Donnerstag , 22. Februar 2018
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Martin Steffens und Constance Ugé starten voller Vorfreude ihren 365-Tage-Trip. Hündin Leika fährt im Camper „Ernst“ mit.
Martin Steffens und Constance Ugé starten voller Vorfreude ihren 365-Tage-Trip. Hündin Leika fährt im Camper „Ernst“ mit. (Foto: t&w)

Diesmal muss „Ernst“ durchhalten

Melbeck. In der russischen Stadt Kaliningrad endete das achttägige Abenteuer. Der weiße VW LT Florida Camper hatte sich festgefahren. In einer Wiese irgendwo im Nirgendwo. Die Augen von Constance Ugé leuchten, als sie von diesem Abenteuer berichtet. Sie sitzt auf dem Sofa, Hündin Leika, ein Mix aus Australian Shepherd und Husky, wirbelt um sie herum. Eine große Fensterfront offenbart den Blick auf eine Idylle. Weite Felder, ein großer Teich im Garten. Nebel liegt auf dem Rasen. Das Haus in Melbeck hat ihr Lebensgefährte Martin Steffens mühevoll renoviert, dem Paar ein wohliges Zuhause geschaffen. „All das jetzt für ein Jahr aufzugeben, fällt mir schon schwer“, sagt er und seufzt. Constance Ugé (31) fühlt anders. „Ich freue mich riesig, in mir steckt das Reisefieber.“

Wo Flüsse zum Problem werden können

Kaliningrad war der Test, die Vorstufe des wohl größten Abenteuers ihres Lebens. Eine Weltreise. Von Berlin nach Boston über den Osten. Die acht Monate alte Hündin Leika und der 30 Jahre alter Camper, den sie Ernst nennen und der längst ein Familienmitglied ist, kommen mit. Auf ihn warten die Sand- und Geröllwüsten Turkmenistans, Steppen und Berge in der Mongolei, vielleicht sogar ein Fluss. „Auf dem Weg nach Wladiwostok haben an zehn von zwölf Monaten die Flüsse Vorfahrt, da kann man Glück oder Pech haben“, sagt Martin Steffens (36) und lacht. „Notfalls müssen wir umdrehen und uns einen anderen Weg suchen.“

In trockeneren Gefilden sollen Sandbleche, spezielle Aluminiumplatten, Abhilfe schaffen. Für Situationen wie in Kaliningrad wurde der Van mit einer großen Winde ausgestattet, kann so notfalls aus dem Morast gezogen werden. Das Erlebnis hat beide gelehrt, wie schnell ein jähes Ende eintreten kann. Deshalb wollen sie gewappnet sein. Constance Ugé erinnert sich: „Da kam schon Panik auf: Wir waren in Russland, es wurde dunkel, und wir hatten nur noch ein Visa für einen Tag.“ Ideen wie die, den ADAC zu rufen, habe man schnell verworfen, letztlich sei ihnen eine „auf Russisch zeternde Bauersfrau“ mit einem Bündel Heu zu Hilfe geeilt.

In einer Hobbywerkstatt wurde der Motor von Ernst generalüberholt, ein Differentialgetriebe eingebaut, um die Räder gleichschalten zu können. Er ist nun 20 Zentimeter höher gelegt, mit größeren Reifen, Radkästen und einer Trittstufe ausgestattet worden. Das Fahrzeug verfügt jetzt sogar über eine Solaranlage. Die Innenausstattung habe von Anfang an überzeugt, sagt Constance Ugé. Eine kleine Küchenzeile, eine Sitzkombination, ein Bett zum Ausziehen, sogar ein Bad ist vorhanden. „Und was mir ganz wichtig war: Man kann aufgrund des Hochdachs aufrecht stehen, muss also nicht die ganze Zeit hocken.“

Am Wochenende sind die Abenteurer gestartet, besuchen zunächst ihre Familie in Berlin besuchen, von dort aus fahren sie dann weiter gen Südenen. Ob das tatsächlich klappt würde, war bis zuletzt unklar. Fast stündlich klingelt es an der Tür, ein Paketbote liefert eine Internet-Bestellung nach der anderen an, der Wintergarten ist Sperrzone. Dort stapeln sich auf der einen Seite leere Kartons und Verpackungen, auf der anderen Koffer, Campingstühle, eine Hängematte, Decken, Schneeketten, ein Klappspaten, eine Tonne, die oben aufs Dach gespannt werden und während der Fahrt als mobile Waschmaschine dienen soll, Landkarten und eine Ukulele.

