Donnerstag , 13. Dezember 2018
Aktuell
Home | Lokales | Die Angst der Anderen
Die Stadt hat sich die Christianischule auf dem Kreideberg als Standort für eine Gesamtschule ausgeguckt. (Foto: t&w)
Die Stadt hat sich die Christianischule auf dem Kreideberg als Standort für eine Gesamtschule ausgeguckt. (Foto: t&w)

Die Angst der Anderen

Lüneburg. Es ist ein Luxusprob­lem, das viele andere Kommunen gerne hätten, aber auch eines, das zunächst einmal Geld kostet: Die Schülerzahlen in Lüneburg steigen. Denn die Stadt ist attraktiv, auch für Familien. Das führt dazu, dass es eng wird an den Schulen, vor allem an den Gymnasien. Dem will die Verwaltung Rechnung tragen – mit einem weiteren Anbau am Johanneum. Entlastung für die Gymnasien verspricht sie sich aber auch durch eine neue Integrierte Gesamtschule (IGS), die auf dem Kreideberg entstehen könnte. Die Christianischule, aktuell Oberschule, könnte dafür umgewandelt werden. Die Idee kommt nicht bei allen gut an, Verantwortliche anderer Schulen befürchten einen Dominoeffekt.

Das Kollegium der Christianischule war von dem Vorhaben der Stadt überrascht worden. Die Lehrer hatten nach eigenem Bekunden aus der LZ davon erfahren. Sie fühlen sich überrumpelt, zumal sie erst vor wenigen Jahren den Wechsel von der Realschule zur Oberschule mitgemacht hatten. Einige Lehrerinnen waren jetzt zum Schulausschuss des Rates gekommen, um ihrer Sorge Ausdruck zu verleihen. Tenor: Warum nicht lieber Oberschule bleiben und dafür einen gymnasialen Zweig einrichten? Zumindest sollte es keine Vorfestlegung geben.

Schulentwicklung der vergangenen Jahre für die Katz?

Bildungsdezernentin Pia Steinrücke stellte klar: Die Stadt habe im Vorfeld Schulleiter Harald Vahlbruch informiert. Der hatte das Vorhaben auch nicht per se abgelehnt, sondern deutlich gemacht, offen zu sein für Neues. Allerdings will Vahlbruch das nicht als generelle Zustimmung zu den IGS-Plänen verstanden wissen. Es gebe die Sorge, dass die geleistete Arbeit in der Schulentwicklung der vergangenen Jahre für die Katz gewesen sein könnte.

Und auch an anderen Schulen würde die neue Konkurrenz nicht mit Beifall empfangen: Christiane Bewig, Leiterin der Oberschule in Bardowick, befürchtet, dass eine IGS auf dem Kreideberg Schüler auf Realschulniveau aus der Samtgemeinde anlocken könnte, die sonst in ihrem Haus unterrichtet würden. Die Folge: insgesamt weniger Schüler und ein geringeres Leistungsniveau in Bardowick. „Wir würden dann zu einer Art Restschule werden.“

Inklusion fast im Alleingang

Uwe Wegener, Leiter der Oberschule am Wasserturm, sieht es ganz ähnlich: „Wir haben heute schon 15 bis 20 inklusive Schüler pro Jahrgang, inzwischen sind wir eine bessere Förderschule – nichts anderes. Wir wären dann die einzig verbliebene Oberschule im Stadtgebiet und müssten die Inklusion fast im Alleingang stemmen. Ich mache mir große Sorgen.“ Und die IGS Embsen dürfte bei einer weiteren Gesamtschule in der nahen Hansestadt ein Problem bekommen, insgesamt ausreichend viele und vor allem genügend leistungsstarke Schüler zu bekommen.

Noch sei nichts entschieden, heißt es von der Stadt, eine Arbeitsgruppe soll aber entsprechende Planungen vorantreiben. „Ich verhehle nicht, dass ich als Bildungsdezernentin ganz klar die Meinung vertrete, dass wir eine zweite IGS in Lüneburg brauchen“, sagte Steinrücke. Schließlich sei die IGS in Kaltenmoor so stark angewählt, dass jedes Jahr Kinder abgewiesen werden müssen. Zwar trifft das auch für Gymnasien zu – speziell am Standort Oedeme –, doch Steinrücke sagt: „Für mich ist derzeit ausgeschlossen, ein weiteres Gymnasium zu errichten.“

Susanne Neuhaus (Grüne) kann zwar die Ängste verstehen, „aber ich begrüßt die Planungen für eine zweite IGS sehr“. So klar positionieren mögen sich nicht alle Mitglieder des Ausschusses. Frank Soldan (FDP) bemängelte: „Es bleiben Fragen über Fragen, und wir sollen hier heute schon eine Entscheidung treffen. Wir sollten uns nicht schon vorab auf eine IGS festlegen.“ Elternvertreter Stephan Seeger merkte an: „Mir geht das alles ein bisschen schnell.“ Dirk Neumann (AfD) findet: „Was fehlt, ist eine Realschule.“ Lehrervertreter Rüdiger Schmidt riet ebenfalls von einer Präjudizierung auf eine IGS ab. Und nicht jeder konnte nachvollziehen, warum die Stadt nicht zuerst eine Elternbefragung realisiert.

Permanenter „Schulsystemkampf“

Für Michèl Pauly (Die Linke) ist die Diskussion Folge des permanenten „Schulsystemkampfs“, denn jede Landesregierung wolle sich auf dem Bildungssektor profilieren, das führe immer wieder zu Umwälzungen. „Dafür sollten wir uns mal alle entschuldigen.“ Dennoch ist er angesichts der Anmeldezahlen der Meinung: „Wir brauchen eine weitere IGS.“ Holger Nowak (Grüne) erinnerte die Skeptiker daran: „Auch vor der Einführung der IGS in Kaltenmoor gab es eine große Skepsis, mittlerweile sind wir soweit, dass wir über eine Erweiterung der gymnasialen Oberstufe dort entscheiden“.

Am Ende stimmte eine knappe Mehrheit dafür, dass das Johanneum zur Sechszügigkeit ausgebaut und eine Arbeitsgruppe zur Weiterentwicklung der Christianischule gegründet wird – der Begriff Gesamtschule wurde gestrichen, um ergebnisoffen diskutieren zu können. Bis zum Ende des Jahres soll ein Ergebnis vorliegen.

Von Alexander Hempelmann

2 Kommentare

  1. Werner Schneider

    Wieso braucht eine IGS leistungsstarke Zehnjährige? Ca. 70% der Abiturienten an IGSen hatten keine Gymnasialempfehlung.
    Die Entwicklung eines Menschen endet nicht mit 10 Jahren.

    Im Übrigen arbeiten IGSen auch inklusiv. Das weiß auch der Leiter der Oberschule Wasserturm.

    Und wieso wird die Oberschule Bardowick dann Restschule? Konkurrenz belebt das Geschäft! Sind Schüler auf einer „Restschule“ weniger wert? Was ist das für ein Denken?

    International gibt es diese Diskussion nicht, fast alle Länder haben Schulen von der 1. bis zur 12./13. Klasse.

  2. der ganze zirkus,der im schulischen bereich stattfindet, haben wir der tatsache zu verdanken, das landespolitiker ihre letzte bastion, wo sie meinen, unbedingt was sagen zu müssen, nicht hergeben wollen. ansonsten haben sie im kern eh nichts mehr zu entscheiden.