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Das ist im Moment der Hashtag, der die jungen Politiker auf Twitter bewegt. Ihr Thema: Die Jugenddiskriminierung in der Politik. Foto: t&w
Das ist im Moment der Hashtag, der die jungen Politiker auf Twitter bewegt. Ihr Thema: Die Jugenddiskriminierung in der Politik. Foto: t&w

Das sind die jungen Leute

Lüneburg. Als Kim Torster die ersten Twitter-Beiträge junger Politiker las, zögerte sie nicht lange. Sie klickte in dem sozialen Netzwerk auf Twittern und schrieb: „Gespräche über neue Regierungsmodelle fordern und gesagt bekommen, lies dir das in 25 Jahren noch mal durch.“ Zwei Tage später teilt sie: „Ihr hört uns nicht, ihr nehmt uns nicht ernst! Ohne junge Menschen keine Zukunft für die Demokratie“. Als eine von vielen jungen Politikern macht die 25 Jahre alte Lüneburgerin unter dem Hashtag #diesejungenleute eine Frage zum Thema, die inzwischen auch über Twitter hinaus debattiert wird: Wie gehen in der Politik die Alten mit den Jungen um?

Forderung nach einer Quote für Menschen unter 40

Glaubt man den Beiträgen auf Twitter, sieht es für junge Politiker düster aus mit dem Ernst-genommen-werden. Zahlreiche Erlebnisse reihen sich aneinander, die von dem Gefühl erzählen, von älteren Politikern nicht für voll genommen zu werden. Auch Kim Torster hat das erlebt, als Juso-Mitglied in Lüneburg immer wieder zu hören bekommen: „In 25 Jahren wirst du anders denken.“ Für sie „keine angemessene Reaktion auf meine fundierte Meinung“. Bestimmt gebe es „valide Argumente“ gegen ihre Position, „aber dass ich jung bin, ist keines“. Ihre Forderung: Es muss sich etwas ändern im Miteinander von Alt und Jung, aktiver auf den Nachwuchs zugegangen werden. Mehr noch: „Vielleicht muss es sogar eine Quote für Menschen unter 40 in den Vorständen geben.“

Tatsache ist: Politik wird vor allem von Älteren gemacht. Im Lüneburger Kreistag liegt das Durchschnittsalter bei 54,5, im Rat der Stadt Lüneburg bei 52,6 Jahren, im Samtgemeinderat Scharnebeck sogar bei 55,3 Jahren. Gründe gibt es dafür sicherlich viele. Job und Familie lassen jungen Menschen oft keine Zeit für politisches Engagement. Studium oder Arbeit verlangen häufiges Umziehen. Doch werden junge Menschen den Parteien vielleicht auch deshalb überdrüssig, weil sie dort von oben herab behandelt werden und nichts zu sagen haben?

„Ach, der ist ja noch jung, der soll erstmal sein Studium fertig machen.“

Finn van den Berg.

Gespräche mit jungen Politikern aus der Region zeigen zumindest so viel: Kim Torster ist mit ihren Erlebnissen nicht allein. Ähnliches berichtet Felix Petersen, 29, CDU-Kreistagsmitglied in Lüneburg und Ratsherr im Samtgemeinderat Amelinghausen. Ebenso Jakob Blankenburg, 20, SPD-Kreistagsmitglied im Nachbarkreis Uelzen, Juso-Vorsitzender in Niedersachsen und Mitglied im Bienenbütteler Gemeinderat. Und auch Imke Byl, 24, ehemalige Lüneburgerin und Landtagsabgeordnete für die Grünen, ist mehrfach aufgrund ihres Alters „von älteren Menschen in unpassenden Situationen geduzt, für eine Mitarbeiterin oder gar Praktikantin gehalten“ worden.

Es sind Erlebnisse wie man sie auch unter #diesejungenleute auf Twitter findet. Blankenburg erzählt von Sprüchen wie: „Jakob, du bist noch jung und hast keine Ahnung. Schau dir das mal ein paar Jahre an und dann kannst du irgendwann auch mal was sagen.“ Oder: „Ach, der ist ja noch jung, der soll erstmal sein Studium fertig machen.“ Petersen beklagt, „dass alles, was man sagt, von den langjährigen Mitgliedern mit ihrer Erfahrung einfach abgebügelt werden kann“ und „dass das einzige Argument, was gegen das eigene spricht, die angeblich geringe Erfahrung ist.“ Als einzige Frau unter 40 in politischen Runden fühlt sich auch Imke Byl „oft automatisch in der Rolle des Sonderlings“. „Da wäre es manchmal wesentlich angenehmer und auch einfacher, wenn ich 20 Jahre älter wäre.“

Alexander Schwake.

