Donnerstag , 15. November 2018
Aktuell
Home | Lokales | Zehn Stunden kompletter Filmriss
K.O.-Tropfen können in kleinen Flaschen oder Ampullen transportiert, dann in ein Getränk gegeben werden, wie dieses gestellte Foto zeigt. Betäubungsmittel können auch in Pulverform vorliegen. (Foto: t&w)
K.O.-Tropfen können in kleinen Flaschen oder Ampullen transportiert, dann in ein Getränk gegeben werden, wie dieses gestellte Foto zeigt. Betäubungsmittel können auch in Pulverform vorliegen. (Foto: t&w)

Zehn Stunden kompletter Filmriss

Lüneburg. Sabine Müller (Name geändert) kann sich noch an ihr drittes Bier erinnern und daran, dass sie von einem Vorglüh-Event mit knapp 30 Gästen im Studentenwohnheim zur Hörsaalgangparty auf dem Campus der Universität aufbrechen wollte. „Danach ist alles schwarz, ich habe einen Filmriss von zehn Stunden“, erzählt sie, ihre Stimme stockt. „Ich bin am nächsten Morgen entkleidet aufgewacht, in einem fremden Bett.“

Wo und mit wem sie die Nacht verbracht hat, habe sie erst nach und nach durch Aussagen von Bekannten rekonstruieren können. Die Tatsache, dass sie nur drei Bier getrunken habe, hätte zu dem Gedanken geführt, dass sie betäubt worden sein könnte. Einen Tag später sitzt die junge Frau beim Arzt, sie hat Kopfschmerzen, Herzrasen, ihr ist übel. Auch da erhärtet sich der Verdacht: „Für ein Blutbild war ich zu spät da, aber der Arzt meinte, dass mir mit höchster Wahrscheinlichkeit Drogen untergemischt wurden.“

Sabine Müller hat drei Tage danach, am 17. Januar, Anzeige erstattet, bestätigt die Polizei. „Sie hat uns mitgeteilt, dass sie auch von anderen Betroffenen wisse“, sagt Pressesprecher Kai Richter. „Am 23. Januar hat sich dann eine 20-Jährige gemeldet.“ Auch diese junge Frau hätte berichtet, dass sie auf einer Vorglüh-Party in einer WG einige Gläser Wein getrunken hätte, die Folge ein Filmriss gewesen sei. „Sie soll auch im Krankenhaus gewesen sein“, sagt Richter. „Wir versuchen zurzeit aufzuklären, wer auf diesen WG-Partys war.“ Weitere Betroffene bittet er, sich bei der Polizei zu melden, um Anzeige zu erstatten.

Opfer auch in der Ritterakademie

Inwischen hat sich ein weiteres Opfer bei der Polizei gemeldet und Anzeige erstattet. Zudem gibt einen Fall, der sich in der Nacht zu Sonntag bei einer nicht öffentlichen Party in der Ritterakademie zugetragen haben soll. Dort erlitt eine 20-Jährige einen Filmriss, nachdem sie zwei sogenannte Shots, also Kurze, getrunken hatte. Die Polizei ermittelt auch hier wegen gefährlicher Körperverletzung, sieht aber „keinen direkten Zusammenhang“ zu den Vorfällen an der Uni.

Der Veranstalter der Hörsaalgangparty, die Fachschaft Business, Economics & Management, hat mittlerweile auf LZ-Nachfrage eine offizielle Stellungnahme herausgegeben und die Vorfälle bestätigt. Wie viele Personen tatsächlich Opfer einer solchen Betäubung geworden sein könnten, ist noch nicht klar.

Sicher ist, dass es in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar von 1.05 bis 2.16 Uhr auf dem Gelände der Universität vier rettungsdienstliche Einsätze gegeben hat. Das bestätigt Frank Maruhn, Einsatzleiter des Arbeiter-Samariter-Bundes. „Es waren drei Fahrzeuge des ASB und ein DRK-Krankenwagen vor Ort.“ Aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht könne er aber nicht bestätigen, ob es Hinweise auf Betäubungen durch K.O.-Tropfen gegeben habe.

Fünf Patienten wurden in die Notaufnahme gebracht

Im Lüneburger Klinikum seien vier weibliche und ein männlicher Patient eingeliefert worden, sagt Kristina Lanz, Leitende Oberärztin der Internistischen Notaufnahme, auf LZ-Nachfrage. Bei allen sei ein erhöhter Alkoholspiegel im Blut nachgewiesen worden, „bei einer Patientin gab es Hinweise auf Betäubungsmittel oder andere Stimulanzien. Sie musste intensiv-medizinisch betreut werden“. Verhaltensauffälligkeiten hätten diesen Verdacht erhärtet, so sei die junge Frau in einem aufgeregten Zustand, „kaum zu bändigen“ gewesen. „Sie wusste gar nicht, was mit ihr geschieht.“

Dass auch den anderen Party-Gästen etwas verabreicht wurde, kann Lanz nicht ausschließen. „K.O.-Tropfen sind nur eine ganz kurze Zeit nachweisbar.“ Mit solchen Verdachtsfällen sei die Notaufnahme häufiger konfrontiert, vor allem, wenn in Lüneburg sogenannte Shot-Partys stattfinden, also tablettweise hochprozentige Kurze ausgeschenkt werden. „Dann ist es ein leichtes Spiel, jemandem etwas unterzumischen. Wir sind dann froh, wenn es bei einem Filmriss geblieben und es nicht zu weiterführenden Straftaten gekommen ist.“

Gäste, die die Party im Hörsaalgang der Leuphana besucht haben, berichten von jungen Frauen, die nicht mehr stehen konnten, im Sitzen eingeschlafen sind oder sich immer wieder übergeben mussten. Die Fachschaft Business Economics & Management, die bei dieser Veranstaltung knapp 75 Helfer im Einsatz hatte, spricht in einer offiziellen Stellungnahme von „Vorfällen von gefährlicherer Körperverletzung mit dem Einsatz von sogenannten K.O.-Tropfen“. Diese sollen sich sowohl im Rahmen der Party ereignet haben, die insgesamt 1200 Gäste besucht haben, als auch im Umfeld privater Feiern.

