Dienstag , 25. September 2018
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Blühende Felder und mehr Artenvielfalt erhoffen sich vor allem Naturschützer von einem Glyphosat-Verbot. Doch viele Landwirte halten das für unrealistisch. Sie würden künftig Unkraut maschinell entfernen, mehr pflügen und auf die Aussaat von Zwischenfrüchten verzichten. Foto: t&w

Die Glyphosat-Kontroverse

Lüneburg. Erste Molkereien haben ihren Lieferanten den Einsatz bereits untersagt. Städte und Gemeinden machen gegen die Nutzung mobil. Und selbst Bundeslandwirt schaftsminister Christian Schmidt (CSU) bekennt sich inzwischen grundsätzlich zum Ausstieg. Über Monate ist die möglicherweise krebserregende Wirkung von Glyphosat heftig debattiert worden, nun scheinen die Tage des Unkrautvernichters in Deutschland mittelfristig gezählt. Was aber würde das für unsere Region bedeuten? Eine Suche nach Antworten.

Der Umweltschützer

Mehr Blütenreichtum. Mehr Artenvielfalt. Bunte Farben auf den Feldern. Thomas Mitschke hat als Kreisvorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) eine klare Vision von guter Landwirtschaft. Und er sieht eine „realistische Chance“, seinem Ziel mit dem Verbot von Glyphosat näher zu kommen. Als Totalherbizid tötet das Mittel jede Pflanze, wird es nicht mehr eingesetzt, könnte das Artensterben bei Wildkräutern aufgehalten werden. Das wiederum könnte die Nahrungssituation für Insekten verbessern, „insbesondere für die Wildbiene“.

Doch Mitschke ist nicht naiv. Auch er fragt sich: Wie würde sich ein Verbot für den einzelnen Landwirt auswirken? Auf die Preise landwirtschaftlicher Produkte und den Weltmarkt? Würden Landwirte Glyphosat nicht einfach durch andere Mittel ersetzen? Und: Welche Auswirkungen würden die auf Natur und Landschaft haben? Sein Fazit: „Glyphosat zu verbieten, ist richtig, doch als alleinige, einseitige Maßnahme zu kurz gesprungen. Wir brauchen den Diskurs mit der Landwirtschaft.“

Der konventionelle Landwirt

Als Ackerbauer, Kreislandwirt und Kreisvorsitzender des Bauernverbandes würde Jens Wischmann „verdammt gerne“ über Glyphosat reden. Wobei er gestehen muss: „Ich kann mich da so was von aufregen.“ Wenn er schon höre, dass ein Verbot von Glyphosat die Artenvielfalt erhöht. „Totaler Schwachsinn!“ Ohne das Mittel „würden wir das Unkraut auf den Feldern trotzdem bekämpfen.“ Mit Maschinen statt mit Chemie. „Und das hätte deutlich mehr ökologische Nach-, als Vorteile.“

Beispiel: Nach der Getreideernte sät der Landwirt auf seinen Feldern Zwischenfrüchte. Die Pflanzen wie Ölrettich oder Senf werden nicht geerntet, sondern dienen der Gründüngung, „außerdem ist der Acker den Winter über bewachsen, das schützt das Grundwasser und beugt der Erosion vor“. Vor der Maisaussaat im Frühjahr spritzt Wischmann dann Glyphosat, „das macht den Acker einmal sauber, sodass wir mit einer minimalen Bodenbearbeitung säen können“. Kein Pflügen, kaum Bodenverdichtung, die Pflanzenreste bleiben als schützende Mulchschicht auf dem Acker. „Wir schonen das Bodenleben und lassen die Regenwürmer in Ruhe.“

„Ohne Glyphosat müssten wir wieder viel mehr pflügen, um die Reste der letzten Frucht unterzuarbeiten und den Boden für den nächsten Anbau vorzubereiten“. Das koste mehr Diesel und Arbeitszeit, verdichte den Boden, mache den Zwischenfrucht-Anbau vielleicht sogar unmöglich, „weil wir im Herbst mit den Maschinen wieder und wieder über den Acker fahren müssen, um Unkraut wie die Quecke zu bekämpfen“. Unterstützen würde auch Wischmann ein Verbot für den Einsatz von Glyphosat in Beständen, die noch geerntet werden sollen. Doch ein Total-Aus hält er für eine Katastrophe – auch aus ökologischer Sicht.

Der Bio-Bauer

Als Ökobauer spritzt Jürgen Schoop weder Glyphosat noch ein anderes chemisches Pflanzenschutzmittel. „Und ich würde es begrüßen, wenn gar keine Chemie mehr auf die Äcker käme.“ Er bekämpft alles unerwünschte Grün maschinell oder thermisch. „Das ist arbeitsintensiver, aber es geht.“ Und auch wenn der Boden intensiver bearbeitet werden muss, ist er überzeugt: Es ist die naturverträglichere Art der Landwirtschaft.

