Aktuell
Home | Lokales | Sollte Tod des Autohändlers die Familienehre retten?
Ein Justizmitarbeiter nimmt dem 19-jährigen Angeklagten die Handschellen ab. Verteidigt wird der Kurde von den Rechtsanwälten Christian J. Neumann (l.) und Dr. Holger Nitz (r.). (Foto: be)

Sollte Tod des Autohändlers die Familienehre retten?

Lüneburg. Das Opfer überlebte dank einer Notoperation, es hatte einen lebensgefährlichen Brustdurchschuss erlitten, abgegeben aus einer Maschinenpistole aus einem Meter Entfernung. Zum Prozessauftakt am Landgericht Lüneburg hat gestern ein 19 Jahre alter Kurde jesidischen Glaubens gestanden, dass er den Autohändler (47) töten wollte, nach dem ersten Schuss noch etwa weitere fünf Mal abgedrückt habe, es hatte sich aber kein Schuss mehr gelöst. Der Händler hatte mit der Schwester (25) des Angeklagten eine Liebesbeziehung. Staatsanwältin Kristine Winter geht davon aus, dass der Angeklagte die „Familienehre gekränkt“ sah, der Deutsche die „Schwester als Nicht-Jeside nicht verdient hat“. Das bestritt der 19-Jährige in einer Erklärung, seine Familie lebe nicht nach jesidischen Riten.

Weitere Schüsse aus der MP lösten sich nicht

Die Tat ereignete sich am Abend des 23. Juli 2017 im Verkaufsraum des Autohändlers in Wietze im Kreis Celle. Die Anklage wirft dem 19-Jährigen und einem 41-Jährigen versuchten Mord sowie Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vor. Beide Männer räumten die Vorwürfe im Kern ein, präsentierten aber verschiedene Darstellungen. Der 19-Jährige gab als Motiv an, er habe aus Sorge um seine angeblich psychisch labile Schwester gehandelt, der jesidische Glaube habe keine Rolle gespielt. Darauf reagierte der 41-Jährige: „Das ist lächerlich.“ Der Grund sei klar, der Händler sei Deutscher, der Mann der Schwester müsse aber ein Jeside sein. Schon ein älterer Bruder des 19-Jährigen habe zuvor angedroht, die Frau und den Mann zu töten.

Der 19-Jährige schilderte das Geschehen, das er selbst als „Wahnsinnstat“ bezeichnete, so: Er ging in den Verkaufsraum, sprach den Händler auf die Beziehung an, während der Komplize die Waffe – wie gemeinsam geplant – vor der Tür positionierte. Dann gab der 19-Jährige an, „Kippen“ holen zu wollen, ging nach draußen, griff zur Waffe, drehte sich um, schoss. Das Opfer ging zu Boden, stand aber wieder auf. Da sich kein Schuss mehr löste, flüchtete der Täter.

Das Liebespaar hat inzwischen geheiratet

Eine interessante Rolle spielt der 41-Jährige. Er war Mitarbeiter des Autohauses und mit dem Chef befreundet, der für den Handel mit US-Autos ständig im Ausland war und der illustre Bekannte wie Ex-Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth gehabt haben soll. Gleichzeitig habe eine „Megafreundschaft“ zum 19-Jährigen bestanden. Der 41-Jährige räumte ein, die Maschinenpistole besorgt zu haben – aus dem Hause des Autohändlers. Es sei vereinbart worden, dass die Waffe nur zur Sicherheit mitgenommen werden, der 19-Jährige dem Händler „nur ein paar Ohrfeigen verpassen“ sollte. Der 41-Jährige: „Bevor ich die Waffe bereitlegte, habe ich das Magazin geleert.“ Der Vorsitzende Richter Thomas Wolter fragte ihn, ob er denn auch den Lauf kontrolliert habe, die Antwort: „Nein.“

Das Opfer erschien nicht zum Prozess, ließ ein nervenärztliches Attest vorlegen. Und die Schwester machte von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Der 19-Jährige hat inzwischen 30 000 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz an den Händler gezahlt. Ein Happy End gab es für das Liebespaar, es ist inzwischen verheiratet. Der Prozess wird fortgesetzt.

Hintergrund

Hochburg der Jesiden

Rund 3000 Kurden leben in Celle, viele weitere in der Umgebung. Darunter sind etliche Jesiden. Die Region gilt in Deutschland als Hochburg der Jesiden. Beim Jesidentum handelt es sich um eine monotheistische Religion, die weit älter ist als das Christentum. Die Mitgliedschaft ergibt sich ausschließlich durch Geburt, wenn beide Elternteile jesidischer Abstammung sind. Eine Heirat von Jesiden mit Andersgläubigen hat den Ausschluss aus der Religionsgemeinschaft zur Folge. In Deutschland werden Jesiden, die in ihren Herkunftsländern häufig Verfolgungen ausgesetzt sind, seit Anfang der 1990er-Jahre als Gruppenflüchtlinge anerkannt.

Von Rainer Schubert