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Das Gymnasium Oedeme ist seit Jahren enorm beliebt – das führt zu einem Platzproblem.

Eine Frage des Preises

Lüneburg. Was in den 70er-Jahren versäumt wurde, soll nun zum Teil nachgeholt werden: Die Stadt Lüneburg könnte vom Kreis die Schulträgerschaft für die Stadtteile Häcklingen und Rettmer übernehmen, dagegen soll Oedeme weiter in der Verantwortung des Kreises bleiben. Der formale Akt hat einen handfesten Hintergrund: So möchten Stadt und Landkreis Schülerströme besser steuern können. Dabei geht es in erster Linie um das Gymnasium Oedeme.

Die Schule erfreut sich seit vielen Jahren großer Beliebtheit. Fast nie können alle Schüler in den 5. Klassen aufgenommen werden. Mehrfach schon wurde die selbst auferlegte Maximalzügigkeit überschritten, meist mussten dennoch mehrere Dutzend Schüler abgewiesen werden. Eltern aus Oedeme hatten gegen den Landkreis geklagt, weil der beim Auswahlverfahren Kinder aus den Kommunen außerhalb der Stadtgrenzen Lüneburgs bevorzugt behandelt hatte. Das hätte der Kreis nicht tun dürfen, urteilte das Verwaltungsgericht. Zumindest die Schüler aus Oedeme, Häcklingen und Rettmer hätten mit den anderen Kindern gleichbehandelt werden müssen, weil für diese Gebiete die Trägerschaft nie auf die Stadt übertragen worden war.

Anbauen am Johanneum und an der Herderschule

Den Kreis traf die Entscheidung im Sommer 2017 unvorbereitet. Obwohl das Gymnasium Oedeme sechszügig sein soll, wurden angesichts von 237 Anmeldungen zu Schuljahresbeginn in einer Eilentscheidung sogar acht 5. Klassen eingerichtet. Seither ist klar: Der Kreis muss nachjustieren, um dem Andrang auf legale Weise Herr werden zu können. Im Schulausschuss am Dienstag, 16. Januar, steht das Thema auf der Tagesordnung.

Die Verwaltung schlägt nun eine Lösung vor, die – vereinfacht gesagt – zur Folge hätte, dass die Kinder aus Rettmer und Häcklingen sich künftig zu den Gymnasien in städtischer Trägerschaft orientieren müssten, also zum Johanneum, zur Wilhelm-Raabe-Schule und zur Herderschule, während Kinder aus Oedeme weiter vor Ort zur Schule gehen könnten statt daran vorbei zur nächsten Schule radeln zu müssen. Ändert sich bei den Übergangsquoten und beim Anwahlverhalten der Eltern von Grundschülern nichts Gravierendes, könnten in Oedeme alle Kinder untergebracht werden, ohne dass gelost werden müsste, prophezeit die Kreisverwaltung. Angesichts der Geburtenjahrgänge, die in den kommenden Jahren auf die weiterführenden Schulen drängen, könnte die angestrebte Sechszügigkeit als Obergrenze erreicht werden.

Zeit für Umsetzung schon in diesem Sommer ist knapp

Grundsätzlich bleibt es zwar dabei: Kinder aus dem Gebiet der Stadt können an einer Kreisschule lernen und umgekehrt, doch die Stadt stünde mit der Übernahme der Schulträgerschaft für Rettmer und Häcklingen in der Pflicht, Kindern aus beiden Stadtteilen einen Platz für die Schulform ihrer Wahl zu garantieren. Am Beispiel Gymnasium hieße das: Wird Oedeme stärker angewählt als Plätze zur Verfügung stehen, haben Kinder aus Oedeme und den Landkreis-Gemeinden Vorrang. Für Kinder aus dem übrigen Stadtgebiet, die zum Gymnasium wechseln wollen, müsste die Stadt an ihren anderen Gymnasien genügend Plätze zur Verfügung stellen.

Da auch dort keine Klassenräume leer stehen, müsste angebaut werden. Bezahlen soll dafür der Landkreis, fordert die Stadtverwaltung und ruft als Preis die Kosten für jeweils einen weiteren Zug am Johanneum und an der Herderschule auf. An der Raabe-Schule ist baulich eine Erweiterung kaum zu realisieren. Rund 3,2 Millionen Euro wären das laut Rechnung der Stadt für die Herderschule, weitere 3,5 Millionen Euro für eine Erweiterung am Johanneum.

Ob es aber so kommt, wie die Verwaltungen von Stadt und Kreis ausgehandelt haben, muss nun die Politik entscheiden – erst auf Kreisebene, dann in den städtischen Gremien. Die Zeit ist knapp, denn im März stehen bereits die Vorstellungstermine der Schulen an, im Mai müssen sich die Viertklässler und ihre Eltern für eine weiterführende Schule entscheiden. Ob die Umsetzung selbst bei Zustimmung der politischen Gremien deshalb schon in diesem Jahr erfolgen kann, scheint zumindest fraglich.

„Acht sind zu viel“

Der Direktor des Gymnasiums Oedeme, Dieter Stephan, würde die von den Verwaltungen ausgehandelte Regelung begrüßen. Er hatte sich immer wieder dafür stark gemacht, dass Kinder aus Oedeme einen gleichberechtigten Zugang zur Schule vor ihrer Haustür bekommen sollten, die Schule selbst verstehe sich ja auch als Teil des Stadtteils – sein Appell wurde lange ignoriert.

Andererseits könne die Schule nicht alle Schüler aufnehmen, die dort lernen wollen. „Ich beneide die Entscheidungsträger angesichts der Problematik nicht“, sagt Stephan, „aber unsere Schule platzt aus allen Nähten. Eine dauerhafte Achtzügigkeit mit mehr als 2000 Schülern, das würde auf Dauer weder räumlich noch aus pädagogischer Sicht gehen.“

Von Alexander Hempelmann