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Eben noch in ihrem Hofladen in Deutsch Evern, morgen auf der Grünen Woche in Berlin. Johanna Pröhl will als „Agrarscout“ das Bild des Verbrauchers über Landwirte zurechtrücken. Foto: kre

Bäuerin mit Leib und Seele

Deutsch Evern/Berlin. Johanna Pröhl ist jung, charmant – und mit Leib und Seele Landwirtin: Zu Hause auf dem elterlichen Hof in Deutsch Evern trifft man die 26- jährige studierte Agrarwissenschaftlerin mit Master-Abschluss meistens im Hofladen an. Dort verkauft sie Produkte vom eigenen Hof und beantwortet dabei auch gerne die Fragen von Kunden. „Die Menschen sind kritischer geworden“, sagt Pröhl – und das findet sie auch gut. Aber nichtsdestotrotz beobachtet sie, „dass viele Städter heute nicht mehr wissen, wie ihre Nahrungsmittel erzeugt werden, wie es auf landwirtschaftlichen Höfen aussieht“.

Landwirt-Bild in den Medien entspricht nicht der Realität

Das will die Deutsch Evernerin ändern. Deshalb engagiert sie sich als „Agrarscout“ auf der Internationalen Grünen Woche (IGW) in Berlin, die am Freitag eröffnet wurde und bis zum 28. Januar dauert. Die 26-Jährige ist damit eine von bundesweit rund 100 „Agrarscouts“, die während der zehntägigen weltgrößten Agrarmesse den Dialog mit interessierten Verbrauchern suchen.

„Ich möchte, dass nicht nur über, sondern mit uns diskutiert wird“, erklärt Johanna Pröhl ihre Motivation. Denn das Bild, das in den Medien von Landwirten gezeichnet werde, entspreche selten der Realität: So sieht die Landwirtin den TV-Quotenbringer „Bauer sucht Frau“ zum Beispiel mit gemischten Gefühlen: Die Sendung bediene Klischees, findet sie: „Ich habe Agrarwissenschaften studiert“, sagt sie und fügt hinzu: „Aber keiner meiner Kommilitonen, die ich auch auf ihren Höfen besucht habe, lief mit Latzhose und Gummistiefeln durch die Gegend, so wie das in der Sendung dem Zuschauer suggeriert wird.“

Wer heute als Landwirt Erfolg haben wolle, müsse auch Manager-Qualitäten aufweisen, sagt Pröhl. Die Zeiten, in denen das Motto „viel hilft viel“ galt, seien lange vorbei. Dünge- und Pflanzenschutzmittel seien teuer – „und kein Landwirt hat Geld zu verschenken“.

Kritische Fragen erschrecken Agrarwissenschaftlerin nicht

Dass Verbraucher auf der Messe kritische Fragen zu Glyphosat-Einsatz, Nitratbelastung oder Überdüngung der Böden durch die Landwirtschaft stellen, davon geht Johanna Pröhl aus. Und diesen Dialog scheut sie auch nicht. Die Deutsch Evernerin kommt aus der konventionellen Landwirtschaft – und dazu steht sie: „Auch wer sich konventionell statt Bio ernährt, ernährt sich gesund“, sagt die 26-Jährige. Sinnvoller sei, regional und saisonal einzukaufen. Wenn im Winter Erdbeeren mit Bio-Siegel im Supermarkt-Regal liegen, hat Pröhl ihre Zweifel, ob diese Früchte noch ihrem Bio-Anspruch genügen: „Schließlich müssen sie erst um die halbe Welt transportiert werden, bevor wir sie hier kaufen können.“ Im Übrigen werde gerne übersehen, dass auch Bio-Produkte gespritzt werden dürfen – „nur eben mit anderen Mitteln“.

Dass innerhalb ihres eigenen Berufsstandes längst ein Richtungsstreit darüber entbrannt ist, wie und wohin sich die Landwirtschaft entwickeln soll, streitet Pröhl nicht ab. „Aber zurück zu einer bäuerlichen Landwirtschaft, so wie das Georg Janßen von der ‚Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft‘ propagiert, wird nicht funktionieren“, ist sich die Deutsch Evernerin sicher. Für sie klingt das ein wenig nach Hof-Romantik, die aber in der Realität kaum Chancen habe. Pröhl hat in den vergangenen Jahren in Lettland, der Slowakei und in Litauen auf kleinen Höfen gearbeitet – Familienbetriebe, die zum Teil nur aus zwei Kühen, drei Schweinen, Hühnern und einem großen Gemüsegarten bestanden. „Da bleibt trotz harter Arbeit nicht viel über“, berichtet die Agrarwissenschaftlerin. Im Wettbewerb mit modernen Betrieben hätten diese Höfe keine Chance.

Johanna Pröhl ist am Sonnabend, 20. Januar, als AgrarScout in der Halle 3.2 im Einsatz. Dort steht der „Erlebnis-Bauernhof“, aufgebaut von 60 Organisationen und Unternehmen aus der Agrarbranche, die authentische Einblicke geben wollen, wie heute Tiere gehalten, Pflanzen produziert, Düngemittel ausgebracht und innovative Technologien eingesetzt werden.

Von Klaus Reschke

Hintergrund

Forum moderne Landwirtschaft

Seit Januar 2016 bestärkt das Forum Moderne Landwirtschaft in Berlin Landwirte und Agrarstudenten mit einem Training darin, auf Verbraucher zuzugehen, sich ihren Fragen zu stellen und mit ihnen in einen gemeinsamen Dialog über die Landwirtschaft zu treten. Auf jede professionelle Schulung folgt mindestens ein Praxis-Tag im städtischen Raum.

Mehr als 350 „Agrarscouts“ sind heute regelmäßig im Einsatz. Mehrere Zehntausend Gespräche mit Verbrauchern wurden bereits geführt. Auf der Grünen Woche in Hannover werden es rund 100 „Agrarscouts“ sein, die zum Einsatz kommen. Eine von ihnen ist Johanna Pröhl. lz