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Andrang bei der Lüneburger Tafel: Dutzende Menschen warten, dass sie in die Ausgabe können. Es werden immer mehr. Foto: ca
Andrang bei der Lüneburger Tafel: Dutzende Menschen warten, dass sie in die Ausgabe können. Es werden immer mehr. Foto: ca

Armut im reichen Lüneburg

Lüneburg. Die Senioren stehen und sitzen am Vormittag vor der Ausgabestelle der Tafel Im Grimm, warten darauf, dass Vorsitzende Konstanze Dahlkötter und ihre Mi tstreiter öffnen. Für diese Lüneburger gehört die Tafel zur Überlebensstrategie: Ihr Einkommen ist so schmal, dass sie mithilfe von Brot, Joghurt, Obst und Gemüse besser über die Runden kommen. „In unserer Kartei haben wir etwa 80 Rentner stehen, die älter als 70 sind“, sagt Konstanze Dahlkötter. „Gut 30 kommen regelmäßig jede Woche, um sich Lebensmittel zu holen.“ Vor Jahren hat die Tafel extra einen Ausgabetag für Ältere eingerichtet, auf deren Wunsch: Sie hatten sich im „normalen“ Anstehen bedrängt gefühlt.

Erst kürzlich hatte der Bundesverband der Tafel berichtet, dass sich die Zahl der Rentner unter den Kunden in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt habe, es handle sich um 350.000 Betroffene. Konstanze Dahlkötter und ihre Vorstandskollegin Martina van Clewe wollen den bundesweiten Trend für Lüneburg so nicht bestätigen: Ja, es habe in der Vergangenheit eine Zunahme gegeben, „aber in der letzten Zeit ist die Zahl ziemlich konstant“.

Die Scham ist groß

„Wahrscheinlich könnten viel mehr Menschen unsere Hilfe gebrauchen“, sagt Konstanze Dahlkötter. „Aber die Scham ist groß.“ Es sei Rentnern peinlich, am Ende des Lebens auf Unterstützung angewiesen zu sein. So komme mancher auch nur ein paarmal, etwa weil eine Nachzahlung bei den Heizkosten anstehe oder eine Reparatur bezahlt werden müsse. Auch fänden sich in dem Klientel viele Frührentner, Leute, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in Arbeit seien. Hier gibt es keine Zahl.

4300 Personen stehen in der Kartei, jede Woche stellen fünf bis zehn Interessenten Anträge, auch in die Versorgung aufgenommen zu werden. Grundlage ist ein geringes Einkommen, das sich an den Hartz- IV-Sätzen orientiert. „Tatsächlich kommen im Durchschnitt 400 Leute zu uns, um Lebensmittel zu holen“, sagt Konstanze Dahlkötter. Aber dahinter stünden Familien, sodass etwa 1200 Menschen über die Tafel unter anderem mit Eiern, Nudeln und Molkereiprodukten versorgt werden. Als die Tafel vor 22 Jahren in Lüneburg begann und Spenden direkt am Markt ausgab, verteilten die Helfer ausrangiertes Gemüse vom Wochenmarkt an ein paar Dutzend Bedürftige.

Publikum hat sich über die Jahre gewandelt

Das Publikum habe sich über die Jahre gewandelt. Einen großen Ansturm gab es im Jahr 2015, dem Jahr, in dem die Zuwanderung besonders hoch war. Inzwischen sei wieder etwas weniger los. Geblieben sei aber eine Verschiebung der Bedürftigen: Die Hälfte der Kunden habe ausländische Wurzeln. Oftmals sind es Asylbewerber oder Flüchtlinge, die inzwischen einen anderen rechtlichen Status erhalten haben.

Zu beobachten sei auch, dass viele jüngere Menschen in der Schlange vor der Ausgabe stehen. Frauen, die sehr früh Mutter geworden sind und nicht arbeiten. Auch die Partner hätten oftmals Probleme mit Ausbildung und Beruf. Konstanze Dahlkötter und ihre 80 ehrenamtlichen Kollegen hoffen, dass die Lebensmittel Familien auch helfen, um ein paar Euro zur Seite zu legen, um etwas eigentlich Selbstverständliches zu tun: mal mit den Kindern ins Kino zu gehen oder einen Geburtstag auszurichten.

Arbeitslosigkeit sinkt, gleichzeitig benötigen mehr Menschen Hilfe

Die Frauen von der Tafel kennen natürlich auch die Wirtschaftsdaten: Die Arbeitslosigkeit sinkt, gleichzeitig benötigen mehr Menschen ihre Hilfe. Eine Erklärung für das Phänomen haben sie nicht. Sie helfen einfach.

Das klappe im Moment ganz gut, erzählen die beiden. Man könne genug Lebensmittel sammeln, vor allem bei Lebensmittelhändlern wie Rewe und im Zentrallager der Edeka in Valluhn bei Zarrentin. Doch eine Entwicklung macht Konstanze Dahlkötter mit Blick auf die Zukunft Sorgen. Der Lebensmittelhandel liefere Waren auch nach Hause. Es sei die Frage, inwieweit dann Einkaufsstrategien der Handelskonzerne sich wandelten: „Wir wissen nicht, ob dann genug für uns da ist.“

Von Carlo Eggeling

Mit Zahlen lässt sich Altersarmut schwer belegen

Eigentlich geht es Rentnern gut

Die politische Diskussion um Altersarmut, die auch Sozialverbände führen, ist angesichts von Zahlen nur begrenzt zu verstehen: Von den 15,7 Millionen Männern und Frauen, die in Deutschland Altersrente erhalten, bezieht laut Rentenversicherung nur jeder 38. Grundsicherung, macht 2,6 Prozent. Zudem gibt es 121.000 Menschen, die Grundsicherung erhalten, aber keinen Anspruch auf eine Rente haben, weil sie gar nicht oder weniger als fünf Jahre gearbeitet haben.

2 Kommentare

  1. Mit Zahlen lässt sich Altersarmut UNSCHWER belegen. Nämlich mit genau den Zahlen, die im vorangestellten Bericht genannt werden! Niemand geht zur Tafel ohne Not.

    Vielen Dank an die Mitarbeiter der Tafel für ihre wertvolle Arbeit! Sie bieten konkrete Hilfe für Menschen im gesellschaftlichen Schatten, die zu häufig nur Verständnislosigkeit und kalte Arroganz von Besitzenden quer durch alle gesellschaftlichen Milieus erfahren.

  2. Werner Schneider

    Als ich in den 80er Jahren mehrfach in den USA war und die Tafeln sah, dachte ich, dass wir so etwas nie bekommen würden – ich irrte. Tafeln sind das Ergebnis bundesdeutscher Politik. Für mich eine Schande.