Doch es gibt auch junge Politiker, die wenig anfangen können mit der Debatte über das Nicht-ernst-genommen-werden. Finn van den Berg, 25, FDP-Kreistagsmitglied in Lüneburg, sagt: „Ob jemand 50 oder 25 ist, macht im Kreistag keinen Unterschied.“ Entscheidend sei das Verhalten nicht das Alter. „Bestechen kann ich als junger Politiker zum Beispiel, wenn ich mich gut auf eine Haushaltsdiskussion vorbereite“. Auch Alexander Schwake, 26, unter anderem Vorsitzender der Jungen Union Lüneburg, teilt die Erfahrungen #dieserjungenleute nur bedingt. „Man muss sich als junger Mensch einarbeiten. Und wenn man will, schafft man es auch.“

Mehr Sachlichkeit, weniger Selbstdarstellungsdrang

Fakt aber bleibt: Politik wird dominiert von Älteren. Und das möchten vor allem jüngere Politiker ändern. „Wir brauchen mehr junge Menschen in der Politik, um diese alten Strukturen aufzubrechen“, sagt Imke Byl. Dazu müsse man sich aber auch die Frage stellen, „warum ein Großteil der Repräsentanten männlich und über 50 ist“, findet Blankenburg und liefert eine Antwort gleich mit: „Dass viele Sitzungen am Nachmittag oder frühen Abend stattfinden, trägt nicht dazu bei, dass ein Mandat mit Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen ist“.

Eine weitere Idee zur Nachwuchsgewinnung hat Felix Petersen: weniger Selbstdarstellungsdrang und mehr Diskussion um die Sache. „Um junge Menschen für die Politik zu gewinnen, muss auch für Außenstehende deutlich werden, dass es bei der kommunalpolitischen Tätigkeit wirklich um was geht und es nicht der Pflege des eigenen Egos dient“.

Von Anna Sprockhoff

Ausführlichere Statements der jungen Politiker finden Sie hier:

Imke Byl - 24, Grünen-Abgeordnete im Landtag

Imke Byl - 24, Grünen-Abgeordnete im Landtag

Was halten Sie von der aktuellen Debatte über Jugenddiskriminierung in der Politik?

Es freut mich sehr, dass wir eine Debatte über junge Menschen in der Politik haben – diese ist auch dringend notwendig. In der Politik wird über die Rahmenbedingungen entschieden, nach denen wir als Gesellschaft leben. Gerade junge Menschen müssen besonders lange mit den Folgen politischer Entscheidungen leben, kommen aber so gut wie gar nicht in der Politik vor. Das ist ein Missstand und führt auch oft zu Entscheidungen, die nicht besonders zukunftsweisend oder generationengerecht sind.

Welche konkreten Situationen gab oder gibt es, in denen Sie sich nicht ernst genommen gefühlt haben?

Schon im Wahlkampf habe ich einerseits sehr viel Zuspruch für meine Kandidatur bekommen, aber auch viele Fragen, ob ich nicht zu wenig Lebenserfahrung hätte. Natürlich habe ich weniger Lebenserfahrung, dafür bringe ich aber auch eine andere Perspektive und Erfahrungen ein als Menschen, die 30 Jahre vor mir geboren wurden. Es passiert mir öfter, dass ich ungefragt von älteren Menschen in unpassenden Situationen geduzt werde oder für eine Mitarbeiterin oder gar Praktikantin gehalten werde – nur aufgrund meines Alters. Auch wird mir öfter mit weniger Respekt begegnet, gerade von älteren Männern in der Politik.

Wie schwer ist es als junger Menschen in den politischen Debatten ernst genommen zu werden?

Gerade wenn man nicht besonders versucht, sich anzupassen, also zum Beispiel Jugendwörter aus der Sprache entfernt, fällt das schon auf. In meiner Fraktion erlebe ich nicht, dass Unterschiede gemacht werden, das ist aber besonders und liegt sicher auch daran, dass wir Jugendbeteiligung ernstnehmen und durch unsere Neuenquote eine lange Tradition von jungen Menschen in der Fraktion haben. Wenn man die einzige Person unter 40 in politischen Runden ist, dann ist man oft automatisch eine Art Sonderling.

