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Bernd Rothardt trägt den neuen Helm, er hat eine eingebaute Lampe. Vor ihm liegt ein Berliner Helm von 1851. In der NS-Zeit kam dann ein Helm, der sein Vorbild beim Militär hatte. Ganz rechts ist der 1934 in Preußen eingeführte Helm zu sehen. (Foto: t&w)

Reine Kopfsache

Lüneburg. Als der Nationalsozialismus zusammenbrach, war für die einmarschierenden Engländer im April 1945 klar: Die Insignien des Terrorregimes müssen verschwinden. Selbstverständlich auch bei der Feuerwehr. Gelöscht werden musste, aber eben ohne Hakenkreuz. Also kratzten die Brandbekämpfer das Kreuz von ihren Helmen. Doch die „Mütze“ blieb: Sie war 1934 in Preußen eingeführt worden und hatte sich bewährt. Der Schutz aus Stahl erinnert an Helme des Militärs. In seiner Form, dann allerdings aus anderem Material, ist er bis heute im Einsatz. Zu besichtigen ist der Wandel oder besser die Kontinuität im Museum der Wehr an der Lise-Meitner-Straße im Lünepark.

Ein lackierter Lederhelm kostete 1,10 Reichsthaler

„Die Berliner Berufsfeuerwehr hatte 1851 einen Helm eingeführt“, erzählt Bernd Rothardt, der zu den Aktiven der Historien-Gruppe gehört: „Ein lackierter Lederhelm mit einem Schutz und einer eingebauten Passform für den Kopf.“ 1,10 Reichsthaler habe das gute Stück gekostet: „Das wären heute 17,95 Euro.“ 1864 hätten auch die Lüneburger auf das Vorbild von der Spree gesetzt. Das sei bis Ende der 1930er-Jahre im Einsatz gewesen.

Der Wechsel kam bei Neubeschaffungen schon etwas früher: Ein Schutzhelm der Wehrmacht wurde 1934 auch zum Vorbild im Kampf gegen die Flammen. Und damit begann eine über Jahrzehnte währende Kontinuität. Der Helm überstand auch den Wechsel zur Besatzungszeit und zur Demokratie. „Die Engländer hatten die Feuerwehr 1945 zwei Monate lang in Lüneburg verboten“, berichtet Rothardt. Doch Feuer selber ließen sich eben nicht verbieten. Also durften die Männer wieder antreten.

„Am Helm musste das Hakenkreuz entfernt werden“, sagt der 69-Jährige. Stattdessen stand dann „Civil Fire Service“ darauf. Auch in das nächste Jahrzehnt nahmen die Freiwilligen ihre Helme mit, inzwischen aus Aluminium und schwarz lackiert. 1968 kam etwas Farbe ins Spiel: Ein roter Ring leuchtete nun auf dem Helm.

Kunststoffhelme haben einen Nachteil

Es ging weiter. Rothardt, der 44 Jahre aktiven Dienst in der Wehr versah, erinnert sich an das Jahr 1979: Gerätewarte spritzten die Helme auf Grüngelb um, mit einer Mischung, die in der Dunkelheit schimmerte und reflektierte. Auch rote Rangabzeichen prangen nun an dem Schutz, ein Streifen bedeutet Gruppenführer, zwei Zugführer.

Während Rothardt quasi mit seinem Alu-Helm alt wird und ihn 2010 mit dem Erreichen der Altersgrenze mit 62 Jahren abgibt, tragen andere seiner Kameraden längst Kunststoffhelme, wenn sie bei Unfällen helfen oder unter Atemschutz in brennende Häuser gehen. Doch die haben einen großen Nachteil. Das zeigt die Ausstellung im Feuerwehrhaus: Im Februar 2015 löschten die Helfer bei einem Dachstuhlbrand in der Altstadt. Geschmolzenes Plastik und Styropor und deren Dämpfe tauchten die Helme in Grau und Schwarz: „Die waren so beschädigt und nicht mehr sauberzubekommen, dass sie entsorgt werden mussten.“

Das war auch ein Grund für die Lüneburger Brandschützer, sich neu zu orientieren. Stadtbrandmeister Thorsten Diesterhöft und sein Stellvertreter Volker Gätjens berichten, dass die Kunststoffhelme nach 15 Jahren ausgetauscht werden mussten. „Das stand damals für 100 bis 120 Helme an“, sagt Diesterhöft. Auch machte die Europäische Union neuere Vorgaben mit der Norm DIN EN 443:2008-06 für „Feuerwehrhelme für die Brandbekämpfung in Gebäuden und anderen baulichen Anlegen“.

Reinigung bei 60 Grad in der Waschmaschine

Die Feuerwehr besorgte sich neue Modelle von fünf Herstellern, um sich dann für eins zu entscheiden. Die alten Alu-Versionen hatten Hitze geleitet, dazu kamen kleine Löcher für die Belüftung, es konnte verdammt warm am Kopf werden. Das galt durch eingeschränkten Schutz auch für die Ohren. Am Ende kam ein Kunststoffhelm heraus, der an Motorradfahrer erinnert.

Er ist mit 1300 Gramm zwar etwas schwerer als die Vorgänger und am Anfang beklagten sich auch einige Helfer über das Gewicht. „Doch man kann ihn optimal einstellen, sodass er optimal auf dem Kopf und damit auf der Wirbelsäule sitzt“, sagt Gätjens. „Ich spüre ihn gar nicht mehr.“ Und nicht nur das: An die alten Helme hatten Helfer Taschenlampen angebaut, um im Dunkeln besser sehen zu können: „Die Lampen sind jetzt in den Helm integriert, da bleibst Du nirgends hängen.“

Die Männer und Frauen freuen sich über noch einen Vorteil: Das „Innenleben der Mützen“ können sie mit ein paar Handgriffen herausnehmen und bei 60 Grad in der Waschmaschine waschen – wunderbar, wenn der Schweiß in Strömen gelaufen ist. Das alles hat seinen Preis, 240 Helme haben die Lüneburger mit dem Einverständnis der Stadt für ihre derzeit rund 220 Aktiven angeschafft. Von den 1,10 Reichsthalern des Jahres 1864 ist man weit weg, rund 360 Euro kostet ein Helm. Aber er schützt die Helfer eben deutlich besser. Mal sehen, ob auch ihm eine jahrzehntelange Geschichte beschieden ist.

Von Carlo Eggeling

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