im Insektenbereich.

        • Andy
          ich wüsste nicht ,ihnen das du angeboten zu haben. dass auch grüne mist bauen ist nicht neu.stichwort palmöl. hier geht es um wölfe, schon gemerkt?
          Wolf S.Kenner beschreibt die situation genau richtig.

          Eratosthenes sollte sich mal über intakte natur schlau machen. noch gibt es sie bei uns, nicht überall, leider.

  3. Zu Zeiten der Gebrüder Grimm, die die Mär vom bösen Wolf in, nicht nur für Kinder haarsträubende, Geschichten packte, war der Wolf in Deutschland nahezu ausgerottet.
    Über hundert (100) Jahre brauchte es bis die ersten Wölfe auf „deutschen“ Territorium wieder gesichtet wurden (Anno 2000).
    Heute bricht schon bare Panik aus, wobei ich Viehbauern und Schäfer gut verstehen möchte.
    Nur, mit Abschüssen … sogenannten Entnahmen einzelner Wölfe oder gar „Familienverbänden“ ist dem Artenschutz (Deutschland hat unterzeichnet) entgegen gewirkt und der vorgenannten „Nutztierwirtschaft“ nicht dauerhaft geholfen.
    Da uns der Wolf nichts „nutzt“, hat er vieler Meinung nach, keine Daseinsberechtigung.
    Hier ist mehr politisch gesunder Menschen – und „Wolfsverstand“ gefragt, der die Bauern und Schäfer
    berät und finanziell unterstützt.
    Ratsam ausserdem wäre eine sach- und fachkundige Information der Bevölkerung …. Pro-Wolf.
    Denn er hat mehr als ein Bleiberecht.

    • Das sieht man in mancher Gemeinde offensichtlich anders.

      „Mit einer Petition hat die Bürgerinitiative „Wolfsgeschädigter und besorgter Bürger“ 18.590 Unterschriften für eine Begrenzung der Wolfspopulation gesammelt. Wie Initiativsprecher Georg Lebsa sagte, erhoffen sich die Bürger der Gemeinde Ralbitz/Rosenthal (Kreis Bautzen) und der umliegenden Dörfer mit der Unterschriftensammlung eine Kursänderung beim Schutz des Wolfes.“ (Quelle: http://www.t-online.de/nachrichten/panorama/tiere/id_83019052/sachsen-unterschriftenaktion-fuer-abschuss-von-woelfen.html)

      Interessant wäre doch die Gegenprobe. Wie viele Menschen würden für einen ungestörten Verbleib und die Ausweitung der Wolfspopulation unterschreiben.

      • @Oscar: Viel interessanter wäre zu erruieren, wer von denjenigen, die diese hirnrissige Petition unterzeichnet haben, überhaupt genügend Sachverstand hat, um die Sache halbwegs objektiv beurteilen zu können. Wenn man sich die „Argumente“ der Petenten anschaut, dann fürchte ich keiner, denn sonst hätte keiner unterschrieben.
        Dass Politiker sich mit einem solchen Unfug überhaupt beschäftigen, so etwas dann sogar noch unterstützen, weil sie – ebenfalls frei von jeglicherr Sach- und Fachkenntnis – den Schwachsinn nachbeten, anstatt sich bei Leuten zu informieren, die sich mit Wölfen UND mit Weidetierhaltung auskennen und – wie z.B. Schäfer Neumann in der Lausitz – seit Jahren zeigen, wie ein erfolgreiches Zusammenleben von Wolf und Mensch funktioniert, ist skandalös.
        In der gleichen Ausgabe der Zeitung wurde ein 2-tägiges Treffen von Neonazis angekündigt: bin gespannt, ob es auch dagegen eine Petition mit ähnlich hoher Beteiligung geben wird. Und ob die gleichen Politiker genug Mumm haben, sich dem rechten Pack in den Weg zu stellen. Aber damit ist wohl eher nicht zu rechnen.

  4. Wölfe sind intelligent und anpassungsfähig und kommen überall dort vor, wo man sie läßt. Besonders gerne in Gegenden, wo eine konsequente Politik ihnen viele Weidetiere als Nahrungsreserve vorrätig hält. Mit Naturschutz hat das so viel zu tun wie Taubenfüttern.

    Nachdem die größten Ideologen aus der Regierung geflogen sind, lassen sich nun – es ist zu hoffen – auch in Niedersachsen vernünftige Lösungen finden.

    Wer sich tatsächlich für Artenvielfalt und den Erhalt natürlicher Lebensräume interessiert, kann sich z.Bsp. gegen Maissteppen, Gülleverseuchung des Bodens und Flächenversiegelung durch Neubaugebiete und Straßen und für Feuchtgebiete und ökologische Landwirtschaft engagieren. Und der Schafhaltung mehr Repekt entgegenbringen. Für den Erhalt der naturnahen Kulturlandschaft Heide sind Schafe unerläßlich, und ihre Haltung ist auch schon ohne Wolfsrisse ein mühsames Geschäft, Schäfer Erb kann man verstehen.

  5. @Shauns Freund:
    1.) Weidetiere lassen sich erfolgreich gegen Wölfe schützen, dafür gibt es nicht nur in der Lüneburger Gegend genügend Beispiele.
    2.) „Nachdem die größten Ideologen aus der Regierung geflogen sind“ dürfte es schwierig werden, sich „gegen Maissteppen, Gülleverseuchung des Bodens und Flächenversiegelung durch Neubaugebiete und Straßen und für Feuchtgebiete und ökologische Landwirtschaft [zu] engagieren.“ Denn die, die nach den von Ihnen geschmähten „Ideologen“ (die genau diese Ziele haben) kommen, sind Mit-Verursacher des Problems, nicht Teil der Lösung.
    3.) Ja, Schäfer Erb kann man verstehen, wenn er sich Sorgen macht – aber nicht seine Meinung. Denn Bejagung hilft nicht in Richtung Herdenschutz, das ist nicht nur wissenschaftlich nachgewiesen, sondern kann im Cuxland und in Sachsen (Rosenthaler Rudel) gerade beobachtet werden: dort wurden die Elterntiere illegal geschossen und die führungslos gewordenen Jungtiere haben gar keine andere Wahl, als sich an Nutztiere zu halten.
    4.) Notwenidg ist ein flächendeckender Herdenschutz mit vernünftigen Zäunen und Herdenschutzhunden. Und das muss die Politik zu 100% fördern und vorantreiben.