Ein Jugendforscher hat kürzlich bemängelt, dass junge Leute alles der Karriere unterordnen, nichts riskieren, völlig konform mit der Mehrheitsmeinung sind und nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Sehen Sie das genauso?

Unser Jugendverband, die Grüne Jugend Niedersachsen, steht, denke ich, nicht unter großem Verdacht, zu angepasst zu sein. Man kann aber natürlich schon beobachten, dass sich junge Leute in Sprache, Aussehen und sicherlich auch Denken in gewisser Weise an die (ältere) Umgebung anpassen, wenn sie durch ein politisches Amt fast ihre gesamte Zeit mit älteren Menschen verbringen. Das kann helfen, ernster genommen zu werden und nicht ständig auf das eigene Alter reduziert zu werden. Mir persönlich ist aber sehr wichtig, mich nicht zu verbiegen und ich selbst zu bleiben. Generell ist es aber natürlich schwierig, in diesen alten Strukturen als Einzelkämpferin junge Akzente zu setzen – dafür braucht es mehr als nur einzelne wenige junge Leute. Viele junge Menschen haben durch diese alten Strukturen auf jeden Fall gar keine Lust auf Parteipolitik und setzen sich an anderer Stelle für ihre Ideale ein. Wenn man sich weniger angepasste junge Menschen in der Politik und Gesellschaft wünscht, muss man ihnen Freiraum geben und sie fördern, statt ihnen ständig Steine in den Weg zu legen und sie nicht ernstzunehmen. Da gibt es auf jeden Fall noch sehr viel Aufholbedarf.

Was wünschen Sie sich anders im System Politik?

Wir brauchen mehr junge Menschen in der Politik, um diese alten Strukturen aufzubrechen! Das würde der ganzen Gesellschaft gut tun. Das bedeutet aber auch, dass wir Menschen eine Chance geben müssen, sich zu beteiligen, auch wenn sie noch keine 40 Jahre Lebens- oder Berufserfahrung haben. Wir brauchen eine bunte Mischung in den Parlamenten mit vielen unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen. Da gehören junge Leute auf jeden Fall dazu. Also: junge Menschen ernst nehmen und ihnen Chancen einräumen. Auch wenn sie aufgrund ihres geringeren Alters meist weniger gute Netzwerke haben und allein dadurch in der Politik oft hinten runter fallen.

Gab es Momente, in denen Sie sich gefragt haben, ob Sie vielleicht zu jung sind für das Geschäft? 

Nein. Ich bin der Meinung, dass nicht nur Menschen über 50 bei politischen Entscheidungen mitzureden haben, und insofern ist mein Alter für mich kein Grund, an mir zu zweifeln. Aber ich merke oft, dass es wesentlich angenehmer und auch einfacher wäre, wenn ich 20 Jahre älter wäre, denn dann hätte man zu den oft wesentlich älteren Gesprächspartnern einen einfacheren Draht. Gleiches Alter verbindet.

Jakob Blankenburg - 20, SPD-Kreistagsmitglied in Uelzen

Jakob Blankenburg - 20, SPD-Kreistagsmitglied in Uelzen

Was halten Sie von der aktuellen Debatte über Jugenddiskriminierung in der Politik?

Ich finde die aktuelle Debatte wichtig und halte es ehrlich gesagt auch für überfällig, dass wir über junge Menschen in der Politik diskutieren. Wenn ich mir die kommunalen Parlamente, aber auch den Landtag oder Bundestag anschaue, dann fällt mir vor allem eins auf: Hier sitzen hauptsächlich alte Männer. Meiner Meinung nach wird noch nicht genug dafür getan, dass auch junge Menschen, vor allem Frauen, kandidieren.

Welche konkreten Situationen gab oder gibt es, in denen Sie sich nicht ernst genommen gefühlt haben?

Grade zu Beginn ist mir aufgefallen, dass immer wieder Sprüche, wie „Ach, der ist ja noch jung, der soll erstmal sein Studium fertig machen“ oder „Jakob, du bist noch jung und hast keine Ahnung. Schau dir das mal ein paar Jahre an und dann kannst du irgendwann auch mal was sagen“ kamen. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, dass ich auch viele Politiker*innen getroffen habe, die es toll finden, dass sich ein junger Mensch engagiert und einen wirklich unterstützen.

