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Ein 30 Jahre alter Mann gab sich im Lüneburger Klinikum als Anästhesist aus. Nur einer der Anklagepunkte im Prozess, der gegen ihn am 8. Februar beginnt. (Foto: t&w)

Der falsche Arzt im Klinikum

Lüneburg. Er lief in Arztkleidung durch verschiedene Stationen des Städtischen Klinikums Lüneburg, gab sich als Anästhesist aus. Das bestätigt der Geschäftsführer des Klinikums, Dr. Michael Moormann, und davon ist auch die Staatsanwaltschaft überzeugt, die einem 30-Jährigen das unbefugte Führen der Berufsbezeichnung Arzt, gefährliche Körperverletzung, Hehlerei und Fahren ohne Führerschein vorwirft. Der Prozess gegen ihn beginnt am Donnerstag, 8. Fe­bruar, am Lüneburger Amtsgericht. Bestätigen sich die Vorwürfe, droht dem Mann, der damals in der Region Lüneburg lebte, eine längere Haftstrafe. Wegen anderer Delikte sitzt er bereits hinter Gittern.

Betrüger hat im Klinikum keine Patienten behandelt

Dr. Bernd Gütschow, Sprecher des Amtsgerichts, sagt: „Der Angeklagte soll sich am 13. und 14. Mai 2015 im Krankenhaus Lüneburg mehrfach auf verschiedenen Stationen wahrheitswidrig gegenüber dem Krankenhauspersonal und weiteren Personen als Arzt der Anästhesie – mit entsprechender Arztkleidung – ausgegeben haben.“ Klinikum-Geschäftsführer Dr. Michael Moormann erinnert sich an den Vorfall: „Mitarbeitern kam der Mann verdächtig vor. Irgendetwas stimmte nicht mit seinem Namensschild. Er hatte sich am Kaffee auf einer Station bedient.“ Moormann legt Wert auf die Feststellung, „dass der Verdächtige keine Patienten behelligt, keinen Kontakt zu ihnen hatte“. Das Klinikum habe sofort Strafanzeige gegen den Mann gestellt.

An einen ähnlichen Fall in Lüneburg könne er sich nicht erinnern: „Seit ich hier bin, das sind acht Jahre, hat es so etwas nicht gegeben.“ Der Mann habe sich als Arzt ausgegeben, habe Arztkleidung getragen, die er allerdings nicht aus dem Klinikum gehabt habe. Auf die Frage, ob sich das Klinikum gegen solche Fälle schützen könne, antwortet der Geschäftsführer mit einer Gegenfrage: „Was kann man gegen kriminelle Energie tun?“

Mit Arztmontur auf Dating-App

Eine weitere Tat hat laut Gütschow nichts mit dem Klinikum zu tun, sie soll auf privater Ebene abgelaufen sein: „Er soll Ende Mai 2015 einer jungen Frau, die über Übelkeit und Schwindelgefühle klagte, eine Spritze gesetzt haben, indem er einen Zugang mit Kochsalzlösung und Glukose gesetzt und ihr das Mittel MCP verabreicht haben soll. Die junge Frau sei davon ausgegangen, dass der Angeklagte Arzt ist.“ MCP steht für Metoclopramid und ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Antiemetika. Es regt die Peristaltik, also die Muskeltätigkeit im oberen Magen-Darm-Trakt an und lindert damit Übelkeit und Erbrechen.

Die LZ hatte über diesen Fall berichtet, Opfer war eine 30-Jährige aus dem Kreis Lüneburg, mit der der Angeklagte im Sommer 2015 vier Wochen lang liiert war. Mit Fotos von sich in Arztmontur hatte der Mann sich laut der Frau auf einer Dating-App angemeldet. Die 30-Jährige erzählte der LZ: „Da hat er sich als Anästhesist und Notarzt am Lüneburger Klinikum ausgegeben.“

Kurzzeit-Freundin spritzte er Mittel gegen Übelkeit

Als die Stimmung gekippt sei, habe sie die Beziehung beendet, er habe sie dann gestalkt und ihren Angaben zufolge ihrem Sohn an der Schule aufgelauert, ihre Eltern angerufen und ihren Müll durchsucht. Als sie bei der Polizei Anzeige erstattete, habe sie erfahren, dass der Mann in Lüneburg und Umgebung einschlägig bekannt sei und nach ihm gesucht werde. Sie gab den Hinweis auf seine Wohnung, bei der Durchsuchung hätten die Beamten neben Arztequipment auch den Generalschlüssel des Krankenhauses Salzhausen gefunden.

Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer aktuellen Anklage davon aus, dass der Mann, der keinen Führerschein besitzt, mehrfach über mehrere Monate verschiedene Wagen gefahren hat. Unter anderem soll er auch im Juni 2015 im Besitz eines Rettungswagens gewesen sein, der zuvor vom Parkplatz einer Rettungswache gestohlen worden war.
Der 30-Jährige kennt Gefängnisse bereits von innen, aktuell sitzt er wegen anderer Delikte eine mehrjährige Haftstrafe ab.

Von Rainer Schubert