Hinzu kommt: Ein generelles Glyphosat-Verbot „würde auch mein Leben als Ökobauer leichter machen“, sagt Schoop. Denn immer wieder passiere es, dass ein konventionell wirtschaftender Nachbar spritzt „und ein Teil der Herbizide wegen ungünstiger Witterung auf unserem Acker landet“. Um bei einer Kontrolle keine Strafe zu riskieren, müsse er das anzeigen. „Denn dass da ein Totalherbizid im Einsatz war, sieht selbst der Laie auf den ersten Blick.“

Der naturnahe Konventionelle

Als konventioneller Landwirt spritzt auch Jochen Hartmann Glyphosat. „Nach der Zwischenfrucht und vor den Rüben“, sagt er. „Nur so lässt sich bodenschonender Ackerbau wie beim Mulchsaatverfahren umsetzen.“ Ein Verbot würde die Arbeit kosten- und zeitintensiver machen, „wir müssten mehr grubbern oder pflügen, aber wir kämen damit klar. Und vielleicht wäre es auf lange Sicht von Vorteil.“

Ohne Glyphosat „müssten wir uns wieder mehr Gedanken machen“. Warum wächst die Quecke? Warum die Distel? „Jedes Kraut gibt uns Hinweise über die Nährstoffsituation, die Beschaffenheit und Gesundheit des Bodens.“ Das Problem: „Wir erkennen die Signale nicht oder wir ignorieren sie.“

Der 37-Jährige träumt von einer Zukunft, „in der wir den Boden wieder verstehen“. Er selbst probiert sich darin im Rahmen eines bundesweiten Pilotprojektes, pflanzt zum Beispiel Blühpflanzen ins Getreide und hofft, dass die Insekten, die er damit anlockt, eines Tages das Insektizid überflüssig machen. Ob sich auch in der Natur ein Glyphosat-Ersatz findet? „Wer weiß“, sagt Hartmann, „wir sollten zumindest anfangen zu suchen.“

Die Berufspolitiker

18 der 28 EU-Staaten haben im November einer Verlängerung der Glyphosat-Zulassung um fünf Jahre zugestimmt. Im Bundestag wird nun ein nationales Verbot diskutiert, kommt es zur Abstimmung, wären auch sie gefragt: Eckard Pols (CDU) und Julia Verlinden (Grüne), die beiden Abgeordneten der Region.

Als Grüne befürwortet Verlinden ein Verbot, mehr noch: „Der Einsatz von Pflanzen- und Insektengiften in der Landwirtschaft muss generell und rigoros eingeschränkt werden.“ Das erfordere mehrere Maßnahmen, zum Beispiel Mischkulturen, vielfältige Fruchtfolgen, robuste Sorten, mechanische Bodenbearbeitung, angepasste Saatzeiträume und bodenauflockernde Pflanzen. Auch die Regierung müsse mehr in Forschung und Entwicklung alternativer Pflanzenschutzmaßnahmen investieren. „Denn gutes Essen verträgt sich nicht mit einer kranken Natur.“

Das hört sich einfach an, doch Eckard Pols ist überzeugt: „So einfach ist das nicht.“ Und eine sachliche Debatte über Glyphosat, „die scheint leider unmöglich zu sein“. Er vertraut der deutschen Landwirtschaft, glaubt, „dass die Bauern verantwortungsvoll mit Mitteln wie Glyphosat umgehen, ihre Böden nicht über die Maßen belasten“. Ein sofortiges Aus von Glyphosat, „würde ich nicht mitmachen“, sagt er. Über einen Ausstieg auf Raten, „lässt sich zumindest diskutieren“.

Von Anna Sprockhoff

Hintergrund

Wie Glyphosat wirkt und …

Glyphosat ist eine organische Phosphorverbindung, die in den 1950er-Jahren entdeckt wurde. Als Totalherbizid wirkt es auf alle behandelten Pflanzen. Sie nehmen den Wirkstoff über ihre Blätter auf, danach entfaltet er seine tödliche Wirkung. Er blockiert die Produktion bestimmter Aminosäuren, die eine entscheidene Rolle beim Wachstum der Pflanze spielen. Sie stirbt ab, es sei denn, es handelt sich um eine gentechnisch veränderte Pflanze, die resistent ist. In Deutschland werden nach Angaben des Julius-Kühn-Instituts 37 Prozent der Ackerflächen mit glyphosathaltigen Herbiziden behandelt (Stand 2017). Ob die Substanz krebserregend ist, ist umstritten. Als „wahrscheinlich krebs­erregend“ stuft sie eine Studie ein, andere Untersuchungen kommen zum Schluss, Glyphosat sei nicht akut gesundheitsgefährdend.