Wie schwer ist es als junger Menschen in den politischen Debatten ernst genommen zu werden?

Am Anfang war es für mich persönlich natürlich schwieriger, eben weil immer solche Sprüche mitgeklungen sind, aber ich muss auch sagen, dass es sich mittlerweile gebessert hat und ich tatsächlich den Eindruck habe, dass „die Älteren“ vielleicht auch ganz froh sind die Perspektive einer jüngeren Person in einer Debatte zu hören.

Ein Jugendforscher hat kürzlich bemängelt, dass junge Leute alles der Karriere unterordnen, nichts riskieren, völlig konform mit der Mehrheitsmeinung sind und nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Sehen Sie das genauso?

Dem würde ich widersprechen. Natürlich gibt es auch die Karrierist*innen, die möglichst nicht anecken wollen, um später einmal einen guten Listenplatz zu bekommen, aber der überwiegenden Mehrheit der jungen Politiker*innen, die ich kennengelernt habe, geht es darum, für ihre Inhalte und Positionen zu streiten, und die können durchaus konträr zur Parteimeinung sein. Es ist bei auch öfter vorgekommen, dass ich beispielsweise im Kreistag gegen meine Fraktion gestimmt habe. Ein weiteres aktuelles Beispiel ist die Feiertagsdebatte in Niedersachsen, zu der wir eine andere Position als der Ministerpräsident und die Landtagsfraktion beziehen und dies auch öffentlich äußern.

Was wünschen Sie sich anders im System Politik?

Wir müssen uns die Frage stellen, warum ein Großteil der Repräsentant*innen männlich und über 50 ist. Letztlich sollen wir Abgeordnete die Bevölkerung repräsentieren und diese ist viel diverser. Vielleicht muss man tatsächlich über Quoten nachdenken. In der SPD haben wir seit mehr als 30 Jahren eine Geschlechterquote für die Aufstellung von Wahllisten. Andere Parteien haben diese nicht, allerdings gibt es Forderungen, diese im Wahlgesetz zu verankern. Auch sollte analysiert werden, warum so wenige Frauen und junge Menschen kandidieren. Der Aspekt, dass viele Sitzungen am Nachmittag oder frühen Abend stattfinden, trägt sicherlich nicht dazu bei, dass ein Mandat mit Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen ist.

Gab es Momente, in denen Sie sich gefragt haben, ob Sie vielleicht zu jung sind für das Geschäft?

Nein.

Kim Torster - 25, Juso-Mitglied in Lüneburg

Kim Torster - 25, Juso-Mitglied in Lüneburg

Was halten Sie von der aktuellen Debatte über Jugenddiskriminierung in der Politik?

Ich finde sie sehr wichtig und gut. Wie man an den Meinungsumfragen sieht, war die Debatte auch überfällig: Viele Menschen wünschen sich, dass die Politik jünger wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass junge Menschen in der Politik dazu beitragen können, der Politikverdrossenheit – insbesondere meiner Generation – entgegenzuwirken.

Welche konkreten Situationen gab oder gibt es, in denen Sie sich nicht ernst genommen gefühlt haben?

Es gibt immer wieder Situationen, in denen man als junger Mensch zu hören bekommt: „In 25 Jahren wirst du anders denken.“ Ich finde, das ist keine angemessene Reaktion auf meine fundierte Meinung. Bestimmt gibt es valide Argumente gegen meine Position, aber dass ich jung bin, ist keines. Und selbst wenn ich die Dinge in 25 Jahren anders sehe: wer sagt denn, dass das unbedingt besser ist? Politik ist oft sehr frustrierend – natürlich werde ich in 25 Jahren nicht mehr so energisch und optimistisch sein können, einfach, weil die Erfahrung etwas anderes sagt. Aber genau das ist es doch, was der Politik derzeit fehlt: Energie, Optimismus, Mut und neue Ideen. So etwas kann nur von jungen Menschen oder Politikneulingen kommen – und muss trotzdem nicht fernab jeglicher Vernunft sein.

Wie schwer ist es als junger Menschen in den politischen Debatten ernst genommen zu werden?

Es geht schon damit los, dass die Jugendorganisationen der Parteien immer etwas abseits stehen. Eigentlich sind das nur Arbeitsgruppen, in der Realität fühlt es sich aber oft eher so an, als sei dies die Schule für das richtige Leben, für die richtige Partei. Und so wird es dann auch von außen und innen wahrgenommen. Das ist aber auch ein Stempel – und der ist nicht immer positiv.

