Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Im Film rupft eine Frau eine Gans, Freddy Fleïng imitiert das Geräusch: Mit Stoff reibt er über eine Haarbürste. (Foto: t&w)
Im Film rupft eine Frau eine Gans, Freddy Fleïng imitiert das Geräusch: Mit Stoff reibt er über eine Haarbürste. (Foto: t&w)

Knacken, knarren, knarzen

Lüneburg. Der alte Fahrradsattel bringt Freddy Fleïng ins Schwärmen. „Der stammt von einem DDR-Klapprad“, sagt der 30-Jährige. Unglaublich wie das Ding knacken, knarren, knarzen könne. Jedes Bett könne man so imitieren. Wahnsinn. Fleïng erzählt das so packend, dass ein ganzes Konzert von Betterlebnissen im Ohr klingt. „Als ich damals mit dem Rad einer Freundin losgefahren bin, habe ich gedacht: ‚Jaaaa, das ist es.‘“ Er hat ihr den Sattel abgeschwatzt, und jetzt liegt das Teil bei seinem „Zeug“. In Bergen von Material in seinem eiskalten Studio in der Goseburg.

Freddy Fleïng arbeitet für die Firma Chaussee Soundvision, Experten für Ton. Der Lüneburger ist Geräuschemacher. Das klingt lustig, was es auch sein kann. Aber es ist ein anstrengender Beruf. Auch körperlich. Das erklärt das kalte Studio und Fleïngs T-Shirt: „Ich komme ins Schwitzen.“

Der kräftige Mann greift sich einen uralten 30 Kilo schweren Dosenöffner, den vermutlich mal Köche in einer Großküche eingesetzt haben. Fleïng wuchtet den Trump auf ein Fass, dreht langsam die Kurbel. Könnte eine Ankerkette sein, bei anderer Geschwindigkeit ein Fahrstuhl. Oder eben ein Dosenöffner: „Man muss mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen.“ Und mit Fantasie, um Geräusche zu denken.

Chicoree sind gut für Knochenbrüche

„Gemüse mag ich gern“, sagt Fleïng. „Möhren, Sellerie und Chicoree sind gut für Knochenbrüche. Pak choy kann wie ein Genickbruch klingen. Braucht man leider so selten. Ein Kaiserbrötchen, mit Mayo und Eisbergsalat. Wenn man da drauf drückt – quaaatsch –, hört sich das an, als wenn ein Riese etwas zermanscht.“ Aber auch Geschirr, Besteck, Stifte können einen ganz anderen Nutzen haben als gedacht.

Doch wozu braucht man die Lautmalerei und Kakophonie eigentlich? Für Film und Fernsehen. Was Kamera- und Tonleute vor Ort aufnehmen, reicht nicht immer, um das Geräusch auch beim Zuschauer entstehen zu lassen. Vom Rauchen einer Zigarette bis zum Gang über einen Weg.

Fleïng hat in einer Kiste verschiedene Gehwegplatten, Holz- und Plastikböden liegen, dazu Sand und Kies. Dazu einen Koffer voller gängiger Schuhe; Sneaker, Pumps, Budapester. Scharrend, schreitend, schleifend.

Manchmal kling es nicht richtig. Der Geräusche-Mann arbeitet mit seinem Kollegen Reemt Meyer zusammen. Der sitzt nebenan im Tonstudio, sieht die gleichen Filmsequenzen wie Freddy und hört rein. Dreimal, fünfmal, achtmal. Der 25-Jährige sagt: „Es kann die Schrittfolge sein, die nicht zum Film passt. Man sieht und hört das. Übungssache.“ Er sagt Freddy, dass es nicht passt. Selbst wenn es bei den beiden schließlich durchgeht, muss es noch nicht in Ordnung sein. Der Sounddesigner des Filmteams meldet sich dann: „Sorry, das geht nicht.“

Umkämpfter Markt

Freddy lächelt. „Das höre ich dreimal am Tag. Ok, dann muss ich es anders machen. In dem Job muss man kritikfähig sein. Es geht nicht um mich, sondern ums Geräusch. Lob bekomme ich selten von außen.“

Doch die Firma, die auch in Köln, Berlin und Wien vertreten ist, ist gefragt. An den Wänden hängen Plakate von Filmen wie „Tiger Girl“, „You‘ll never walk alone“ und französischen Produktionen mit Pierre Richard. Dazu kommen auch ZDF-Reihen wie Terra X. Gleichwohl sei es auf einem umkämpften Markt eine Herausforderung, gute Aufträge zu ergattern. Neben den Geräuschen kümmern sich die Fachleute auch um Texteinspielungen. Im Studio hört sich manchmal undeutlich an, was am Set gut klang. Schauspieler Charly Hübner, bekannt unter anderem aus dem Rostocker Polizeiruf 110, hat beispielsweise in der Goseburg einen Text nachgesprochen.

Freddy Fleïng stellt sich wieder vor, wie etwas klingt. Verstärkt. Im Kopf hat er dann auch eine Kino-Leinwand samt Soundsystem. Bilder müssen in Töne verwandelt werden. Der Familienvater, er spielt Klavier, Schlagzeug macht Percussion, erklärt es so: „Geräusche zu machen, ist eine musikalische Angelegenheit.“ Klar hilft dabei die Technik. Es sei anders als vor Jahrzehnten, wo seine Vorgänger sämtliche Geräusche für einen Film am Stück produzierten: „Heute legen wir 40, 50 Spuren übereinander, können jedes Element bearbeiten.“

Trotzdem, es braucht eben Fantasie. Stiele von Silvesterraketen sirren und peitschen so schön, Mehl und Stärke in einem Beutel knarzen wie Schnee. Und dieser Fahrradsattel. So wunderbar fürs Bett.

Von Carlo Eggeling