Aktuell
Home | Lokales | Die Schiene des Grauens
Elf Minuten sollen Personenzüge im Fernverkehr zwischen Hamburg und Hannover schneller sein, damit das Kosten-Nutzen-Verhältnis für den Trassenausbau passt. (Foto: be)

Die Schiene des Grauens

Lüneburg/Hannover. Das Schreckgespenst einer Eisenbahn-Neubaustrecke durch den Lüneburger Westkreis ist wieder da. Diesen Eindruck nahmen einzelne Teilnehmer aus dem Kreis Lüneburg von der Infoveranstaltung der Deutschen Bahn am Mittwoch aus Hannover mit. Anlass dazu gab der Verkehrsgutachter Stefanos Kotzagiorgis, der im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums seine Kostennutzenanalyse für eine mögliche Bahnstrecke nach der Ausbauvariante „Alpha-E“ präsentierte.

Unklar ist weiterhin, ob die Bestandsstrecke zwischen Lüneburg und Uelzen dreigleisig ausgebaut wird oder ob es zu Ortsumfahrungen kommt. Der Gutachter sprach nun von einer „Konstruktionstrasse“, die auch Gellersens Samtgemeindebürgermeister Josef Röttgers fatal an die einst diskutierte Neubautrasse Ashausen-Unterlüß/Suderburg erinnerte, die parallel zur Bestandsstrecke den Lüneburger Westkreis durchschneiden würde – vorbei an Radbruch, Westergellersen bis Barnstedt. Diese Variante hatte das „Dialogforum Schiene Nord“ 2015 eigentlich verworfen.

Die Neubaustrecken Ashausen-Unterlüß (rot) und Ashausen-Suderburg
waren 2014 im Gespräch und wurden 2015 vom Dialogforum Schiene
Nord verworfen. Jetzt könnte die Idee wieder aus der digitalen
Schublade geholt werden. (Grafik: kleinebrahm)

Rund 100 Vertreter von Behörden, Kommunen, Bürgerinitiativen und Verbänden waren der Einladung der DB Netz AG ins Hannoveraner Hotel Dormero gefolgt, um mehr über den aktuellen Planungsstand des größten Schienenbauprojekts in Norddeutschland zu erfahren. Die Ausschreibungen für die ersten Voruntersuchungen für den Streckenabschnitt Ashausen-Celle über Lüneburg und Uelzen sollen demnächst laufen (LZ berichtete). Doch allen Beteuerungen der DB Netz AG zum Trotz, dass die ersten Trassenvorplanungen für den Raum Lüneburg erst 2019/2020 greifbar seien, vermittelte der Verkehrsgutachter bei seinem Vortrag über „Alpha-E“ einen anderen Eindruck. So sieht das auch die Reppenstedterin Anja Friedrichs, Landesvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland (VCD).

Konkrete Berechnungen ohne konkrete Strecke?

Friedrichs: „Herr Kotzagiorgis sprach auf Nachfrage nur von einer fiktiven Konstruktionstrasse als Basis für seine Berechnungen. Interessant war jedoch das Eingeständnis, dass auch die optimierte und erweiterte Variante noch immer keine Wirtschaftlichkeit erreichte.“ Angeblich würden noch 40 Millionen Euro auf der Nutzenseite fehlen, um das zur Umsetzung erforderliche Nutzen-Kosten-Verhältnis (NKV) von 1,0 für Alpha-E zu erreichen. Ein Großteil des rechnerischen Nutzens würde sich aus den geplanten Reisezeitgewinnen von elf Minuten für Fernverkehrszüge zwischen Hamburg und Hannover ergeben. Friedrichs: „Die Deutsche Bahn erklärte, dass die genannten Reisezeitgewinne nur auf kürzeren Strecken und mit hohen Geschwindigkeiten im Fernverkehr zu erzielen wären.“ Das spreche auch aus ihrer Sicht für eine Westumfahrung Lüneburgs, parallel zur Bestandsstrecke.

Unter den Zuhörern war auch Bardowicks Verwaltungschef Heiner Luhmann. Er ist skeptisch: „Dass es relativ konkrete Berechnungen für neue zweigleisige Umfahrungsstrecken gibt, aber noch keine Überlegungen zur Streckenführung der kalkulierten Umfahrungen bestehen sollen, lässt die Glaubwürdigkeit deutlich schrumpfen.“ Ähnlich hat das auch Gellersens Samtgemeindebürgermeister Josef Röttgers aufgenommen. Und: „Ich muss kein Bahningenieur sein, um zu erkennen, dass ich eine Fahrzeitreduzierung nur dann hinbekomme, wenn ich lange gerade Strecken fahre. Das heißt, es wird eine weitläufige Umfahrung geben müssen, und dann sind wir wieder bei der Neubaustrecke Ashausen-Suderburg/Unterlüß, die das Dialogforum Schiene Nord abgelehnt hat.“ Zudem hatten in den vergangenen Jahren zahlreiche Bürgeriniativen in den Kreisen Harburg, Lüneburg und Uelzen dagegen protestiert.

Die LZ erreichte den Gutachter Kotzagiorgis telefonisch in Freiburg. Er sagt: „Bei der Nutzenkostenuntersuchung war eine Neubaustrecke nicht Teil des Auftrags durch das Bundesverkehrsministerium.“ Gleichwohl habe sein Büro mehrere Varianten auch mit Ortsumfahrungen parallel zur Bestandsstrecke berechnet. Über die Streckenverläufe schweigt er sich aus. „Es ist Sache der DB, was geplant wird.“

Von Dennis Thomas

2 Kommentare

  1. Leider war das Dialogforum Schiene Nord ein Paradebeispiel, wie man Bürgerbeteiligung NICHT machen soll. Alpha E ist ein reiner Verhinderungsvorschlag: Unwirtschaftlich, kaum Kapazitätsverbesserungen, und zu allem Überfluss werden vom zusätzlichen Bahnverkehr viel mehr Menschen betroffen sein als bei einer Neubaustrecke. Das Sankt-Florians-Prinzip war offenbar der Leitgedanke.

  2. „Es ist Sache der DB, was geplant wird.“
    solange menschen und natur davon betroffen sind, ist es nicht allein die sache der DB. ob planungsbüros dieses begreifen werden?