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Zwei Monate lang wollen Land, Tierschutzverbände und Tierärzte jede Kastration von wild lebenden Hauskatzen bezahlen.

Weniger Katzenelend dank Kastration

Lüneburg. Nahezu unsichtbar schleichen sie durch die Städte und Siedlungen, ziehen sich in abgelegene Orte zurück. „Es ist eine Kunst, wild lebende Hauskatzen zu finden“, sagt Frauke Girus-Nowoczyn vom Lüneburger Tierheim. Trotzdem sind sie überall: Allein in Niedersachsen leben 200 000 verwilderte Hauskatzen, die meisten wurden ausgesetzt, einige leben so schon in zweiter oder dritter Generation. Katzen, die den Bezug zum Menschen vollends verloren haben, umherstreunen, versteckt leben.

Vielen gehe es schlecht, sagt Michaela Dämmrich, Landestierschutzbeauftragte in Niedersachsen: „Die Tiere sind oftmals abgemagert und scheu, leiden unter Wurmbefall, Parasiten und Verletzungen durch Rangkämpfe.“ Jedes Jahr werden es mehr, die Katzen pflanzen sich unkontrolliert fort, da sie keine eigene Geburtenregulierung haben: Etwa zweimal im Jahr kann eine Katze werfen, und sieben Katzenbabys pro Wurf sind keine Seltenheit. Die Tragezeit laugt die Tiere aus, macht sie krank und schwach. Denn für ein Leben ohne Herrchen oder Frauchen sind die Samtpfoten nicht gemacht (s. Infobox).

Behandlung von wild lebenden Katzen schwierig

Um das Elend der Tiere einzudämmen, starten Landwirtschaftsministerium, Tierärztekammer und Tierschutzverbände ab Montag ein Experiment: Zwei Monate lang zahlt das Land die Kastration von wild lebenden Katzen in Niedersachsen. Das gilt für beide Geschlechter. Für das Projekt nimmt das Ministerium insgesamt 200 000 Euro in die Hand, dazu kommen noch 15 000 Euro vom Deutschen Tierschutzbund, 15 000 vom Landesverband des Deutschen Tierschutzbundes, 10 000 Euro vom Tierregister Tasso sowie eine Spende von 25 Euro pro Kastration von den Tierärzten.

Mit dem Geld, so hofft die Tierärztekammer, können die acht Wochen finanziert werden. Geschäftsführer Holger Lorenz: „Es wird einen Online-Zähler geben, der den Praxen anzeigt, wie viel Geld noch für die Kastrationen zur Verfügung steht.“ Sollte das Geld schon vor dem 15. März ausgehen, könnten keine weitere Eingriffe auf Landeskosten durchgeführt werden. „Sollte noch was übrig bleiben, so wird das Geld auch über die zwei Monate hinaus für Kastrationen von wildlebenden Katzen eingesetzt.“ Ziel sei es laut Ministerium, 2600 Katzen zu behandeln – eine Kater-Kastration kostet dabei 85 Euro, die einer Katzendame 140 Euro.

Die Kastration einer Katze ist eigentlich nur ein
kleiner Eingriff – kann aber bei den scheuen wild
lebenden Artgenossen zu einer Belastungsprobe
für Mensch und Tier werden.
(Foto: A/t&w)

Lorenz begrüßt die Aktion sehr, sieht aber eine deutliche Mehrbelastung für die niedersächsischen Tierärzte. Denn wildlebende Hauskatzen sind alles andere als kooperativ. „Die Tiere wehren sich gegen die Behandlung sprichwörtlich mit Händen und Füßen“, erklärt er. Fangen könne man die Tiere nur mit großen Lebendfallen mit Futterköder, für andere Fallen seien die Tiere zu scheu. Oft müssten die Katzen in der Praxis in eine Ecke des Raumes gedrängt werden, damit die Betäubung verabreicht werden könne.“ Auch arbeitsschutzrechtlich ist ein solcher Eingriff schwierig“, sagt Lorenz. Denn die Verletzungsgefahrt für Ärzte und Fachangestellte ist hoch.