Ins Haus in Melbeck zieht ein Bekannter ein

Auch die drei riesigen Beutel Hundefutter, ausreichend für mindestens ein halbes Jahr, fallen ins Auge. „Man weiß nie, wie es mit der Versorgung vor Ort aussieht“, sagt Leikas Frauchen, die schmunzeln muss, als sie erzählt, was allein für die Hündin bedacht werden muss. So sei nicht nur ein umfänglicher Tierarzt-Check mit Tollwut-Impfung und Bluttest erforderlich, sondern auch das Zertifikat eines Amtstierarztes. „Manche Länder fordern auch, dass man seinen Hund mindestens drei Tage vor der Einreise von einem Tierarzt entwurmen lässt.“

Probleme bereitete bis zum letzten Tag auch das Auto von Martin Steffens, für das er seit August keinen Käufer finden konnte. „Zurzeit einen Diesel zu verkaufen, ist fast unmöglich.“ Er hatte sich zwar ein Preislimit gesetzt, musste jetzt aufgrund des Zeitdrucks aber einen Kompromiss in Kauf nehmen. Eine Sorge weniger hat er bei seinem Haus, er muss es nicht ausräumen oder private Gegenstände verstecken. Dort zieht für ein Jahr ein Bekannter ein. Auch seine Partnerin, die noch eine Wohnung in ihrer Heimat Berlin hat, kann diese phasenweise vermieten.

Ein Jahr lang reisen, aus dem Alltag aussteigen – das kostet Geld. Constance Ugé sieht das entspannt, sie spare ihr ganzes Leben für Reisen, erhält aber von der Bundeswehr auch eine monatliche Übergangshilfe.

All das muss noch in dem Campingwagen von Constance Ugé und Martin Steffens Platz finden. Ob ihnen das gelingt? (Foto: t&w)
All das muss noch in dem Campingwagen Platz finden. (Foto: t&w)

Steffens hat seine Freundin vor zwölf Jahren auf der Gorch Fock, dem Segelschulschiff der Deutschen Marine, kennengelernt. Er steuert inzwischen Hubschrauber, steht bei einer Firma unter Vertrag, die Windkraftanlagen anfliegt. Mit seinem Arbeitgeber hat der Melbecker ein Sabbatjahr vereinbart: ein Jahr unbezahlter Urlaub. „Ich lebe also von meinem Ersparten“, sagt er und schiebt hinterher: „Man verdient sein Geld schließlich, um sich ein interessantes Leben machen zu können.“ Eine Horrorvorstellung sei für ihn, eines Tages alt und gebrechlich zu sein, aber ein volles Bankkonto zu haben. „Dann kann ich damit nichts mehr machen.“

Der Job seiner Partnerin sei auch einer der Gründe für die waghalsige Auto-Tour quer durch die Kontinente. „Die Meere und Küsten dieser Welt habe ich schon gesehen. In den wenigen Stunden Freizeit habe ich es nie ins Landesinnere geschafft“, erklärt sie. „Jetzt möchte ich all das sehen, was nur mit dem Auto zu erreichen ist.“ Ende des Jahres möchte das Paar wieder zurück sein. Eigentlich. „Wenn uns zwischendurch ein Land gut gefällt, wir beide einen Job finden, dann bleiben wir vielleicht auch da.“

Hintergrund

Die Route

Von Deutschland geht es über Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montene­gro, Serbien, Mazedonien nach Griechenland, weiter in die Türkei, über Georgien und Aserbaidschan in den Iran. Die Tour führt Steffens und Ugé dann über Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan nach Kasachstan. Streckenweise durchqueren sie dann Russland, kreuzen die Mongolei, fahren wieder durch Russland durch, bis sie die große russische Hafenstadt Wladiwostok am Pazifik erreichen.

Mit der Fähre geht es dann über Süd-Korea nach Japan. Von dort aus wird der Camping-Bus über den Nördlichen Pazifik nach Vancouver in Kanada verschifft. Steffens und Ugé legen diese Strecke via Flugzeug zurück. Im Auto geht es dann quer durch Kanada und die USA – von der West- bis zur Ostküste. Städte wie Denver, Winnipeg, Chicago, Toronto, Washington D.C., New York City sollen zwischendurch gekreuzt werden. Endstation der Tour ist Boston.

Martin Steffens und Constance Ugé führen während ihrer Weltreise einen Blog, er ist unter www.knockingonheavansdoor.com oder www.onkelernst.com im Internet zu finden.

Von Anna Paarmann