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Der Angeklagte verdeckt sein Gesicht mit einem Blatt Papier. Neben ihm seine Verteidiger Dr. Norbert Lösing (M.) und Dr. Jonas Hennig (r.). Foto: kg
Der Angeklagte verdeckt sein Gesicht mit einem Blatt Papier. Neben ihm seine Verteidiger Dr. Norbert Lösing (M.) und Dr. Jonas Hennig (r.). Foto: kg

Zeitungsausträger muss eine lebenslange Strafe absitzen

Lüneburg. Die 4. große Strafkammer am Landgericht hat einen 42 Jahre alten Zeitungsausträger zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe wegen Mordes aus Heimtücke und niedrigen Bewegungsgründen verurteilt.  Der Oberstaatsanwalt hatte wie auch die Anwälte der Familie des Opfers wegen Mordes auf lebenslang plädiert. Die beiden Verteidiger indes forderten für ihren Mandanten einen Freispruch – er habe aus Notwehr gehandelt. „Wir haben nichts gehört, das auf eine Notlage des Angeklagten schließen würde“,  so der Vorsitzende Richter Franz Kompisch.  Eine Notlage würde eine Notwehr rechtfertigen. Nach dem Urteil kündigten die Verteidiger gegenüber der LZ an, dass sie gegen das Urteil in die Revision vor den Bundesgerichtshof ziehen, sie hatten Freispruch gefordert.

Wie berichtet, hatte der 42-Jährige am 1. April 2017 gegen 17 Uhr einen Mann auf dessen Grundstück im Lüneburger Stadtteil Oedeme mit einem Küchenmesser mit 15 Zentimeter langer Klinge niedergestochen, das Opfer starb wenig später im Klinikum. lz

Mehr dazu lesen Sie am Freitag in der LZ.

Wie am Mittwoch berichtet:

Ankläger fordert lebenslänglich

Im Prozess gegen den Zeitungsboten sieht der Staatsanwalt zwei Mordmerkmale: Heimtücke und niedrige Beweggründe

Lüneburg. „Der Angeklagte ist eines heimtückischen Mordes überführt.“ Oberstaatsanwalt Frank Padberg hat keinen Zweifel daran, dass der 42-jährige Austräger eines Wochenblattes am 1. April 2017 gegen 17 Uhr auf einem Oedemer Grundstück auf einen Kunden (51) mit Tötungsabsicht einstach: Nach einer verbalen Auseinandersetzung sei der Angeklagte „extra nach Hause gefahren, um ein großes, scharfes Küchenmesser zu holen“, mit dem er dann das „arg- und wehrlose Opfer“ mehrfach attackierte, es unter anderem in den Rücken traf. Der Mann starb wenig später im Städtischen Klinikum. Der Ankläger forderte für den Boten eine lebenslängliche Freiheitsstrafe wegen Mordes, er sieht niedrige Beweggründe und Heimtücke als Mordmerkmale. Ob es bei der Eskalation des schon seit Wochen oder Monaten laufenden Streits zwischen den beiden Männern um die Zustellung des Wochenblattes gegangen sei, ließe sich allerdings nicht mehr feststellen.

Schwurgericht will das Urteil am Donnerstag sprechen

Der Zeitungsbote hatte sich in dem Verfahren selbst nicht zum Mordvorwurf geäußert, sich aber in einer von seinen Verteidigern verlesenen Erklärung auf Notwehr berufen. Dafür aber sah der Oberstaatsanwalt nicht einen einzigen Anhaltspunkt, im Gegenteil: „Es gab keine Verletzungen bei dem Angeklagten, die auf einen massiven Angriff hinweisen. Das Opfer war größer als er, sportlich und kräftig, da könnte man meinen, der Angeklagte läuft weg und drängt das Opfer nicht mit gezogenem Messer auf dessen Grundstück zurück.“ So habe es die Familie vor Gericht geschildert. Dort habe der Angreifer weiter zugestochen. Dass die Stiche von hinten geführt worden seien, habe die Rechtsmedizin belegt. Für die Familie sei das Geschehen ein Schock gewesen: „Eine intakte Familie wollte zum Schwimmen, da liegt der Vater niedergestochen im Vorgarten.“ Einer der Söhne hatte den Zeitungsausträger nach der Tat bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten.

Der Bote hatte laut Ankläger Padberg heimtückisch gehandelt: „Das Opfer konnte auf seinem Grundstück nicht damit rechnen. Es gab vorher zwar schon reichlich verbale Aus­einandersetzungen, aber nie körperliche.“ Und es seien niedrige Beweggründe gewesen: „Es ging bei den ständigen Streitereien um Zeitungen, um Hunde und um anderes – man war sich gänzlich unsympathisch. Aber worum es am Tattag wirklich ging, ist jetzt nicht mehr festzustellen.“

Am Donnerstag werden die Anwälte, die die Ehefrau und die beiden Söhne des Verstorbenen als Nebenkläger vertreten, ebenso plädieren wie die beiden Verteidiger. Noch an dem Tag will das Schwurgericht sein Urteil verkünden. Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch hatte an einem Verhandlungstag Anfang November 2017 geäußert, dass eine Verurteilung auch wegen Totschlags oder gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge infrage kommen könnte.

Von Rainer Schubert

Hintergrund

Zivilrechtliche Ansprüche

Die Hinterbliebenen des Opfers wollten in einem sogenannten Adhäsionsverfahren bereits in diesem Strafverfahren zivilrechtliche Ansprüche geltend machten und stellten dafür über einen Rechtsanwalt – der in Vertretung ihrer beiden für diesen Fall zuständigen Anwälte erschien – zunächst den Antrag auf Prozesskostenhilfe. Beim Schadensersatz geht es um eine Summe im Bereich von 20.000 Euro, die Ehefrau und Söhne vom Angeklagten unter anderem für Beerdigungskosten haben wollen. Zudem fordert jeder von ihnen nicht unter 6500 Euro für seelische Schmerzen, da sie das Geschehen mitansehen mussten. Die Strafkammer wies den Antrag auf Prozesskostenhilfe aus mehreren Gründen zurück, so habe die Ehefrau ihre Bedürftigkeit nicht darlegen können, auch liege kein Erbschein vor. Daraufhin zog der Anwalt den Adhäsionsantrag zurück. Also wird sich ein Zivilgericht damit beschäftigen müssen. Die Familie selbst war am Dienstag nicht erschienen. „Auf ein gewisses Unverständnis“ stieß bei Richter Kompisch auch, dass die Anwälte, die die Familie während des Verfahrens vertreten, auch nicht präsent waren, obwohl abzusehen war, dass sie hätten plädieren können. „Das ist mir in meiner mehr als 20-jährigen Richterzeit noch nicht passiert. Was wäre wohl einem Mordprozess übergeordnet?“, fragte der Richter.

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