Ein Jugendforscher hat kürzlich bemängelt, dass junge Leute alles der Karriere unterordnen, nichts riskieren, völlig konform mit der Mehrheitsmeinung sind und nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Sehen Sie das genauso?

Die gibt es, ja. Aber das ist doch nicht angeboren, sondern auch nur ein Symptom des ganzen Problems. Junge Menschen, die sich was trauen, werden oft als unvernünftig und unreif hingestellt – das ist ein Totschlagargument. Man selbst kann da wenig zu sagen, ohne sich noch weiter reinzureiten.

Was wünschen Sie sich anders im System Politik?

Bezogen auf diese Debatte: Ich würde mir wünschen, dass Parteien aktiver auf den Nachwuchs zugehen. Vielleicht muss es eine Quote für Menschen unter 40 in den Vorständen geben – dann würden die Jugendorganisationen automatisch weniger abseits der Partei stehen. Gleichzeitig hätten junge Menschen wieder das Gefühl, dass sie eine Chance auf Mitbestimmung haben.

Gab es Momente, in denen Sie sich gefragt haben, ob Sie vielleicht zu jung sind für das Geschäft? 

Nein, aber dafür stecke ich wahrscheinlich auch nicht tief genug drin. Ich kandidiere ja nicht. Aber ich frage mich oft, was ich anstelle von Politiker XY tun würde. Ich glaube, ich hätte Schwierigkeiten damit, im Sinne der Verantwortungsethik zu entscheiden. Also das zu tun, was einen guten Politiker ausmacht. Ich meine nicht, dass ich das nicht könnte, sondern dass es mich belasten würde. Vielleicht würde mir das aber auch noch in 25 Jahren so gehen.

Felix Petersen - 29, CDU-Kreistagsmitglied in Lüneburg

Felix Petersen - 29, CDU-Kreistagsmitglied in Lüneburg

Was halten Sie von der aktuellen Debatte über Jugenddiskriminierung in der Politik?

Eine Debatte über den Umgang mit jungen Politikern finde ich generell gut, denn es gibt zu wenig Menschen in meinem Alter, die sich politisch engagieren. Daran muss sich was ändern, und dazu kann diese Debatte einen Beitrag leisten. Allerdings habe ich auch den Eindruck, dass einzelne diese Diskussion in den sozialen Medien als Selbstzweck nutzen um sich selbst zu profilieren/bekannt zu machen, dass halte ich in einer ernsthaften Diskussion für kontraproduktiv.

Welche konkreten Situationen gab oder gibt es, in denen Sie sich nicht ernst genommen gefühlt haben?

In meiner eigenen Partei, ob im Ortsverband oder auf Kreisebene, hatte ich immer den Eindruck, Menschen um mich zu haben, die ein Interesse daran haben, auch junge Leute wie mich „mitzunehmen“ und zu integrieren. Wenn man neu ist, hat man von vielen Dingen, wie z.B. Verfahrensordnungen oder Zuständigkeiten noch keine Ahnung und ist mit seinen, teilweise naiven Ansichten dann ja auch gerne mal vorlaut. Ich habe da immer Menschen um mich gehabt, die geduldig mit mir waren und mir Sachen erklärt haben, dass hat mir in meiner Entwicklung sehr geholfen.

Anders habe ich es in den politischen Gremien, wie z.B. dem Samtgemeinderat Amelinghausen erlebt. Zwar sind auch dort alle nett und höfflich, allerdings hatte ich schon zu Beginn einige Male den Eindruck, dass man in der Debatte als junger Mensch einen viel größeren argumentativen Aufwand betreiben muss, um ernstgenommen zu werden, als diejenigen, die schon länger in politischen Gremien sitzen. Mit Anfang 20 kann man halt nicht sagen, warum vor 30 Jahren etwas so oder so entschieden wurde und warum das so sein muss. Da braucht es wirklich etwas Zeit und viel Engagement, um auch bei anderen Fraktionen oder beim Hauptverwaltungsbeamten mit seinen Argumenten auf Akzeptanz zu stoßen.

Wie schwer ist es als junger Menschen in den politischen Debatten ernst genommen zu werden?

