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Margot und Jürgen Reinold sitzen daheim auf ihrem Sofa. Sie haben Tränen der Erleichterung vergossen, als sie erfuhren, dass der Göhrde-Mörder ermittelt wurde. (Foto: geo)

Die Frage nach dem Warum bleibt

Lüneburg. Als Jürgen Reinold Ende Dezember beim Frühstück die Zeitung aufschlägt, liest er eine Nachricht, auf die er 28 Jahre lang gewartet hat. Er hatte Brötchen geholt, wie jeden Morgen. Er trinkt Rhabarberschorle, wie jeden Morgen. Und dann steht da auf einmal: „Göhrde-Mörder überführt“. Weiße Buchstaben auf schwarzem Grund. Der „Göhrde-Mörder“ heißt Kurt-Werner W. und war Friedhofsgärtner in Lüneburg. Er ist der Mann, der 1989 wahrscheinlich seinen Bruder umgebracht hat.

An diesem Morgen kann Jürgen Reinold noch nicht weinen. Die Tränen der Erleichterung kommen erst drei Tage später: am Silvesterabend, als er mit seiner Frau Margot eine Flasche Champagner öffnet. An diesem Abend kann Jürgen Reinold endlich einschlafen, ohne dass seine Gedanken um die ewig selbe Frage kreisen.

Als Jürgen Reinold von dem Tag erzählt, der ihm ein bisschen Frieden gebracht hat, sitzt er mit seiner Frau Margot an einem großen Esstisch unter zwei Kerzenleuchtern. Margot ist 67 Jahre alt, Jürgen 77. Sie trägt ihr Haar noch immer so lang wie als junge Frau, er trägt einen von ihr gestrickten Schal um den Hals. Sie sind seit 32 Jahren verheiratet. Neben den Kaffeebechern liegen Papierschnipsel, unzählige. Ein Schicksal, verpackt in unzähligen Klarsichtfolien. „Wir haben alles aufgehoben, was über die Morde in der Zeitung stand“, sagt Margot. „Uns hat das niemals losgelassen.“

Sie versuchten, die Fragen mit Bier zu ertränken

22. Mai 1989. Margot und Jürgen leben seit vier Jahren zusammen, sie sitzen auf ihrer Terrasse. Es ist warm, sie genießen den Sonntag. Das Ehepaar wohnt im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses in Hamburg-Bergedorf, schräg über ihnen der ältere Bruder von Jürgen und dessen Frau. Peter und Ursula. Da kommt die jüngere Tochter der beiden nach unten, sie ist 14. „Wo sind denn deine Eltern?“, fragt Jürgen seine Nichte. „Die sind gestern zum Picknicken gefahren.“ „Und noch gar nicht wieder da?“ „Nein.“

Als die Eltern am Montag immer noch nicht zurückgekehrt sind von ihrem Ausflug, gibt die Familie eine Vermisstenanzeige bei der Polizei auf. „Wir wussten, dass Peter gern in die Göhrde fährt“, erzählt Jürgen Reinold. „Wir klingelten an jeder Haustür und zeigten den Leuten Fotos. Wir sind mit dem Auto kreuz und quer durch die Wälder gefahren. Ich höre noch die Äste, wie sie am Lack meines Wagens kratzen.“

Am 12. Juli 1989 bemerken Spaziergänger beim Blaubeerensammeln erst einen merkwürdigen Geruch und dann eine Hand unter einem Haufen Kiefernzweige. Es ist die Hand des toten Bruders. Neben ihm liegt die Leiche seiner Frau Ursula.

Ihre Toten konnte die Familie Reinold zwar beerdigen. Aber die bohrenden Fragen, die blieben. „Wir wollten wissen, wer ist dieses Untier, das Menschen umbringt, ohne dass sie etwas dafür können?“, sagt Jürgen Reinold. Er schloss sich einer Gruppe in Dannenberg an, die regelmäßig über die Mordfälle diskutierte. Dort hieß es irgendwann, der Mann habe Paare beim Liebesspiel beobachtet. Ein kleiner Ansatz, mehr nicht. „Warum er sie aber auch umbringen musste? Das kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.“ Immer wieder sprach er mit Margot darüber, warum Bruder und Schwägerin wohl sterben mussten.

