Donnerstag , 13. Dezember 2018
Aktuell
Home | Lokales | Ilmenau | Die hohe Trecker-Schule
Auf der nassen Gleitfläche verlieren auch tonnenschweren Traktoren bei einer Vollbremsung die Bodenhaftung. Foto: Philipp Schulze

Die hohe Trecker-Schule

Embsen. Der Landwirt hat den Blinker gesetzt, um nach links in den Feldweg abzubiegen. Doch im gleichen Augenblick will ihn ein Autofahrer überholen – und krach t in die landwirtschaftliche Zugmaschine. Fahrer und Beifahrerin im Pkw werden schwer verletzt. Jan Heuer hat als Treckerfahrer so einen Unfall bereits erleben müssen. „Leider passieren solche Kollisionen immer wieder“, weiß Berhard Tiemann.

Der ADAC-Fahrsicherheitstrainer steht auf dem Parkplatz des Fahrsicherheitszentrums „Hansa“ in Embsen. Um ihn herum hat sich sich ein gutes Dutzend Männer versammelt – Landwirte, Mitarbeiter des Maschinenrings Lüneburg und des Wasserverbandes Ilmenau-Niederung. Die Männer kennen sich aus mit großen Maschinen. Ihr Arbeitsplatz sind PS-starke Schlepper.

Schleppertraining ist Teil eines zweitägigen Schulungsprogramms

Doch an diesem Montag sind sie nicht auf irgendwelchen Feldern und Bauernhöfen unterwegs, sondern dieses Mal werden sie ihre Runden auf dem Gelände des ADAC-Fahrsicherheitszentrums drehen. Die Männer nehmen teil an einem ganz speziellen Schleppertraining mit dem Ziel, das Fahrverhalten der tonnenschweren Zugmaschinen in Gefahrensituationen künftig noch besser einschätzen zu können, um dann richtig reagieren zu können. Trainiert werden Rangier- und Abbiegemanöver mit Anhänger und Anbaugeräten, Gefahrenbremsung und Bremsen auf verschiedenen Untergründen. Das Schleppertraining ist Teil eines zweitägigen Schulungsprogramms, organisiert vom Bundesverband der Maschinenringe und der Berufsgenossenschaft. Die sechs Trainings-Schlepper hat die Agravis-Technik Heide-Altmark GmbH zur Verfügung gestellt.

Doch bevor Jan Heuer und seine Kollegen hinter das Steuer der modernen Schlepper dürfen, die Motoren anlassen und auf die Strecke rollen, steht zunächst der Rundgang um die Traktoren und Anhänger an: Wie ist der Zustand der Bremsen? Wie sieht das Reifenprofil aus? Funktioniert die Beleuchtung und ist das Kennzeichen lesbar? „Schauen Sie sich auch die Radmuttern an, und kontrollieren Sie immer vor Antritt der Fahrt, ob die Schläuche der Druckluftbremse richtig angeschlossen sind“, rät Tiemann.

Erste Übung ist der Slalom-Parcours

Dann geht es los. Die erste Übung ist der Slalom-Parcours: „Das ist aber ein schönes Trecker-Ballett“, sagt ein Zuschauer und zückt begeistert den Fotoapparat. Doch das Umfahren der bunten Pylonen dient nicht nur zum Aufwärmen der Fahrer: „Hier lässt sich gut das Handling üben“, sagt Fahrsicherheitstrainer Tiemann, „die Teilnehmer können sich mit den Abmessungen der Fahrzeuge vertraut machen und das exakte Umfahren der Kegel üben.“

Schnell werden auch die fahrphysikalischen Unterschiede der einzelnen Schlepper deutlich. Zwei sind nämlich mit Anhängern unterwegs. Der eine ist leer, der andere voll beladen. „Der bringt jetzt an die 40 Tonnen auf die Waage“, sagt Tiemann. Masse, die auch in den Kurven beherrscht werden will. Zwei weitere Trecker haben zu Trainingszwecken tonnenschwere Arbeitsgeräte angebaut. Nicht, dass mit der Kurzscheibenegge oder der ausladenden Drillkombination der Boden des ADAC-Fahrsicherheitszentrums bearbeitet werden müsste – „es geht darum, zu zeigen, wie sich das Fahr- und Bremsverhalten der Trecker verändert, wenn diese Maschinen angebaut sind“, erklärt Tiemann.

Kompetenzen schaffen

Dass es mit dem Miteinander auf Deutschlands Straßen zwischen Landwirten und eiligen Pkw-Fahrern nicht zum Besten steht, ist dem ADAC-Experten wohl bewusst. „Mit diesem Lehrgang wollen wir Kompetenzen schaffen und für ein partnerschaftliches Verhalten im Straßenverkehr werben“, sagt Tiemann. Dass man für dieses hehre Ziel am besten auch die ungeduldigen Autofahrer einladen müsste, streitet auch der Trainer nicht ab – doch zweifelt er an der Nachhaltigkeit einer solchen Idee: Im Alltag seien viele Autofahrer dann doch wieder ungeduldig.

Also trainiert der ADAC die Schlepperfahrer – spricht über den toten Winkel der Rückspiegel, die Gefahren beim Abbiegen und übt Gefahrenbremsungen auf der Gleitfläche: Die simuliert eine festgefahrene Schneefläche. Und so mancher Landwirt staunt dann doch, als er seinen Schlepperzug mit zwei Anhängern von Tempo 30 auf Null abbremsen soll. „Der hüpft ganz schön“ staunt Lars Bohlmann (23) aus Barendorf. „Wir müssen höllisch aufpassen, dass sich beim Bremsen die Teile des Gespanns nicht verkeilen“, sagt Jan Heuer – „im Alltag würde ich so nicht fahren!“ Aber das ist an diesem Montag Zweck der Übung – Grenzen im wahrsten Sinne des Wortes erfahren, um im Ernstfall richtig reagieren zu können.

Von Klaus Reschke