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Bauarbeiter montieren in Tschernobyl die Solarplatten. Im Hintergrund ist der Sarkophag zu sehen, der die Überreste des zerstörten Reaktors verschließen soll. Noch laufen die Arbeiten an dem Schutzmantel.

Sonnenstrom aus der Sperrzone

Bleckede/Hamburg. Es ist Montagmorgen, kurz vor zehn, Stefan Müller sitzt in seinem Hamburger Büro am Schreibtisch, als ihn die Nachricht aus Tschernobyl erreic ht. Es sind nur drei Worte, die ihn über den historischen Moment informieren, eilig ins Handy getippt von einem Kollegen in der Ukraine: „Stefan, es läuft.“ Dort, wo es vor fast 32 Jahren zu einer der größten Nuklearkatastrophen der Geschichte kam, ist zum ersten Mal wieder Strom geflossen. Der 50-Jährige lächelt und kritzelt einen Haken auf ein Blatt Papier. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Mega-Solarpark – geglückt.

Stefan Müller, geboren und aufgewachsen in Bleckede, ist ein Pionier in der Solarbranche. Seit seinem Fachhochschulabschluss als Ingenieur Anfang der 1990er-Jahre managt er den Bau von Solaranlagen, zuerst in Namibia, dann in Indien, später in Singapur, seit 2008 als Gründer und Mitinhaber der Aktiengesellschaft „Enerparc AG“ in mehr als 20 Ländern auf der ganzen Welt. Müller, schmal in weißem Hemd unter blauem Feinstrickpulli, sagt: „Wir bauen gerne dort, wo andere nicht bauen.“ Im Nord­irak. In Weißrussland. In Jordanien. „Wir wissen, mit schwierigen Ländern umzugehen.“

Zähe Verhandlungen mit der Regierung

In Tschernobyl steht ihr Solarkraftwerk nur 100 Meter entfernt von dem sogenannten Sarkophag, einer gigantischen Schutzkonstruktion, die die Überreste des 1986 zerstörten Reaktors verschließt. Schon die Genehmigung brauchte zähe Verhandlungen mit der Regierung, der Bau in der Sperrzone folgte verschärften Bedingungen. Kein Wühlen im Boden. Zutritt nur mit Ausnahmegenehmigung. Minimale Einsatzzeit. „Der Aufwand war deutlich höher als üblich“, sagt Müller. Trotzdem glaubt er an das Projekt. Und an das, was da noch kommen soll.

Für Müller und seine Partner in der Ukraine ist die Ein-Megawatt-Anlage nur der Anfang, ein eine Million Euro schweres Pilotprojekt, um Investoren und Regierung für einen weitaus größeren Deal zu gewinnen. Ihr Ziel: Ein Solarpark mit 100 Megawatt, 200 bis 300 Fußballfelder groß, im Wert von 80 bis 90 Millionen Euro. „Solaranlagen lassen sich auch ohne Fundament problemlos aufbauen, können ferngesteuert werden und brauchen wenig Wartung.“ Perfekt für eine Industrieanlage im verseuchten Gebiet. „Hinzu kommt, dass wir kein einziges größeres Kabel verlegen müssen“, sagt Müller, „alle Stromautobahnen sind aus den Zeiten, in denen das Atomkraftwerk noch lief, nach wie vor vorhanden.“

Ein Projekt mit Symbolkraft

Noch läuft in Tschernobyl der Probebetrieb, in wenigen Tagen gehen die 3600 Solarpaneele offiziell ans Netz und versorgen von da an bis zu 2000 Haushalte mit Strom. Alle Daten kann Müller dann mit seinem Handy abrufen, selbst kleinste Fehler wie ein durchgenagtes Kabel ausmachen. Gibt es ein Problem, das sich nicht aus der Ferne lösen lässt, „informieren wir unsere Partner vor Ort“. Für Müller Routine.

In seiner Karriere hat der 50-Jährige schon Dutzende Solarparks in dieser Größenordnung realisiert, doch Tschernobyl ist auch für ihn besonders, ein Projekt mit Symbolkraft. „Da steht ein Solarpark neben den Ruinen des Atomreaktors. . .“ Er überlegt kurz, dann huscht ihm ein Lächeln über das Gesicht. „Könnte gut als Sinnbild für die Energiewende dienen.“

Müller selbst kennt die Anlage bisher auch nur von Fotos. „Meine Frau hat mir einen Abstecher in die Sperrzone verboten“, sagt er und grinst. Gelingt ihm und seinen Partner der ganz große Deal, „dann werde auch ich mir das Ganze persönlich anschauen“. Bis dahin genügt ein Blick auf sein Handy – und Müller kann in Tschernobyl den Sonnen-Strom fließen sehen.

Von Anna Sprockhoff