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Ehrenvoll oder doch ungeeignet?

Lüneburg. Die Stadt wächst, die Straßen der künftigen Neubaugebiete brauchen Namen. Bereits im vergangenen Jahr hatten sowohl der Kultur- und Partnerschaftsausschuss als auch der Rat für die Benennung von drei Straßen im Plangebiet Hanseviertel Ost gestimmt. Sie sollen die Namen der Lüneburgerinnen Marie Diederich, Marga Jess und Ilse Cartellieri tragen (LZ berichtete). Jetzt hat sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) zu Wort gemeldet: Sie hält die angestrebte Namensgebung, die mit dem Verdienst der Persönlichkeiten begründet wird, zumindest in zwei Fällen für ungeeignet.

Zu Marie Diederich, die der SPD angehörte und 1945 als erste Frau in den Lüneburger Rat gewählt wurde, heißt es von der VVN: „Sie war eine tapfere antifaschistische Persönlichkeit, engagiert auch bei der Awo und der sozialistischen Frauenbewegung.“ Bei den anderen beiden Namensgeberinnen sei ein Verdienst um die Belange der Stadt dagegen nicht zu erkennen. Ihnen sagt die Vereinigung eine nationalsozialistische Verbindung nach.

Schmuck für Nazigrößen?

So soll Marga Jess, die als „erste Goldschmiedemeisterin Deutschlands“ gilt, ihr Handwerk in den Dienst der Nationalsozialisten gestellt, Bürgermeisterketten mit Hakenkreuz und Nazi-Runen, diverse Ringe und Schalen zur Erbauung der NS-Führungskräfte angefertigt haben. Ihre Korrespondenz soll sie mit „Heil Hitler!“ unterzeichnet haben. „Sie unterstützte durch ihre Anbiederung und die öffentliche Verwendung ihrer kunsthandwerklichen Erzeugnisse das Legitimitätsinteresse der Nationalsozialisten“, heißt es in der Stellungnahme der VVN. „Für die Benennung einer Straße mit ihrem Namen ist Frau Marga Jess daher nicht geeignet.“

Ilse Cartellieri wurde unter anderem vorgeschlagen, weil sie Vorsitzende des Landesfrauenausschusses der FDP war, sich zudem im Lüneburger Frauenring engagierte. Die VVN hält die Tätigkeiten für unzureichend. Mit der gleichen Begründung stünden dann auch anderen namhaften Persönlichkeiten von Frauenverbänden Straßennamen zu. „Ein Blick auf Politik und Umfeld der Frau Cartellieri zeigt darüber hinaus ein Bild, welches die Benennung einer Straße mit ihrem Namen geradezu verbietet.“ So soll sie in Lüneburg Kontakt zu dem hochrangigen NS-Funktionär und ehemaligen Oberbürgermeister Wilhelm Wetzel geknüpft haben. Er war Mitglied der NSDAP. Anfang der 50er-Jahre ließ sich dieser als Rechtsanwalt nieder. Cartellieri soll viele Jahre für ihn gearbeitet, später gemeinsam mit ihm in der FDP viele Forderungen und Anfragen durchgebracht haben.

Beschluss ohne Gegenstimmen

Zu der Kritik sagt Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck, dass die Diskussion bereits geführt, der Beschluss ohne Gegenstimmen gefasst worden sei. Der Kulturausschuss hat Kriterien festgelegt, nach denen überprüft wird, ob eine Person für einen Straßennamen infrage kommt. Hat sich jemand eines Verbrechens gegen die Menschheit oder eines Einzelverbrechens schuldig gemacht, ist dies ein Ausschlusskriterium. Gleiches gilt, wenn jemand aktives Mitglied bei der NSDAP war. Der Nachweis wird grundsätzlich durch die Nachfrage beim Bundesarchiv in Berlin und beim Landesarchiv in Hannover erbracht.

Suzanne Moenck: „Die Schilder werden aufgestellt, wenn die Straßen erkennbar hergestellt worden sind.“ Im Hanseviertel gebe es dazu einen Beschluss, dieser beinhaltet, dass bei den Namen vor allem Hansestädte, hansische Kaufleute, Bürgermeister und Ratsmitglieder infrage kämen. „Da bereits mehrere Straßen im Quartier nach männlichen Lüneburgern benannt wurden, gab es den bekannten Vorschlag, sich hier auf Frauen zu konzentrieren.“

Von Anna Paarmann

3 Kommentare

  1. Andauernd diese Diskussionen. Kann man dem nicht aus dem Weg gehen ? Keine Strasse, Plätze oder sonst was nach Personen benennen. Irgendjemand stört sich (zu Recht oder Unrecht) hinterher sowieso dran. Und es gibt wieder unendliche Diskussionen und evtl. teurer Umbenennungen. Blümchenstr.; Rotkäppchengasse; Kanalstr.; Autoreifenweg; ….. irgendetwas …. bloß keinen Personen !!

  2. Ich versteh in dem Zusammenhang nicht, warum(gefühlt) die halbe Stadt Straßennamen tragen muss, als würde Ostpreußen gleich hinter der Elbe liegen.

  3. Warum lässt man denn nicht einmal uns Einwohner abstimmen, über neue Straßennamen?
    Man könnte ja eine Vorschlagsliste aufstellen und dann abstimmen lassen.
    Oder würde das wieder mit Herr Mädges Totschlag-Argument:“Was das alles kostet… die Kosten sind zu hoch!!!“ abgebügelt werden?

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