Aktuell
Home | Lokales | „Ein unglaubliches Gefühl“
Alles gut überstanden: Sascha und Ulrike Georgi sind glücklich. Den Mundschutz tragen beide vorsorglich, weil Ulrike Georgi erkältet ist und sie so die Ansteckungsgefahr bannen. (Foto: as)
Alles gut überstanden: Sascha und Ulrike Georgi sind glücklich. Den Mundschutz tragen beide vorsorglich, weil Ulrike Georgi erkältet ist und sie so die Ansteckungsgefahr bannen. (Foto: as)

„Ein unglaubliches Gefühl“

Hamburg. Acht Monate liegt Sascha Georgi auf Station H4a der Klinik für Herz- und Gefäßchi­rurgie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), nachdem er auf die Hochdringlichkeitsliste (HU-Liste) für ein Spenderorgan gekommen ist. Acht Monate warten und hoffen – auch wissend, dass die Zeit läuft, weil es einen Mangel an Spenderorganen gibt. Doch dann beginnt das neue Jahr für ihn mit der erlösenden Nachricht.

In Deutschland stehen mehr als 10 000 Patienten auf der Warteliste für eine Transplantation. Doch viele warten vergebens. Laut Deutsche Stiftung Organtransplantation, Koordinierungsstelle für Organspende, sterben statistisch gesehen drei von ihnen, weil nicht rechtzeitig ein passendes Organ verfügbar ist. Und die Zahl der Spender in Deutschland ist im vergangenen Jahr noch einmal gesunken. Waren es 2012 noch 1046, ging die Zahl sukzessive bis im vergangenen Jahr auf 797 zurück. Dabei stehen laut Umfragen drei Viertel der Bundesbürger einer Organspende positiv gegenüber, aber nur 35 Prozent haben ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis festgehalten.

Wie viele andere Mediziner appelliert Dr. Markus Johannes Barten, Chirurgischer Leiter der Herzinsuffizienz- und Transplantationsambulanz am Hamburger Herzzentrum: „Jeder sollte sich damit auseinandersetzen, dass auch er ein Spenderorgan brauchen könnte.“

Es begann mit einer verschleppten Erkältung

Die LZ hatte bereits Anfang 2016 über Sascha Georgi berichtet. Damals hatten ihm die Ärzte im UKE ein Kunstherz eingesetzt, und er wartete auf ein Spenderorgan. Die Krankengeschichte des heute 39-Jährigen begann 2004. Es fing mit einer verschleppten Erkältung an, die eine Herzmuskelentzündung zur Folge hatte. Zunächst wurde ihm ein Herzschrittmacher implantiert, doch sein Zustand besserte sich nicht. Durch die Entzündung war sein Herzmuskel so vergrößert, dass er das Blut nicht mehr richtig verteilen konnte.

Sein Leben hängt an einem seidenen Faden. Er kann kaum noch laufen, nicht mehr essen. „Im Prinzip war ich kurz vorm Ende“, blickt Georgi zurück. 2014 bekommt er ein Herzunterstützungssystem: ein Kunstherz, das gekoppelt ist mit einem von Batterien betriebenen Überwachungsgerät. Damit sei es ihm erheblich besser gegangen, „aber die Herzkrankheit bleibt nicht stehen, und mein Leben war von dem Gerät abhängig“. Eine schwere Belastung, die auch seine Familie in ständige Sorge und Angst versetzte.

[aesop_quote type=“block“ background=“#ffffff“ text=“#000000″ align=“left“ size=“1″ quote=“„Im Prinzip war ich kurz vorm Ende““ cite=“Sascha Georgi“ parallax=“off“ direction=“left“ revealfx=“fromleft“]

Dass das Herzunterstützungssystem nur als „Brücke zur Transplantation“ gedacht war, stand fest. Doch damit Patienten auf die Hochdringlichkeitsliste kommen und sich damit ihre Chance auf ein Spenderorgan verbessert, bedarf es zusätzlicher Komplikationen. Ende März 2017 tritt bei Georgi eine solche ein: Ein Abszess bildet sich an der Zuleitung vom Überwachungssystem zum Kunstherz – lebensbedrohlich. „Damit bin ich auf die Liste gekommen.“