Foto: dth

… eingesetzt wird

Glyphosat ist Bestandteil einer Vielzahl von Pflanzenschutzmitteln, zugelassen im Ackerbau, auf Grünland, in Obst- und Gemüsekulturen. Auch die Deutsche Bahn setzt den Wirkstoff an ihren Gleichanlagen ein ebenso wie Privatleute im Haus- und Gartenbereich. Viele Landwirte setzen den Wirkstoff ein zur Bekämpfung von Unkraut und Ausfallkulturen (Pflanzen der vorangegangenen Kultur, die zum Beispiel Blattläuse übertragen könnten), außerdem zur Grünland-Erneuerung und zur Rekultivierung stillgelegter Äcker. Wenn Getreide ungleichmäßig abreift und eine Ernte ohne Behandlung nicht möglich ist, darf Glyphosat auch auf Getreide kurz vor der Ernte gespritzt werden. Dadurch stirbt das Getreide ab und wird gleichmäßig reif. Der Einsatz von Glyphosat zur Steuerung des Erntetermins ist verboten.

5 Kommentare

  1. “ keine Chemie mehr auf die Äcker käme.“
    “ Er bekämpft alles unerwünschte Grün maschinell oder thermisch.“

    Muss man als Biolandwirt Naturwissenschaften grundsätzlich missachten?
    Ohne Chemie wächst überhaupt nichts, das fängt mit der Photosynthese an und eine thermische Bekämpfung oder das Verbennen von viel Diesel sollte man nicht einfach als besser Variante sehen, immerhin erzeugen beide Varianten definitiv krebserregende Abgase, zu dem wird dadurch das Bodenleben sehr stark zerstört.
    Zu dem sollte auch bekannt sein, dass in der Biolandwirtschaft auch gespritzt wird, anscheinend versucht man händeringend Kupfersulfat und Co zu verheimlichen.
    Auch im Bioanbau gibt es ein nicht selektives Herbizid, eine Säure, das leider nicht annähernd ausreichend wirkt.

    Und beim Nabu scheint man nicht oft mit Landwirten zu tun zu haben oder überhaupt die Arbeit kennen.
    Vor der neuen Aussaat werden bei bio oder konventionell die Beikräuter beseitigt,
    egal ob thermisch, mechanisch oder mit Pflanzenschutzmitteln.
    Der Einsatz von Glyphosat mit anschließender minimaler Bodenbearbeitung oder gar Direktsaat fördern das Bodenleben, das ist unbestritten.

    • ursache und wirkung wird gern beim geschäftemachen verwechselt. der mensch vermehrt sich unkontrolliert und um ihn zu ernähren, zerstört er seine einzige umwelt, sprich natur. geht es eigentlich noch bescheuerter? das ,,unkraut,,-vernichtungsmittel jetzt auch noch das bodenleben befördern soll, ist lächerlich und nur relativ zu verstehen.

      • Das Sie von der Erzeugung von Lebensmitteln und dem Boden nichts verstehen, kann man Ihrem Kommentar entnehmen.
        Aber warum schreiben Sie das dann auch noch? Kommentieren, des kommentieren Willens?
        Hätten Sie die Zeit besser mit der Recherche zu dem Thema Bodenbearbeitung (No Till: minimal Bodenbearbeitung und Direktsaat) verbracht, das wäre sinnvoller gewesen.

        Und das Bevölkerungswachstum ist jetzt auch schon „ein Geschäft“?

