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Das Neubaugebiet Ilmenaugarten wächst. Doch Architektur und Gestaltung finden nicht nur Zustimmung. In anderen Städten prüfen Gestaltungsbeiräte derartige Großprojekte auf ihre Qualität und geben Empfehlungen. (Foto: t&w)

Berater für gute Architektur

Lüneburg. Die Baukonjunktur brummt – das ist so in Lüneburg wie in vielen anderen Städten. Doch das, was entsteht, sorgt nicht immer für Gefallen, im Gegenteil: Oft hagelt es Kritik. Um architektonische Fehlentwicklungen zu vermeiden und die Akzeptanz für Bauvorhaben zu erhöhen, gibt es mittlerweile in 129 deutschen Städten Gestaltungsbeiräte. In Lüneburg nicht. Dabei hatten sich die Grünen schon „öfter einen Gestaltungsbeirat gewünscht wie beim geplanten Neubau am Handwerkerplatz“, sagt deren Fraktionschef Ulrich Blanck. Oberbürgermeister Ulrich Mädge sieht hingegen die Stadt fachlich gut aufgestellt und keinen Vorteil darin, „wenn wir für teures Geld externe Experten einfliegen lassen“.

Ein Beirat, in dem guter Geschmack und das Gefühl für gute Gestaltung sich versammeln, muss nicht zwingend etwas kosten, meint Blanck mit Blick da­rauf, dass die Beiräte in anderen Städten aus externen Fachleuten gebildet werden, was Kosten mit sich bringt. „Frauen und Männer dieser Stadt, die bauästhetische Beiträge leisten können, brauchen keine Bezahlung. Die Chance, Geschmacklosigkeiten von neuen Bauten zu verhindern, ist ihnen Lohn genug. Was sie brauchen, ist die Gewissheit, dass ihr ästhetisches Urteil tatsächlich Einfluss auf die von der Verwaltung verfügten Gestaltungsrichtlinien hat. Wer Geschmack hat, will und kann nicht nur Alibi für reine Nützlichkeiten sein.“ Geschmackvolle Gestaltung in der Architektur koste nicht zwangsläufig mehr – die vorgegebenen Mittel einzusetzen, „um zum optimalen ästhetischen Ergebnis zu kommen, wäre gerade die Leistung eines solchen Beirats“.

Freiburg und Lübeck haben positive Erfahrungen gemacht

Einer der Vorreiter in Sachen Gestaltungsbeirat ist die Stadt Freiburg. Dort besteht das fünfköpfige Gremium allerdings aus externen Architekten, Stadtplanern und Landschaftsarchitekten, 2014 hat es seine Arbeit aufgenommen. Es prüft bei fünf bis sechs eintägigen Sitzungen rund 20 bis 25 Bauvorhaben pro Jahr „auf ihre städtebauliche, landschaftsplanerische und architektonische Qualität“, heißt es von der Stadt. Nach einem Ortstermin und interner Vorbesprechung haben die Bauherren die Möglichkeit, ihr Projekt dem Beirat vorzustellen und mit ihm zu beraten. Anschließend erarbeitet dieser Empfehlungen. Um die Transparenz zu erhöhen, werden die Bauprojekte in öffentlicher Sitzung vorgestellt und diskutiert – sofern der Bauherr nicht widerspricht. Unterstützt wird der Beirat von Architektinnen aus dem Baurechtsamt. Je nach Zeitaufwand entstehen Kosten für die Aufwandsentschädigung der Experten von 13 000 Euro bis über 20 000 Euro im Jahr.

