Mittwoch , 26. September 2018
Aktuell
Home | Lokales | Es ging noch glimpflich ab
Eine kolorierte Zeichnung (Ausschnitt) als Plan für den vorerst letzten Lüneburger Kope-Festumzug 1629. Rechts: In St. Johannis werden Stiefel aufbewahrt, die wohl einem Feldherrn des Dreißigjährigen Krieges gehörten. Fotos: ff/tillwick

Es ging noch glimpflich ab

Lüneburg. Ganze Landstriche verwüstet. Dörfer vom Erdboden verschwunden. Ein Drittel der Bevölkerung tot – umgebracht von Soldaten oder von der Pest: Keine andere Zeit als die des Dreißigjährigen Krieges, die vor 400 Jahren (genauer: am 23. Mai mit dem sogenannten „Prager Fenstersturz“) begann, war für die Menschen so grausam. Magdeburg beispielsweise verlor fast seine gesamte Bevölkerung. Für die Stadt Lüneburg und ihre Bewohner verliefen die Jahre 1618 bis 1648 vergleichsweise glimpflich – was Siechtum und tägliche Tragödien nicht ausschloss.

Der Niedergang der Patrizier

Historische Funde aus jener Zeit, die etwa Sonderausstellungen zum Jubiläum ermöglichten, gibt es kaum. In der St. Johanniskirche wird ein Paar alter, aber noch recht gut erhaltener Stiefel aufbewahrt. Sie sollen angeblich dem Feldherrn Tilly, dem obersten Heerführer der katholischen Liga, gehört haben. „Diese Zuordnung lässt sich aber nicht halten“, so der Historiker Dr. Ulfert Tschirner vom Lüneburger Museum. Nach einer anderen Theorie werden die alten Treter einem gewissen Johann Düvall zugeschrieben. Möglicherweise , so Dr. Tschirner, sei damit Heinrich Duval, Graf von Dampierre, gemeint, ein Heerführer des Dreißigjährigen Krieges, „das rückt die Stiefel zumindest in die Nähe Tillys“. Dessen wirkliches Schuhwerk lagert heute, aufbewahrt wie eine Reliquie, im Magdeburger Dom.

Ein anderes Fundstück aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Lüneburg ist im Museum zu sehen, das Fragment einer kolorierte Zeichnung. Sie zeigt die geplante Anordnung von Reitern für einen Umzug des Kopefestes – und zwar des letzten. Im Jahre 1629 zog der Sülfmeister Georg II. von Stöterogge mit prächtig geschmücktem Gefolge durch die Stadt – „ein Initiationsritus“, so Dr. Tschirner. Die Reiter bildeten mit ihren Kostümen Themengruppen wie Puerita, Vir, Senex (Kindheit, Virilität, Alter). Der etwa anderthalb Meter breite Streifen zeigt laut Aufschrift nur eine von (mindestens) 16 Gruppen, was Rückschlüsse auf den Aufwand zulässt, der damals betrieben wurde. Das Fragment dokumentiert den Beginn des Endes, die Mächteverhältnisse in Lüneburg änderten sich zuungunsten der alteingesessenen Patrizierfamilien, aus denen sich bisher wie selbstverständlich der Rat der Stadt rekrutierte.

Ab 1623 zogen Truppen durch die Region

Lüneburg überstand den Dreißigjährigen Krieg relativ unbeschadet. Ab 1623 zogen Truppen durch die Region. Der Rat verstärkte die Bewachung der Tore und Mauern, ließ die Brustwehren der Stadtmauer reparieren und sorgte für zusätzliche Lebensmittel-Vorräte. Darüber hinaus wurden Kriegskommissare und Mannschaften verpflichtet. Schlimmer war in den 1620er-Jahren die Pest in Lüneburg, sie forderte rund sechstausend Tote, was wohl der Hälfte der Bevölkerung entspricht.

Trotz Truppendurchmärschen wie 1627 die des Generals Tilly blieb Lüneburg verschont, dafür wurde das Geld knapp. Die Stadt musste allein in den Jahren 1628 und 1629 insgesamt 33.600 Reichstaler Kriegs-Abgaben zahlen. Zugleich sanken die Einnahmen aus der Sülze (und damit die Machtpositionen der Sülfmeister). Immerhin gelang es immer wieder, mit Zahlungen direkte Konfrontationen – und damit Plünderungen – zu vermeiden, auch wenn dafür große Teile des Ratssilberschatzes zu ungünstigen Preisen verkauft werden mussten.

Die Städter öffneten die Tore freiwillig

Noch 1635 kaufte sich Lüneburg von der schwedischen Besatzung durch General Banér für 10.000 Reichstaler frei, der jedoch im Folgejahr die Stadt erneut durch Truppen einschloss. Als die schwedische Haupttruppe schließlich Lüneburg verließ, ließen die Befehlshaber nur wenige Soldaten zum Schutz der Stadt zurück.

Mittlerweile hatten kaiserliche, kursächsische und kurbrandenburgische Truppen die Stadt ins Visier genommen. Als die Lage für die ausgelaugte Stadt 1637 bedrohlich wurde, beschlossen die verzweifelten Bürger, Herzog Georg von Braunschweig-Lüneburg die Tore zu öffnen, um einer feindlichen Einnahme und Brandschatzung zu entgehen. Mit dieser Notlösung schafften es die Lüneburger tatsächlich, den Rest der Kriegszeit zu überstehen.

Von Frank Füllgrabe

One comment

  1. „Keine andere Zeit als die des Dreißigjährigen Krieges, die vor 400 Jahren (genauer: am 23. Mai mit dem sogenannten ‚Prager Fenstersturz‘) begann, war für die Menschen so grausam.“

    Ist das so? Wie sehen die Syrer das wohl?

    Die Zeit des dreißigjährigen Krieges zwischen 1914 und 1945 war auch nicht von schlechten Eltern! 9,5 Millionen Soldaten sind im Ersten Weltkrieg und 26,2 Millionen Soldaten plus 29 Millionen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg abgeschlachtet worden. 64,7 summa summarum. Ungefähr ebensoviele starben durch Hunger und Krankheiten. (Quellen: Erster Weltkrieg nach Bundeszentrale für politische Bildung; Zweiter Weltkrieg nach W. van Mourik „Bilanz des Krieges“, Rotterdam, 1978, zitiert nach Wikipedia)