  2. „(…) Der Einsatz von Glyphosat mit anschließender minimaler Bodenbearbeitung oder gar Direktsaat fördern das Bodenleben, das ist unbestritten.“ Da möchte ich Herrn Ritter ausdrücklich widersprechen, denn dies ist absolut nicht „unbestritten“. Wer sich selbst eine Meinung bilden möchte, kann dies glücklicherweise tun, z.B. in der ausgezeichneten Reportage „Glyphosat – das Gift auf unserem Acker“.
    Es dürfte nicht leicht sein, diesen rd. 50-minütigen Film als „Verschwörungstheorie linker Ökospinner“ abzutun. Herrn Ritter und anderen „Experten“ möchte ich empfehlen, auch einmal über den Aspekt der „glyposatbedingten Resistenzen“ nachzudenken; denn dies führt dazu, dass immer mehr von dem Gift angewendet werden muss, mit fatalen Folgen für das ökologische Gleichgewicht – das ist ein Teufelskreislauf, mal ganz abgesehen vom Bienen- und Insektensterben!  Gern könnten Sie sich auch darüber informieren , was die Marketingabteilungen großer Agrarkonzeren z.B. in Sri Lanka angerichtet haben, wo man den Farmern jahrelang die großen „Vorteile“ von Round Up angepriesen hat, ohne auf die Gefahren hinzuweisen. Der Boden ist verseucht, die Menschen sind krank, tausende an Nierenerkrankungen gestorben.
    Machen Sie ruhig weiter mit Ihrem „Wachstums- Modell“ einer gnadenlosen „Effizienz“ und „nachhaltigen Intensivierung der Landwirtschaft“, Herr Rittter. Die „Ernährung der Weltbevölkerung“? Die könnten wir auch ganz anders sicherstellen. Ein Anfang wäre gemacht, wenn bei uns nicht mehr 40 Prozent der produzierten Lebensmittel auf dem Müll landen würden! Glücklicherweise erkennen immer mehr Verbraucher ihre Verantwortung, lehnen den Einsatz von „Pflanzenschutzmitteln“, Massentierhaltung und die massiven Gülle-Einträge der industriellen Landwirtschaft ab, die unser Trinkwasser belasten. Immer mehr Menschen möchten nicht, dass große Agrarkonzerne und ihre Lobby-Arbeit darüber bestimmen,  wie unsere Nahrung und Landwirtschaft auszusehen hat, fordern deswegen eine grundlegende Änderung des EU-Agrar-Suventionsmodells. Wir brauchen eine Rückkehr zu kleinen, überschaubaren bäuerlichen  Strukturen, ohne Masssentierhaltung, ohne den Einsatz von Glyphosat und anderen „Pflanzenschutzmitteln“! Praktikable Lösungen und Alternativen, die unsere Umwelt und die Artenvielfalt erhalten würden, sind vorhanden. Ich empfehle als Lektüre die „esoterische“ Schriften von Masanobu Fukuoa oder Sepp Holzer (der spricht evtl. eher die Sprache moderner Landwirte).

    • Anscheinend hat dieses Problem ja nur ein Ferkelzüchter in Europa, es gibt einige Zehntausend. Und wenn es so wäre, der Däne behauptet das seit fast 10 Jahren, warum füttert er dann nicht Eiweißfutter ohne Glyphosateinsatz?

      Was einem auffällt, die beschriebenen Probleme deuten auf schlechtes, Mykotoxin behaftetes Stroh hin, das ist hinlänglich bekannt, auch in der Biolandwirtschaft, wo wesentlich mehr Ferkel missgebildet geboren werden und rund 30% nicht zur Schlachtreife gelangen.
      http://www.orgprints.org/17598/

      „Lobby Arbeit“, stellt sich die Frage wer hier diese „Arbeit“ macht, gewisse Protagonisten treten seit 20 Jahren auf, seit dem RoundUpReady-Kulturen in der USA und anderen Ländern dieser Welt angebaut werden.
      Das hat aber mit Deutschland und der EU nichts zu tun, hier gibt es keine keine zum Anbau zugelassene RR-Kultur, es gibt auch kein Zulassungsverfahren mehr.

      Was Monokulturen nun mit Glyphosat zu tun haben, das würde mich interessieren, denn das ergibt keinen Sinn, das geht ohne auch.

      Was Artenvielfalt mit einem gepflügtem Feld zu tun hat, ohne Glyphosat, das darf sich jeder in wenigen Wochen selbst auf den Feldern im Landkreis anschauen und gegebenenfalls mal einige Direktsaatflächen genauer betrachten, dort findet man die Biodiversität: Ameisen, Erdwespen etc.
      Diese überleben den Pflug nicht.

      „Wir brauchen eine Rückkehr zu kleinen, überschaubaren bäuerlichen Strukturen“

      Woher sollen die Landwirte kommen? Anscheinend wollen immer weniger diesen Beruf ausüben, da ist der Wunsch nach mehr Betrieben und kleineren Strukturen eher etwas für Kinderträume in Kinderbüchern, aber real wird das nicht passieren, durch die momentane Kritik, wie von Ihnen hier breit und deutlich geschrieben Gesine, wird und ist auch immer weniger Nachwuchs bereit den Hof zu übernehmen. Man kann es den Kindern auch nicht verübeln, wer will einer Berufung nachgehen, wo man damit rechnen muss, dass man 40 Jahre lang von PR-Konzernen (FOE, Greenpeace und Co) zum Feindbild erklärt wird, damit diese ihr Spendeneinkommen generieren können.
      Die PR-Parole Glyphosat beschert den deutschen Ablegern satte Gewinne, die haben sich ein perfektes Netzwerk zu solchen Kampagnen aufgebaut.
      https://schillipaeppa.net/2017/11/02/verfilzt/

      „Lektüre die „esoterische“ Schriften“
      Mit Esoterik sollte man sich, wenn einem das gefällt abends auf dem Soja beschäftigen, sicher nicht im Bereich der Lebensmittelerzeugung.
      Das Internet hat mit Esoterik auch nichts zu tun, also abschalten!