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Prof. Dr. Ferdinand Müller-Rommel wird sich in den nächsten zwei Jahren mit jungen Demokratien auseinandersetzen. (Foto: t&w)
Prof. Dr. Ferdinand Müller-Rommel wird sich in den nächsten zwei Jahren mit jungen Demokratien auseinandersetzen. (Foto: t&w)

Die Durchsetzungskraft von Merkel und Macron

Lüneburg. Wie viel Durchsetzungskraft haben Regierungschefs in parlamentarischen Demokratien? Prof. Dr. Ferdinand Müller-Rommel, er leitet das Zentrum für Demokratieforschung an der Lüneburger Universität, wird künftig untersuchen, inwieweit Karriereprofile von Premierministern ihre politische Performance beeinflussen. Den Fokus hat er dabei auf junge Demokratien in Mittel- und Osteuropa gelegt. Es handelt sich dabei um ein Projekt, das in den nächsten zwei Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 350 000 Euro gefördert wird.

Wenn sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron zu Gesprächen treffen, begegnen sie sich auf unterschiedlichen Machtebenen. Merkel ist Staatschefin einer parlamentarischen Demokratie, ihre Politik wird von den Parteien bestimmt. Macron hingegen steht an der Spitze eines Präsidialsystems und ist damit als Person in der Politikgestaltung dominanter. „Wir stellen allerdings fest, dass in den zurückliegenden Jahren die informelle Macht von Regierungschefs in parlamentarischen Systemen deutlich gestiegen ist“, erklärt Müller-Rommel, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft. „Deswegen wollen wir erforschen, welche Faktoren die Durchsetzungskraft von Premierministern in den Demokratien beeinflussen.“

Bei dem Forschungsvorhaben greift das Team, zu dem unter anderem der Hamburger Politikwissenschaftler Prof. Dr. Florian Grotz zählt, auf Datenmaterial zurück, das über Jahre zusammengetragen wurde. Es reicht bis 1945 zurück, umfasst Informationen über mehr als 300 Premierminister aus ganz Europa.

Karriereprofil und Performance

Die Wissenschaftler betrachten zwei Kategorien: das soziodemografische Profil, also Beruf, Geschlecht, gesellschaftliche Umgebung, und das politische Erfahrungsprofil. „Wir überprüfen vor allem die politischen Skills, die die jeweiligen Regierungschefs im Laufe der Zeit erworben haben.“ Zentrale Fragen seien beispielsweise: Welche Positionen haben sie vorher besetzt? Welche Tätigkeiten haben sie ausgeübt?

Das Ziel dahinter sei es, einen Zusammenhang zwischen dem Karriereprofil und der Leistungsbilanz, also der Performance, von Premierministern zu finden. Spannend sei dabei zu erfahren, wie durchsetzungsstark die Regierungschefs gegenüber Kabinett oder Parlament sind und wie sie sich auf internationaler Bühne präsentieren, erläutert Müller-Rommel. „Unsere These ist, dass sich Menschen mit politischer Erfahrung effizienter durchsetzen und länger an der Macht bleiben.“

Später würden die Wissenschaftler mithilfe der Grundlagenforschungen gern Prognosen erstellen können, beispielsweise für junge parlamentarische Demokratien außerhalb Europas. So könnten Regierungseliten aufgrund der Karriereprofile besser eingeordnet werden, sagt der Politikwissenschaftler. „Möglicherweise lassen sich darüber Aussagen über die Zukunftsfähigkeit der Regierungen ableiten, mangelnde Durchsetzungsfähigkeit kann beispielsweise Instabilität bedeuten.“

Von Anna Paarmann