Ob man ernst genommen wird, hängt nach meiner Erfahrung insbesondere auch vom Auftreten der Person ab. Wenn ich als neu gewähltes Mitglied in einen Rat komme, dann muss ich erstmal lernen: Wie läuft das hier ab, wie ist der Diskussionstil, etc.? Das heißt nicht, dass man seine neuen Ideen an der Garderobe abgeben soll, sondern dass man als junger Mensch sich auch eingestehen muss, dass nur, weil man jetzt gewählt wurde, das nicht heißt, dass man sofort auch alles weiß und können muss. Leider habe ich es einige Male erleben müssen, dass junge Politiker in ein Gremium kamen und dann meinten, allen anderen erklären zu müssen, wie die Welt funktioniert. Diese jungen Politiker waren dann zumeist leider auch schnell wieder weg. Ich hätte mir manchmal gewünscht, dass unabhängig von der Partei der ein oder andere etwas langsamer gemacht und dafür länger durchgehalten hätte, um eben auch mehrere Ansprechpartner in meinem Alter zu haben.

Ein Jugendforscher hat kürzlich bemängelt, dass junge Leute alles der Karriere unterordnen, nichts riskieren, völlig konform mit der Mehrheitsmeinung sind und nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Sehen Sie das genauso?

Diese Fälle gibt es, siehe vorherige Antwort. Nach meinem Eindruck vergessen diese Fälle dabei, dass es Zweck der Politik ist, der Allgemeinheit zu dienen und nicht selbst. Wenn jemand nur seinen eigenen Vorteil sucht, dann bleibt das nicht unbemerkt, Wählerinnen und Wähler, Parteifreunde oder die Menschen im persönlichen Umfeld merken sehr schnell, wenn man sich charakterlich verändert und das eigentliche Ziel, eine besser Lebenssituation für alle, aus den Augen verliert. Gerade weil es in der Politik nicht nur um einen selbst, sondern um das große Ganze gehen sollte, bin ich persönlich sehr dankbar, dass ich Menschen um mich herum habe, die mich auch mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holen und mir sagen, wie das Leben wirklich läuft. Als es um die Entscheidung zur Arena Lüneburg Land ging, habe ich im Kreistag dagegen gestimmt, weil ich der Überzeugung war und bin, dass der Landkreis dort seine Prioritäten falsch setzt. Das war eine Entscheidung komplett gegen den Mainstream, der eher Pro-Arena ist. Ich hatte meine Entscheidung aber vorher mit mir nahestehenden Menschen beraten und war dann froh, auch guten Gewissens hinter dieser Meinung stehen zu können und mich nicht der Mehrheitsmeinung aus vermeintlicher Angst um eine politische Karriere gebeugt zu haben.

Was wünschen Sie sich anders im System Politik?

Ich wünsche mir weniger Selbstdarstellungsdrang und mehr Diskussion um die Sache. Um insbesondere auch junge Menschen für die Politik zu gewinnen, muss auch für außenstehende deutlich werden, dass es bei der kommunalpolitischen Tätigkeit wirklich um was geht und es nicht der Pflege des eigenen Egos dient. Demographischer Wandel, gelingende Integration nicht nur von Flüchtlingen oder die Frage, welche Werte wir teilen, sind alles Aufgaben, die in der Kommunalpolitik bearbeitet werden, und dazu müssen sich insbesondere auch Menschen in meinem Alter einmischen. Dazu würde ich mir wünschen, dass manch einer weniger daran denkt, wie er durch sein Handeln mehr Likes bei Facebook oder einen Artikel in der Landeszeitung bekommt, sondern wie wir gemeinsam die Probleme vor Ort lösen können.

Gab es Momente, in denen Sie sich gefragt haben, ob Sie vielleicht zu jung sind für das Geschäft? 

Siehe 2. Antwort. Wenn man gerade zu Anfang als Neuling in einem politischen Gremium das Gefühl hat, dass alles, was man sagt, von den langjährigen Mitgliedern mit ihrer Erfahrung einfach „abgebügelt“ werden kann, dann kann das schon frustrierend sein und man ist genervt, dass das einzige Argument, was gegen das eigene spricht, die angeblich geringe Erfahrung ist. Aber im Endeffekt hat bei mir Durchhalten geholfen, mittlerweile hat sich das gebessert.