Appell von Tierärztin: Bitte freilaufende Hauskatzen kastrieren

Ist die Katze kastriert, müsse auch der Raum deutlich gründlicher desinfiziert werden als bei normalen Hauskatzen – schließlich könnten die Tiere gefährliche Krankheiten in sich tragen. „Die Kastration einer wild lebenden Katze kann zwischen 10 Minuten – im Idealfall – und zwei Stunden dauern“, sagt Lorenz. Daraufhin würden sich die Katze noch einige Stunden in der Praxis von der Operation erholen, ein bis zwei Tage zur Beobachtung da bleiben und bei Bedarf einen Chip erhalten, um sie identifizieren zu können. „Danach wird sie wieder dort freigelassen, wo sie gefangen wurde.“ Aufgrund dieses Aufwandes bittet Lorenz darum, Termine bei den Praxen rechtzeitig zu vereinbaren.

Mit einer großen Mehrbelastung rechnet die Lüneburger Tierärztin Dr. Antje Köster derzeit nicht. Auch sie begrüßt das Projekt: „Es gibt zu viele wildlebende Hauskatzen. Ich hoffe, mithilfe dieser Maßnahme kann deren Zahl verringert werden.“ Allerdings sieht sie ein weiteres Problem darin, dass viele Katzen mit eigenem Herrchen „intakt“, also mit funktionstüchtigen Geschlechtsorganen, durch die Nachbarschaft streifen. „Wir Tierärzte können arbeiten, so viel wir wollen – so lange Katzenbesitzer ihr Haustier ins Freie lassen und die Tiere nicht kastriert sind, werden sich auch die wild lebenden Katzen weiter vermehren.“

Das bestätigt auch Dieter Ruhnke von der Katzenhilfe Bleckede: Von den 390 000 in den Katzenregistern „Tasso“ und „Findefix“ registrierten Katzen in Niedersachsen seien 70 000 als nicht kastriert gelistet. Davon seien zwar nicht alle freilaufend, doch für die Katzenwelt ist das nicht förderlich. Ein Katzenpaar könne jährlich für 20 bis 30 Nachkommen sorgen. Und ein erfolgreicher Kater kann nur in einer Nacht mehrere Katzendamen schwängern. Katzenelend, das sich verhindern lässt.

Angebot nur in Ausnahmen für Privatpersonen

Wild lebende Hauskatzen sind sehr scheu und fliehen vor dem Menschen. Deswegen ist es sehr schwer für Privatpersonen, die Katzen zu fangen und zum Tierarzt zu bringen. Die Kastrations-Aktion richtet sich daher vor allem an Tierschutzvereine und Tierheime, die häufig über die passenden Fallen verfügen.

Letztere benötigen eine Betriebserlaubnis, während Tierschutzvereine ihre Gemeinnützigkeit darlegen müssen. Zwingend notwendig ist außerdem ein Formular der Tierärztekammer, was auf deren Website www.tknds.de zu finden ist.

Ungeeignet für ein Leben in der Wildnis

Etwa 90 Prozent aller wild lebenden Hauskatzen seien von ihren Herrchen ausgesetzt worden, schätzt Dieter Ruhnke von der Katzenhilfe Bleckede. Daher sind sie für ein Leben als wild lebende Katze denkbar ungeeignet: Ihr Fell ist nicht wasserabweisend, sie haben keine keine eigene Geburtenregulierung und auch die Ernährung bereitet ihnen große Schwierigkeiten. Als Haustiere sind sie immer noch auf den Menschen angewiesen – werden sie nicht gefüttert, suchen sie im Müll, im Kompost oder in fremden Futternäpfen nach Nahrung.

Abhilfe schaffen würde ein Netzwerk von Menschen, die im Rahmen einer kontrollierten und überwachten Futterstelle die Versorgung der Tiere gewährleisten. Unterstützung und weitere Informationen dazu halten der Tierschutzverein und die Katzenhilfe Bleckede bereit.

von Robin Williamson