Donnerstag , 13. Dezember 2018
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Der Angeklagte (l.) unterhält sich kurz vor Prozessauftakt mit seinem Verteidiger. (Foto: pk)
Der Angeklagte (l.) unterhält sich kurz vor Prozessauftakt mit seinem Verteidiger. (Foto: pk)

Wollte er seine Ex aus Hass töten?

Lüneburg. Die 27-Jährige hatte Anfang 2017 Chats ihres Lebenspartners mit dessen Schwester verfolgt, in einer hieß es, dass er sich 5000 Euro besorgen wolle, um seine Freundin „beseitigen zu lassen“. So jedenfalls erzählte es die 27-Jährige gestern im Landgericht Lüneburg. Sie habe sich direkt danach von dem Partner getrennt, fand schnell einen neuen Mann. Als sie mit dem Neuen die erste gemeinsame Nacht in der Celler Wohnung der Frau verbrachte, brach dort ein Feuer aus. Für sie sei sofort klar gewesen, ihr Ex-Freund sei dafür verantwortlich: „Er konnte nicht damit leben, dass ich mit einem anderen Mann lebe.“

Die Anklage wirft dem 35-jährigen Ex nun unter anderem 15-fachen versuchten Mord vor, er habe am 11. Februar 2017 gegen 23.30 Uhr versucht, das Haus in die Luft zu jagen. Der angeklagte Kfz-Mechaniker schweigt noch zu den Vorwürfen. Er saß nach der Tat knapp drei Monate in Untersuchungshaft, ist seit Mai 2017 wieder frei.

Benzin und Gas

Staatsanwalt Martin Ziesmann ist davon überzeugt, dass der 35-Jährige die Frau aus Eifersucht und Hass töten, dafür das Haus sprengen wollte. In dem Haus lebten im Parterre das Vermieter-Ehepaar, im ersten Stock die 27-Jährige mit zwei zehn und sieben Jahre alten Söhnen verschiedener Väter und ihrer vierjährigen Tochter aus der Beziehung mit dem Angeklagten sowie eine neunköpfige Familie im zweiten Stock. Die Anklage ist überzeugt, dass der 35-Jährige im Keller für einen Rasenmäher gedachtes Benzin aus einem Kanister vor einem Holzregal ausschüttete, einen Gashahn aufdrehte, das Benzin anzündete. Ziesmann: „Eine Explosion hätte den Gesamteinsturz des Gebäudes und den Tod der Bewohner zur Folge haben können.“

Die 27-Jährige und eine andere Bewohnerin hatten schnell die Feuerwehr alarmiert, das ganze Treppenhaus allerdings war gefüllt mit schwarzem Rauch, nicht mehr begehbar, nur die Vermieter kamen noch ins Freie. Die Feuerwehr rettete die 27-Jährige samt neuem Freund und ihren Kindern über eine Stehleiter und die Familie aus dem zweiten Stock über eine Drehleiter. Das Feuer wurde gelöscht und der Gashahn zugedreht. Die Wohnungen waren sechs Wochen lang unbewohnbar.

„Das Verfahren basiert im Wesentlichen auf den Aussagen der Frau“, äußerte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch. Als die 27-Jährige von ihrer Beziehung zu dem Angeklagten, mit dem sie seit 2009 zusammenlebte, aber auch immer wieder mal getrennt war, und von der Tatnacht erzählte, erkannten die Richter schnell „massivste Widersprüche“ in ihren Aussagen, die Kompisch so kommentierte: „Ihre Geschichte ist so wirr, die kann man nicht verstehen.“ Er belehrte sie sogar, dass sie sich nicht selbst belasten müsse und fragte klar: „Haben Sie irgendetwas mit der Brandlegung zu tun?“ Sie verneinte.

Anzeigen ohne Erfolg

Die Frau erzählte, dass ihr Ex-Freund sie mehrfach bedroht und sie zu töten versucht habe, 14 Mal habe sie ihn sogar angezeigt – erfolglos. Unter anderem habe er an ihrem Auto Reifen zerstochen, in einem anderen Fall Bremsschläuche durchschnitten. Als sie sich ein Jahr vor der angeklagten Tat wieder einmal von ihm getrennt und eine Beziehung mit einem anderen Mann anfing, kam es in ihrer damaligen Wohnung auch zu einem Kellerbrand, für den sie den Angeklagten verantwortlich macht. Nach ihrer Darstellung lebte die Hartz-IV-Empfängerin noch etwa sechs Monate in der eigentlich unbewohnbaren Wohnung, kassierte rund 20 000 Euro von der Versicherung und zog dann in das Haus an der Harburger Straße.

Bereits nach zwei Monaten liefen dort ihre ersten Mietschulden auf, die Vermieter drohten bereits mit einer Kündigungsklage, die dann auch ausgesprochen wurde. Für Richter Kompisch war unverständlich, wie man bei einer solchen Versicherungssumme so schnell in Mietschulden gerät und fragte: „Als Hartz-IV-Empfängerin wird die Miete doch vom Jobcenter übernommen, wo ist das Geld geblieben?“ Ihre Antwort: „Das habe ich für andere Sachen ausgegeben.“

Geld hatte sich die Frau ­übrigens auch von dem Geliebten geliehen, der zur Tatzeit in ihrer Wohnung war, wie dieser gestern erzählte. Dem Mecha­troniker sagte Kompisch mit Blick auf die Aussagen der Frau: „Wenn alles so stimmt, sind Sie mit Ach und Krach einem perfiden Mordanschlag entronnen.“

In dem Prozess sollen an weiteren neun Verhandlungstagen noch 36 Zeugen und vier Sachverständige gehört werden. Ein Urteil könnte am 7. März gesprochen werden.

Von Rainer Schubert