„Frauen und Männer dieser Stadt, die bauästhetische Beiträge leisten können, brauchen keine Bezahlung.“
Ulrich Blanck, Fraktionschef der Grünen

Martina Schickle vom Pressereferat der Stadt sagt: „Insgesamt wird die Einrichtung des Gestaltungsbeirats in Freiburg positiv gesehen. Er stellt eine Plattform für die öffentliche Fachdiskussion von Bauvorhaben dar und hilft, Qualität und Akzeptanz von Bauvorhaben zu steigern. Hierin liegt auch der Mehrwert für Investoren, die dann gelegentlich auch mit dem Zusatz ‚vom Gestaltungsbeirat empfohlen‘ werben. Für Investoren ist der Aufwand im Vorlauf eines Bauantrages vielleicht größer, dafür nimmt die Rechtssicherheit für das Bauvorhaben zu; eine Zurückstellung des Vorhabens ist dann nicht zu erwarten.“

Auch in Lübeck, dessen Altstadt 1987 als Weltkulturerbe von der Unesco anerkannt wurde, tagt seit 2003 ein Welterbe- und Gestaltungsbeirat. Auch hier sind es fünf externe Experten, die die Stadt beraten. Eingerichtet wurde der Beirat unter anderem aufgrund der kontroversen Diskussion um den P&C-Neubau am Rathausmarkt. Laut Pressesprecherin Valessa Glisovic kommt der Beirat zum Einsatz bei allen Projekten der Altstadt, im Welterbe und in den Gebieten mit Erhaltungs-/Gestaltungssatzung sowie bei allen Objekten und Vorhaben an stadtbildprägenden Standorten. „In den Auslobungen zu Wettbewerben wird die Expertise des Beirates abgefragt und mindestens ein Beirat ist Mitglied der Jury.“ Die Kosten werden bislang durch eine Stiftung getragen. Bei vollständiger Anwesenheit betragen sie pro zweitägiger Sitzung zwischen 8000 und 10 000 Euro (Hotel, Sitzungsgeld, Fahrtkosten, Verpflegung).

Verwaltung sieht schon heute genug Einflussmöglichkeiten

Die Erfahrungen der Stadt seien durchweg positiv, sagt Valessa Glisovic. „Auch wenn die Beratung freiwillig ist, wird das für Bauherren und Investoren kostenlose Beratungsangebot fast immer genutzt. Der Beitrag zur architektonischen Qualitätssicherung und Baukultur ist ein wichtiger Baustein im Planungsalltag. Die Beratungen sind öffentlich.“

Ein Vorbild also für Lüneburg? Hier sagt Stadtbaurätin Heike Gundermann, dass verschiedene Politiker das Thema immer mal wieder angesprochen hätten, eine Meinungbildung im Rat habe es aber nicht gegeben. Man müsse sich im Klaren sein, dass so ein Beirat lediglich Empfehlungen ohne Rechtsverbindlichkeit geben könne. Die Umsetzung der Empfehlungen sei freiwillig. Sie verweist auch auf die aus ihrer Sicht mit dem Gremium verbundenen „hohen Kosten“ und den „erheblichen Verwaltungsaufwand“. Die Stadt verfüge über verschiedene Möglichkeiten, auf Architektur und Gestaltung Einfluss zu nehmen, etwa durch Gestaltungssatzungen, Erhaltungssatzungen und Regelungen in Bebauungsplänen sowie städtebauliche Verträge. „Grundsätzlich stehen die Mitarbeiter des Baudezernates den Bauherren und Architekten für Beratungsgespräche zur Verfügung. Stadtbildprägende Bauvorhaben werden im Ausschuss für Bauen und Stadtentwicklung vorgestellt und beraten.“

Ulrich Mädge ergänzt: „Über Geschmack kann man trefflich streiten. Aber es ist auch jede Stadt anders. Ich denke, so ein Beirat passt nicht überall. Wir haben in Lüneburg eine exzellente Stadtbaurätin. Wir sind fachlich gut aufgestellt und haben eigens zu diesem Zweck auch Vertreter des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt und der Bauhütte als beratende Mitglieder im Bauausschuss. Nicht zuletzt haben wir gute Architekten vor Ort.“

Von Antje Schäfer

6 Kommentare

  1. Gesetzentwürfe ins Kostencontrolling…

    „Frauen und Männer dieser Stadt, die politische Beiträge leisten können, brauchen keine Bezahlung“.

