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An den meisten Lüneburger Schulen gibt es längst ein Handyverbot: Im Schulgebäude und auf dem Gelände dürfen Jugendliche ihr Smartphone nicht herausholen. Foto: t&w

Die Ablenkung ist enorm

Lüneburg. Wer das Schulgebäude betritt, muss sein Handy in eine große Kiste legen. Abholen dürfen sich Schüler ihre Smartphones erst nach der letzten Unterricht sstunde. An Frankreichs Schulen soll das ab September die Regel werden. Präsident Emmanuel Macron will damit eines seiner Wahlversprechen umsetzen, das Handyverbot an Schulen, nicht nur im Unterricht, sondern auch auf den Pausenhöfen. Doch wie halten es eigentlich Lüneburger Schulen mit der Handymanie?

An der Oberschule am Wasserturm werden täglich Handys einkassiert, die Schulordnung besagt, dass sie nicht offen getragen und benutzt werden dürfen. Bei Verstößen werden die Geräte im Sekretariat deponiert, sagt Schulleiter Uwe Wegener. „Passiert das zum ersten Mal, dürfen die Schüler ihr Handy mittags wieder abholen.“ Wird jemand mehrfach erwischt, werden die Eltern informiert. Zurzeit müssen drei Schüler ihr Handy jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn im Sekretariat abgeben. „Die Maßnahme läuft dann zwei bis vier Wochen lang.“

Schlafmangel macht sich im Unterricht bemerkbar

In Ausnahmen sei die Handy-Nutzung im Unterricht gestattet, zum Beispiel in Informatik, Wegener unterrichtet Zehntklässler darin. „Als Kommunikationsinstrument, wenn es darum geht, für eine Recherche die IHK oder die Feuerwehr anzurufen, darf das Handy auch mal benutzt werden.“ Im Fach „Werte und Normen“ werde die Abhängigkeit, die mit diesem Medium einhergeht, thematisiert. „Das Ablenkungspotenzial ist enorm“, weiß Wegener, der sich mehr Unterstützung von Seiten der Eltern wünscht. Viele würden bei dem Thema resignieren, sagt er und ergänzt: „Schule kann aber nicht alles auffangen.“

„Schule kann nicht alles auffangen.“ Uwe Wegener, Oberschule am Wasserturm

Vor allem nachts seien die Mütter und Väter gefordert: Denn dann seien die Schüler heimlich unter der Bettdecke bei WhatsApp, Instagram und Facebook unterwegs. „Den Schlafmangel bekommen wir im Unterricht zu spüren.“ Auch werde der Schulalltag erheblich durch Konflikte gestört, die in sozialen Medien entstehen. „Fake News werden verbreitet, manche Schüler derartig beleidigt, dass wir das aufarbeiten müssen.“ Ein landesweites Verbot wie in Frankreich würde Wegener deshalb auch in Deutschland begrüßen.

Ein Handyverbot gibt es auch an der Christianischule , bei Missachtung wird den Schülern das Gerät abgenommen. Schulleiter Harald Vahlbruch spricht von „mehreren Handys täglich“, die im Sekretariat landen und dort bis Schulschluss verwahrt werden. „Wenn das immer die selben Schüler sind, sprechen wir auch mit den Eltern.“ Eine verpflichtende Handyabgabe für alle vor der ersten Unterrichtsstunde hält Vahlbruch für logistisch kaum umsetzbar. Bei 550 Schülern sei das ein „ziemlicher Aufwand“, zudem müsste gewährleistet sein, dass jeder Schüler das richtige Smartphone zurückerhält. „Da fast jeder ein iPhone 7 oder ein neues Samsung hat, erscheint mir das schwierig.“
Aus der Schulordnung der Wilhelm-Raabe-Schule geht hervor, dass Handys auf dem Schulgelände grundsätzlich ausgeschaltet sein sollten. Rainer Krebs, kommissarischer Schulleiter, sagt, dass die individuelle Nutzung im Schüleraufenthaltsraum gestattet sei, private Geräte darüber hinaus mit Erlaubnis des Lehrers bei Bedarf auch im Unterricht genutzt werden dürften. „In unseren schulischen Gremien wird intensiv über eine neue Nutzungsordnung diskutiert. Eine wesentliche Ausweitung des Handygebrauchs oder auch ein generelles Verbot sind nach dem bisherigen Diskussionsstand nicht zu erwarten.“

Zweifel an der Rechtmäßigkeit

Eine ähnliche Beschlusslage sieht die Schulordnung des Gymnasiums Oedeme vor, auch dort dürfen Mobiltelefone nur nach Rücksprache mit einem Lehrer eingeschaltet werden. „Bei dringenden familiären oder gesundheitlichen Gründen“, nennt Direktor Dieter Stephan Beispiele. Er ist sich sicher, dass es nicht erlaubt ist, Jugendlichen ihr Smartphone abzunehmen, selbst dann nicht, wenn sie gegen die Schulordnung verstoßen. „Das ist ein Vergehen an fremdem Eigentum, Schüler können Schadenersatz geltend machen, wenn sie ihr Handy zurückerhalten und es angeblich nicht mehr funktioniert.“ Wiederholungstäter würden vom Schulleiter „scharf verwarnt“ werden, sagt Stephan, der mit einem landesweiten Gesetz sympathisiert. „Schließlich hat Schule früher auch funktioniert.“ Dennoch habe er Zweifel an der Umsetzbarkeit. „Ich glaube nicht, dass es dafür ohne Weiteres eine perfekte Lösung gibt.“

Dass die Handynutzung auch schon an Grundschulen Thema ist, zeigt die Antwort von Marianne Borowski. Die Rektorin der Grundschule Hasenburger Berg sagt, dass vor allem Dritt- und Viertklässler, aber auch schon einige jüngere Schüler ein Smartphone hätten. Oft gehe es dabei für die Eltern um die Erreichbarkeit. „Wir haben in einer Gesamtkonferenz 2013 beschlossen, dass Handys grundsätzlich mitgeführt, aber in der Schule und auf dem Schulgelände nicht benutzt werden dürfen.“ Sie seien in der Tasche aufzubewahren, dürften nicht herausgeholt werden. „Bei Nichteinhaltung sammeln wir das Handy ein, der Schüler kann es sich nach Unterrichtsschluss wieder abholen.“

Von Anna Paarmann