Das sagen die Älteren

Andrea Schröder-Ehlers
SPD-Unterbezirksvorsitzende

„Im Vorstand des Kreisverbandes haben wir einen Altersschnitt von 53 Jahren. Der Jüngste ist 20 Jahre und die Älteste 63 Jahre. Ich finde, das ist ein guter Schnitt. Wir wollen schließlich für alle Altersgruppen Ansprechpartner haben. Bei uns sind immer wieder junge Mitglieder in verantwortungsvollen Positionen. Ich freue mich sehr, wenn sich junge Frauen und Männer bei uns engagieren wollen. Ich lade alle ein, sich zu melden. Mitglieder unter 35 Jahren können sich bei den Jusos engagieren. Hier gibt es besondere Angebote. Darüberhinaus probieren wir auch neue Formate aus. Wir gründen zum Beispiel gerade einen wirtschaftspolitischen Arbeitskreis, um nicht zuletzt auch Studierende anzusprechen. Und wir starten als Kreisverband einen Politischen Salon, wo wir über neue programmatische Ansätze sprechen wollen.
Bei der letzten Vorstandswahl in der Stadt Lüneburg haben sich die Jüngeren durchgesetzt und die Älteren hatten das Nachsehen, das gibt es auch. Außerdem sind bei uns gerade 82 neue Mitglieder eingetreten. Das sind vorwiegend jüngere Leute. Ich bin mir sehr sicher, dass die Eine oder der Andere demnächst auch in der Partei aktiv wird und frischen Wind in die Organisation bringt. Ich freue mich darauf.“

Günter Dubber
Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes

„Das Durchschnittsalter unseres geschäftsführenden Vorstandes liegt bei 48 Jahren. Und ich finde, dass die Frage nach Jung oder Alt eigentlich nachrangig ist. Qualität ist wichtiger. Tatsache ist, dass sich die Lebensrealität junger Menschen mit einem politischen Amt nur schwer vereinbaren lässt. Politik kostet Zeit und die fehlt gerade jüngeren Menschen, weil sie sich intensiv um Familie und Beruf kümmern, zudem oft sehr mobil sein müssen. Doch wenn sie sich bei uns engagieren wollen, dann versuchen wir ihnen auch verantwortliche Positionen zu geben. Und ein Blick in unseren Vorstand spiegelt das wider, Steffen Gärtner ist mit 27 Jahren stellvertretender Kreisvorsitzender und Felix Petersen mit 29 Schatzmeister. Ich halte auch die Mischung für wichtig, denn nicht nur wir Älteren profitieren von der Sicht der Jüngeren. Auch die Jüngeren könnten von unserer Erfahrung profitieren. Wir bereiten bewusst den Generationswechsel vor, wollen jungen Menschen signalisieren: Kommt, dann werdet ihr auch ernstgenommen. Ob ich selber mal einen jüngeren Kollegen herablassend behandelt habe? Schwer zu sagen, ich hoffe nicht. Junge Leute neigen dazu, schnell klare Positionen zu beziehen. Da habe ich vielleicht schon mal gesagt: Da denk doch bitte nochmal drüber nach.“

Claudia Schmidt
Sprecherin der Kreis-Grünen

„Das Durchschnittsalter in unserem Vorstand liegt bei 57 Jahren. Dass nicht mehr jüngere Parteikollegen in verantwortlichen Positionen sitzen, liegt ganz banal daran, dass sich schlichtweg keiner findet. Um Nachwuchs zu gewinnen, sprechen wir Interessenten immer gezielt an, wir bieten an, dass sie sich einem Mentor anschließen und so die politische Struktur, den Alltag und die handelnden Personen kennenlernen. Wir unterstützen unsere Jugendorganisationen Grüne Jugend und Campus Grün, wann immer gewünscht. Ich kann nicht erkennen, dass wir junge Leute nicht in verantwortungsvolle Positionen lassen. Jüngstes Beispiel ist Imke Byl, die bei uns in Lüneburg in der Grünen Jugend aktiv war und jetzt mit 23 Jahren im Landtag sitzt. Ende April haben wir Kreisvorstandswahlen. Ich werde dem Kreisvorstand nach zehn Jahren nicht mehr angehören. Ich würde mich sehr freuen, wenn sich junge Menschen für den Kreisvorstand bewerben würden. Ich hoffe, dass ich junge Kollegen immer ernst genommen habe. Es könnte jedoch sein, dass dies nicht so empfunden wurde, wenn ich klar gemacht habe, dass eine berufliche Ausbildung bei allem Engagement an erster Stelle steht. PolitikerIn zu sein, ist in den seltensten Fällen ein Beruf auf Lebenszeit. Da agiere ich dann aus der Elternsicht.“