Der Abend endete in der Notaufnahme

„Wir als Veranstalter bedauern dies zutiefst und sprechen den Betroffenen unser Mitgefühl und unsere vollste und lückenlose Kooperationsbereitschaft zur Aufklärung dieser Fälle zu. Trotz unseres umfangreichen Sicherheitskonzeptes mit Ausweiskontrollen, Taschenkontrollen sowie dem absoluten Verbot von mitgebrachten Getränken, anderen Flüssigkeiten sowie Waffen aller Art konnten wir dies nicht verhindern.“ Weiter heißt es in dem Statement, dass man bedauerlicherweise habe erfahren müssen, dass auch Studenten der Leuphana als Täter in Frage kämen.

Einen ähnlichen Verdacht hat auch Sabine Müller, denn in dem Studentenwohnheim, in dem sie zum Vortrinken eingeladen war, sollen mehrere WG-Partys stattgefunden haben. „Ich weiß sicher, dass ein anderes Mädchen, das in dem Haus war, auch ins Krankenhaus gebracht werden musste.“ Ähnlich sei es der Mitbewohnerin einer Freundin ergangen, „sie hat es gar nicht mehr zur Hörsaalgangparty geschafft“. Ein Großteil der Gäste sei aber einige Hundert Meter weiter zu der Feier gezogen. Und dort, so vermutet es zumindest Müller, dürfte die nächste Studentin betäubt worden sein. „Sie war nicht zum Vorglühen in dem Wohnheim, in dem ich war. Sie war vorher zu Hause mit Freunden, ist dann auf der Uni-Party zusammengesackt.“ Ihr Verdacht: „Die Täter haben da also weitergemacht.“

Veranstalter verantwortlich für die Sicherheit der Gäste

Seit dem Vorfall hat sich Sabine Müller nicht mehr in Seminare oder Vorlesungen getraut. Zu groß ist die Scham. Schilderungen von Bekannten zufolge soll sie mal apathisch und orientierungslos auf der Tanzfläche gestanden, dann wieder „ganz offensiv“ den Kontakt zu Männern gesucht haben. „Später konnte ich mich wohl auch nicht mehr artikulieren, nicht mehr stehen. Alle dachten, ich wäre einfach super betrunken“, sagt die junge Frau, die an all das keinerlei Erinnerungen an. „Da ist einfach nichts.“ Jemand müsse ihr die „perfekte Dosis“ verabreicht haben, „ich war auf Drogen, offen für alles. Genau das soll ja offensichtlich passieren: Dass man willenlos wird und andere diesen Zustand ausnutzen können.“

Die Vorfälle dürften auch auf künftige Partys, die auf dem Campus an der Scharnhorststraße stattfinden, Auswirkungen haben. Nicht nur hat die Fachschaft angekündigt, ihr Sicherheitskonzept zu verbessern und Präventivarbeit zu leisten, von Uni-Pressesprecher Henning Zühlsdorff heißt es auf LZ-Nachfrage: „Wenn uns in Zukunft Konzepte für Veranstaltungen vorgelegt werden, werden wir eindringlich darauf hinweisen, dass die Sicherheitskräfte an den Eingängen für ausreichend Kontrollen sorgen.“

In der Regel bedürfe eine solche Party einer Prüfung durch die Liegenschaftsabteilung und der Beantragung einer Ausnahmegenehmigung bei der Stadt. „Die Veranstalter sind für die Sicherheit ihrer Gäste zuständig“, sagt Zühlsdorff, der angesichts der Größe von Ampullen, in denen K.O.-Tropfen mitgeführt werden können, aber auch ergänzt: „Eine 100-prozentige Sicherheit kann man nicht herstellen.“

Das rät die Polizei

Wie kann man sich schützen?

„Man sollte achtsam sein, wenn man nachts unterwegs ist“, rät Polizei-Pressesprecher Kai Richter. „Spendierte Drinks von vermeintlich neuen Freunden sollten nicht angenommen, Getränke nie unbeaufsichtigt irgendwo stehengelassen werden.“ Vor allem bei offenen Getränken sei Vorsicht geboten. Sollte jemandem doch schwindelig oder übel werden, sei es wichtig, sich umgehend an Freunde oder das Personal zu wenden, zudem im Krankenhaus Urin- und Blutproben abzugeben. „Kommt es im Zusammenhang mit K.O.-Tropfen auch zu einem Gewaltdelikt, sollten Verletzungen dokumentiert werden“, rät er und weist zudem darauf hin, dass der Besitz von Liquid Ecstasy strafbar sei, „die Droge fällt unter das Betäubungsmittelgesetz.“

Von Anna Paarmann