    Aufwandsentschädigung für Grüne ade… ?

  2. Das Hr. Mädge sich mit einem Gestaltungsbeirat nicht anfreunden kann überrascht mich nicht wirklich.
    Würde das doch bedeuten, dass das zwischen den immer selben Beteiligten stattfindende Gemauschel bei der Realisierung attraktiver Bauvorhaben, durch dritten Sachverstand gestört würde. Da könnte dann z.B. nicht mehr so ohne weiteres, die städtebauliche Qualität eines Bauvorhabens, einer Maximierung der Bruttogeschoßfläche und einer max. Ausnutzung der Grundstücksflächen, geofert werden. Da ginge es dann um das Ringen um die (für die Stadt und das Stadtbild) beste Lösung, auch wenn dies die Renditeerwartung des jeweiligen Bauherren schmälern könnte. Ich würde einen Gestaltungsbeirat für unsere Stadt, auch im Interesse der nachfolgenden Generationen, sehr begrüßen.

  3. Wenn wir so viel Kompetenz an den Entscheiderstellen versammelt haben, wie können dann immer wieder solche ästhetischen Desaster wie Museum, Leuphana und Ilmenaugarten passieren? Ein solcher Beirat wäre gerade in Lüneburg dringend erforderlich.

    • Das Museum: ist ein Zweckbau und müsste hier nicht alles in dieser roten Klinker-Tristess ausgeführt werden, wäre da auch was schöneres rausgekommen.
      Leuphana: Wenn man bei Liebeskind bestellt, weiss man wenigstens was man bekommt – der kann nicht anders. (Die Diskussion, ob der überhaupt was kann, ist müssig.) Wenigsten eines der wenigen Gebäude, wenn nicht das einzige, bei dem es sich lohnt einen Touristenzähler anzubringen.
      Ilmenaugarten: Eine der wenigen Ecken wo das Dorf etwas nach Stadt aussieht.

      Und jetzt?
      Wer von uns beiden sollte jetzt in Herrn Blancks grüner Baugeschmackspolizei berufen werden?
      Eben.

      Solch ein Gremium funktioniert nur bedingt. Und kostenfrei schon gar nicht. Wie eine befreundende Unternehmerin so treffend zu sagen pflegt: If you paying peanuts, you have to deal with monkeys.

      Und solch ein Gremium würde und könnte auch nicht verhindern an was grosse Baugebiete (Ilmenaugarten jetzt weniger, Hanseviertel eher mehr) kranken: Nahversorgung – also Nahversorgung im Sinne von Nahversorgung und nicht eine Backwarenverkaufsstation und daneben ein Fahrradverleih für den gesamten Rest.

      Für Mängel dieser Grössenordnung gibt es seit Gründung dieser Republik bereits „ausgebildetes Fachpersonal“ auf jedem Rathaus: Stadtplaner (Das sind die, die ganz eng verzahnt mit Verkehrsplaner arbeiten).
      Aber wer glaubt, Stadtplaner planen Städte, glaubt sicher auch Zitronenfalter falten Zitronen.

      Wenn an dieser Stelle der Hierarchie aber gute Arbeit gemacht wird, dann braucht es auch keine Geschmackspolizei.
      Oder glaubt jemand ein Architekt sagt sich bei Auftragsannahme „das machen wir jetzt schön fad und hässlich, weil das macht sich gut in der Vita“?

  4. Herr Ulrich Mädge hat absolut Recht. Es maßen sich immer die Leute an über andere Kritik in Sachen Ästhetik, Design und auch Architektur zu fällen , die absolut keine Ahnung haben und geschmacklich oft voll daneben liegen. So zum Beispiel der Kommentar: ästhetisches Desaster .

  5. Der Hochbunker am ehemaligen Viskulenhof wäre miit Gestaltungsbeirat wohl verhindert worden.