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Völlig vermummt wird der 30-jährige Angeklagte in Saal 8 des Lüneburger Amtsgerichts geführt. Etliche Kameras sind auf ihn gerichtet. (Foto: t&w)
Völlig vermummt wird der 30-jährige Angeklagte in Saal 8 des Lüneburger Amtsgerichts geführt. Etliche Kameras sind auf ihn gerichtet. (Foto: t&w)

In einer anderen Welt war er Arzt

Lüneburg. Über viele Jahre hinweg hat sich der 30-jährige Angeklagte eine Parallelwelt aufgebaut, in dieser übte er seinen Traumberuf, den eines Arztes, aus. Er gab sich am 13. und 14. Mai 2015 im Lüneburger Klinikum als Anästhesist aus – mit entsprechender Kleidung und Namensschild. Zudem hat er einer jungen Frau aus Kirchgellersen, die über Übelkeit und Schwindelgefühle klagte, einen Zugang mit Kochsalzlösung und Glukose gelegt und ihr ein Medikament verabreicht. Und das, obwohl er nie eine medizinische Ausbildung abgeschlossen hat. Für den gestrigen Verhandlungstag vor dem Schöffengericht des Lüneburger Amtsgerichts waren sechs Zeugen geladen. Gehört werden musste niemand: Der Angeklagte legte ein umfängliches Geständnis ab.

Aus anderen Verurteilungen verbüßt der gebürtige Soltauer bereits eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Seit Juli sitzt er in der Justizvollzugsanstalt Neumünster ein. Nun kommen weitere drei Jahre und vier Monate auf ihn zu – so das Urteil der Vorsitzenden Richterin Sandy Lindner, die dabei auch eine frühere Freiheitsstrafe miteinbezogen hat. Sie hielt ihm das „umfangreiche und glaubhafte Geständnis“ zugute, ließ sich aber auf den Vorschlag des Verteidigers, die gefährliche Körperverletzung als minderschweren Fall einzustufen, nicht ein.

Angeklagter zeigt sich geständig

Ralf Pagels, der den 30-jährigen Angeklagten vor Gericht vertrat, verlas dessen Erklärung: „Ich räume die Taten, so wie sie mir die Staatsanwaltschaft vorwirft, ein. Beide Anklageschriften sind zutreffend.“ So ging es darin neben dem Besuch im Lüneburger Krankenhaus und der Verabreichung eines Medikaments über einen venösen Zugang auch um mehrfaches Fahren ohne Führerschein und Hehlerei. Der Angeklagte soll im Juni 2015 im Besitz eines Fahrzeugs gewesen sein, das zuvor von dem Parkplatz einer Rettungswache in Schneverdingen gestohlen wurde.

„Ich habe in meinem Leben bisher nicht viel erreicht, keine Ausbildung richtig beendet, nur die zum Rettungsschwimmer“, zitierte Pagels den gebürtigen Soltauer, der selbst diese Ausbildung später auf Nachfrage als „abgespeckte Version“ bezeichnete. Eine Schulung zum Rettungsassistenten habe er nach mehreren Monaten abgebrochen. „In der Zeit habe ich aber gelernt, wie man Spritzen korrekt setzt“, hieß es mit Blick auf die gefährliche Körperverletzung. Die Geschädigte saß dem Angeklagten gegenüber, sie war in dem Prozess die Nebenklägerin.

Kennengelernt über Dating-App

Im Sommer 2015 waren die beiden einige Wochen liiert, kennengelernt hatten sie sich über eine Dating-App, dort war der 30-Jährige mit Fotos angemeldet, die ihn in Arzt-Montur zeigten. Die LZ hatte im Juli 2017 über Lisa Gehring und ihren Fall berichtet, der Angeklagte soll sie nach dem Aus der kurzen Beziehung gestalkt, ihrem Sohn an der Schule aufgelauert, ihren Müll durchsucht haben. Sie hatte damals eine Gewaltschutzanordnung gegen ihn erwirkt.

Dazu ließ der Angeklagte im Gerichtssaal verlesen, dass er nie wegen Stalking oder einer Körperverletzung gegenüber Frauen verurteilt worden sei, alles aus den Darstellungen der Nebenklägerin stamme. Zu der Verabreichung des Medikaments Metoclopramid (MCP), das unter anderem Übelkeit lindern soll, sagte er: „Ich wusste, was ich tat. Außerdem ging es ihr im Laufe des Tages besser. Ich hätte sie niemals auf blauen Dunst behandelt. Das wäre ja Wahnsinn.“

„Irgendwann kam ich aus der Nummer nicht mehr raus“

Das „Arzt-Ding“ hätte eigentlich mit einem Spaß begonnen, ihm mehr Chancen bei Frauen eingebracht. Aufgrund der sozialen Wertschätzung hätte er die Fassade aufrechterhalten, gegenüber Vermietern und in anderen alltäglichen Lebenslagen wie einer Tischreservierung in einem Restaurant behauptet, dass er Anästhesist sei. „Irgendwann kam ich aus der Nummer nicht mehr raus, habe angefangen, Urkunden und Zeugnisse zu fälschen.“

In ihrer Urteilsverkündung, in der die Richterin von den Fahrten ohne Führerschein absah, den Angeklagten für den Missbrauch einer Berufsbezeichnung, der gefährlichen Körperverletzung sowie Hehlerei schuldig sprach, sagte sie: „Sie haben versucht, in Ihrer Parallelwelt ein entspanntes Leben zu führen. Doch diese Geplantheit endete in der Körperverletzung, als sie als ,Arzt‘ tätig geworden sind.“ Einen „bösen Verletzungswillen“ unterstellte sie dem Angeklagten nicht, konnte aber auch nicht über die insgesamt 22 Eintragungen im Bundeszentralregister hinwegsehen. Die Vorstrafen, darunter Diebstahl, Amtsanmaßung, Nötigung, Betrug und gefährliche Körperverletzung, reichen bis in das Jahr 2002 zurück.

Von Anna Paarmann

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