Über die Aufnahme entscheiden Gutachter der Stiftung Eurotransplant im niederländischen Leiden, die verantwortlich sind für die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen Ländern. Georgi wusste aber auch: Alle acht Wochen wird der Patient je nach Gesundheitszustand neu gelistet, das heißt auch, dass er weiter nach unten gesetzt wird oder wieder von der Liste fallen kann. „Doch für mich gab es von da an keinen Moment, an dem ich nicht fest geglaubt habe, dass es mit der Transplantation klappt“, sagt er auf seinem Klinikbett sitzend und hält die Hand seiner Frau Ulrike.

Sie dachte: „Hat nicht geklappt in diesem Jahr“

Die war zum Jahreswechsel mit ihren Töchtern Nele und Lea zu Papa ins UKE gefahren. Wie so oft in den vergangenen Monaten. Immer unter großem Druck, um Mann, Töchtern und den beruflichen Anforderungen gerecht zu werden. Als sie sich das Feuerwerk anschauten, dachte Ulrike Georgi traurig: „Hat nicht geklappt in diesem Jahr.“

Zwei Tage später gegen 21 Uhr. Georgi hat sich gerade einen Burger bestellt, da kommt Prof. Dr. Girdauskas in sein Zimmer gerannt, sagt: „Wir haben ein Angebot für Sie.“ Georgi hat immer daran geglaubt, dass es klappt. Dennoch: „Das war ein unglaubliches Gefühl.“ Gegen 22 ruft er seine Frau an, die gerade schlafen gehen will. „Als er sagt ‚Es geht los‘, habe ich das erst gar nicht geschnallt.“ Dann organisiert sie schnell noch alles zu Hause, ein Freund der Familie bringt sie nach Hamburg. „Wir haben ihn bis zum OP-Raum begleitet. Sascha hat noch gescherzt, typisch für meinen Mann. Er wollte mir die Angst nehmen.“

Im OP stehen schon die Herzchirurgen Prof. Dr. Evaldas Girdauskas und Dr. Alexander Bernhardt mit Team bereit. Inzwischen hat es zwischen dem explantierenden sowie dem implantierenden Team im UKE telefonische Absprachen gegeben, ob das Spenderherz für den Patienten geeignet ist. Dann beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn es darf nur maximal vier Stunden dauern, in denen das Herz nicht durchblutet ist. Nach zweieinhalb Stunden trifft das Spenderorgan im OP-Saal ein, eine Stunde dauert die Transplantation. „Um 8 Uhr hat es wieder geschlagen“, sagt Prof. Dr. Girdauskas. Schrittweise wird die Herz-Lungen-Maschine zurückgefahren.

Tränen der Erleichterung fließen bei Ulrike Georgi, als sie am 3. Januar ihren Mann auf der Intensivstation besucht. Sascha steht unter Medikamenten, ist noch an den Beatmungsschlauch angeschlossen. Als sie seine Hand nimmt, zuckt er leicht mit der Stirn, als wenn er sagen wollte: „Alles ist gut.“

Nele will mit ihrem Papa schwimmen gehen

Einen Tag später hat er die ersten Schritte gemacht, inzwischen läuft er über die Flure der Station. Das Wasser, was sich im Körper eingelagert hatte, „weil die Niere nach der OP ausgestiegen war“, so Georgi, ist zurückgegangen. Damit das Herz nicht abgestoßen wird, ist sein Immunsystem mit Medikamenten runtergefahren. „Rückschläge, Infektionen sind möglich. Das gehört dazu.“ Auch die Reha. Dann geht es endlich nach Hause nach Wulfstorf bei Bienenbüttel. Wieder richtig leben, „ohne das Überwachungsgerät, ohne Angst. Mit der Familie etwas gemeinsam unternehmen, mit Ulrike und Freunden ins Kino“. Die sechsjährige Nele, die ihren Papa nur schwer krank kennt, hat sich gewünscht, mit ihm schwimmen zu gehen. Bald ist das möglich.

Von Antje Schäfer