Weil sie die Antwort nicht fanden, versuchten sie, die Frage mit Bier zu ertränken. Ließen sich später in eine psychosomatische Klinik einweisen. In einer Art Hypnose träumte Jürgen von seinem Bruder, der über ihm schwebt. „Wir wollten uns berühren“, erinnert er sich. „Es ging aber nicht.“

Margot betrat seitdem nie wieder einen Wald. „Ich hatte Angst, dass der Mörder auch uns holt. Wir tragen schließlich denselben Nachnamen.“ Nach der Klinik versuchte sie, die Nervosität anders in den Griff zu kriegen als mit Bier. Heute stehen im Keller ein Dutzend Umzugskartons, voll mit Schals, Mützen, Taschen. Alle von Margot gestrickt und gehäkelt.

Jürgen Reinold zieht einen gelben Ordner hervor. Er steckt voller ausgedruckter E-Mails, abgeheftet nach Eingang. Nachrichten der Hoffnung. Sie stammen von Wolfgang Sielaff, einem pensionierten Polizisten. Vor mehr als sechs Jahren hatte Sie-laff Reinold zum ersten Mal kontaktiert. Heute ist er der Mann, der dafür gesorgt hat, dass Jürgen Reinold Ende Dezember die Nachricht in der Zeitung lesen konnte, auf die er 28 Jahre lang gewartet hat.

Im August 1989 verschwand Sielaffs Schwester Birgit Meier aus Brietlingen. Der Fall wurde nie aufgeklärt und machte im September 2017 bundesweit Schlagzeilen. Denn Sielaff, 75 Jahre alt, ehemaliger Leiter des Hamburger Landeskriminalamts, ermittelte in seinem Ruhestand jahrelang auf eigene Faust, gemeinsam mit befreundeten Juristen, Rechtsmedizinern und Kriminalpsychologen.

Dankbar, dass da einer immer weiter ermittelt hat

Bis er tatsächlich die sterblichen Überreste seiner Schwester fand: im Boden unter einer Garage am Lüneburger Stadtrand. Das Haus hatte Kurt-Werner W. gehört. Dem Mann, von dem Jürgen Reinold einige Monate später beim Frühstück erfuhr, dass er der mutmaßliche Mörder seines Bruders ist. Eine DNA-Spur in einem Auto der Göhrde-Opfer hatte W. 28 Jahre nach der Tat überführt.

Wenn Jürgen Reinold heute von Wolfgang Sielaff spricht, dann mit höchster Achtung und größter Dankbarkeit. „Ohne ihn wäre in meinem Leben immer noch eine große Lücke“, sagt er am Kaffeetisch im Januar 2018. Geht es nach den Reinolds, bekommt Wolfgang Sielaff das Bundesverdienstkreuz. „Was er getan hat, ist ungeheuer wichtig für uns und die Angehörigen der anderen Opfer“, sagt Margot Reinold. „Nur durch seine Arbeit können wir Ruhe finden.“

Und die Reinolds sind nicht allein. Es könnten Hunderte sein, die durch die neuen Ermittlungen endlich Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen finden werden. Denn Sielaff und seine Kollegen haben etliche ungelöste Mordfälle ausfindig gemacht, deren Muster auffällig denen in der Göhrde ähnelt.

Für seine Morde kann Kurt-Werner W. zwar nicht mehr bestraft werden, denn er hat sich 1993 erhängt. Doch die Polizei ermittelt weiter, sie geht von einem Mittäter aus. Wenn Jürgen und Margot Reinold heute von diesen Neuigkeiten hören, blitzen ihre müden Augen auf. Sie setzen auf die Zähigkeit der Ermittler, die modernen Analysemethoden im Labor. „Wenn dieser letzte Rest jetzt auch noch aufgeklärt wird, dann wäre es wirklich vorbei“, sagt Jürgen Reinold.

Doch eine Frage wird wohl für immer unbeantwortet bleiben. Es ist die Frage, die über der Todesanzeige von Peter und Ursula aus dem Jahr 1989 steht: Sie lautet: Warum?

Von Carolin George