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In die Rolle des Lüneburger Henkers schlüpft Leif Scheele. Das „Handwerk“ war vor Jahrhunderten vielen unheimlich, der Scharfrichter lebte eher am Rand der Gesellschaft. Scheele versucht eine Balance aus historischen Fakten und schwarzem Humor. (Foto: t&w)

Ein todsicheres Geschäft

Lüneburg. Es ist ein großartiges Fest, als man Hans Heinrich Viercke den Garaus macht. Die Maurer- und Zimmermeister marschieren mit Musikant en vor die Stadt, um den morschen Galgen herzurichten. Zwei Tage dauern die Vorbereitungen, am 10. August 1770 knüpft der Henker den berüchtigten Dieb auf. Die begeisterten Gäste, die dem Volksfest beiwohnen, haben mächtig Durst. 28 Tonnen Lüneburger Bier fließen durch die Kehlen, was für ein Besäufnis. Es ist die letzte öffentliche Hinrichtung an der Ilmenau. Doch das todsichere Geschäft des Henkers läuft weiter. Bis 1935. Ein Scharfrichter befördert eine Giftmischerin ins Jenseits.

Vielleicht spielen diese Episoden aus der Lüneburger Rechtsgeschichte für Leif Scheele eine Rolle. Der 38-Jährige schlüpft als Stadtführer in die Rolle des Henkers Meister Hans. Der Schauspieler möchte zu einem „Mordsspaß“ einladen, gleichzeitig aber auch über die noch in vielen Ländern verbreitete Todesstrafe diskutieren. In den engen Gassen der Altstadt spürt der Schauspieler dem Henker und seinem Treiben nach. Der sei nicht nur fürs Strafen zuständig gewesen, er habe sozusagen als Zuhälter der Stadt „das Geschäft der Hübschlerinnen unter seiner Herrschaft gehabt. Auch dort sollten Recht und Ordnung gelten, Abgaben mussten kassiert werden, auf die Hygiene war zu achten.“ So soll er die Aufsicht im Wunnekenbrock geführt haben, einem städtischen Bordell und Badehaus an der Neuen Straße in der Altstadt.

Daumenschrauben bringen Täter zum Reden

Während das für Fachleute eher eine Annahme ist, kann Scheele auf viele gesicherte Fakten blicken. Die finden sich etwa im Katalog der Ausstellung zu 750 Jahren Stadtrecht aus dem Jahr 1997. Der ehemalige Direktor des Salzmuseums, Dr. Christian Lamschus, schreibt zum Thema. Der Henker ist an der Rosenstraße zu Hause, heute hat dort eine Bank ihren Sitz. Im Keller nutzt er eine Folterkammer und Zellen. Mit Daumenschrauben, Maulbirne oder einer mit Dornen gespickten Rolle bringen der Henker und seine Büttel Delinquenten zum Sprechen. Beim Strafen geht es nicht um Resozialisierung, sondern um Vergeltung. Wie auch anderswo setzen die Stadtoberen auf sogenannte Leibstrafen wie Verstümmelungen. Daher erklären sich auch Worte wie Schlitzohr: Betrügerischen Händlern hat man den Ohrring herausgerissen.

Für leichtere Vergehen droht der Schandpfahl, der kak. Er steht auf dem Markt in Höhe des heutigen Landgerichts. Ein Stein mit einem kleinen Kreuz markiert noch immer seinen Platz. Angekettet mit Hals- und Brusteisen werden die Verurteilten dem Gespött der Vorbeigehenden preisgegeben. Wer dort steht, darf angespuckt und mit Unrat traktiert werden. So muss ein Salinenarbeiter 1726 drei Tage lang für je drei Stunden mit einem Beutel Salz um den Hals im Halseisen am Niedergericht ausharren, anschließend werfen ihn Stadtdiener ins Zuchthaus. Der Mann hatte Salz veruntreut. Erst 1764 verschwindet der Schandpfahl.

Übel ergeht es der Magd Magdalena Ahlers. Sie gesteht im Februar 1652, Unzucht mit dem Sohn David Heinrichs auf der Ratsherrenlektorei der St. Johanniskirche getrieben zu haben. Und der Schüler ist nicht der einzige Freier. Die Schergen treiben die „Kirchenhure“ durch die Bäckerstraße und über den Sand: „Mit volkreicher Begleitung wird sie zum Altenbrucker Thor hinaus geführet.“ Den wenig gesitteten Jünglingen geschieht übrigens nichts Nennenswertes. Ein anderes Beispiel. Kindsmörderinnen bestraft die Justiz hart. An der Bastion in Richtung des heutigen Liebesgrunds hat man Frauen gesackt, also in einem Sack ertränkt.

In der Stadt verrichtet der Scharfrichter sein Amt, wenn es um Politik geht. Daran erinnern zwei Granitblöcke im Pflaster des Marktplatzes. Auf ihnen lässt der Rat 1458 zwei Anführer des „Prälatenkrieges“ köpfen. Hintergrund ist ein Streit zwischen Stadt und Vertretern der Kirche, die Anteile an den Einkünften aus der Salzgewinnung halten. Der Rat verlangt, dass sich die Sülzprälaten an städtischen Ausgaben beteiligen, das wollen die Herren nicht – dicker Zoff. Er endet final.

Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert hat es nach Zählung von Geschichtsforschern in Lüneburg mindestens 35 öffentliche Hinrichtungen gegeben. Um große Vergehen zu ahnden, ziehen die Lüneburger vor ihre Tore.

Vor der Stadt, nördlich der Bleckeder Landstraße, steht der Galgen. Stadtchronist Wilhelm Friedrich Volger beschrieb ihn: „Vier rund gemauerte Pfeiler einige Fuß dick über zwanzig Fuß hoch, unten durch eine sieben Fuß hohe kreisrunde Mauer, oben durch Balken verbunden, schlossen einen Platz von mindestens zwanzig Fuß Durchmesser ein und verkündigten, meilenweit sichtbar, Lüneburgs peinliche Gerichtsbarkeit.“

Eine zweite Richtstätte liegt außerhalb des Altenbrücker Tores: der Köppelberg. Straßennamen wie Am Galgenberg, Köppelweg (für Köpfen) und Rabensteinstraße erinnern an Orte, an denen es ans Sterben ging. Für den Rabenstein gibt es eine anschauliche Erklärung: Körper der Enthaupteten wurden auf Räder gelegt und von Raben zerhackt und zerfressen.

Der berühmte Kriminalfall Nickel List

Lüneburgs berühmtester Kriminalfall dreht sich um den Kirchenräuber Nickel List. 1697 logiert List als Johann Rudolph von der Mosel mit seiner Bande unauffällig in Lüneburg. List führt seinen größten Streich: Mithilfe von Wachsabdrücken fertigt er Schlüssel der Kirche nach und stiehlt die berühmte Goldene Tafel in der Michaeliskirche, ein paar Pfund Gold und – viel schlimmer – Reliquien. Als er gefasst wird, muss er sich nicht am Ort des Vergehens verantworten, sondern am Hof in Celle. Denn es gilt, in Konkurrenz zur Stadt, landesherrliches Recht durchzusetzen. Sein Ende war schrecklich. Ein Zeitzeuge notiert: „List legte eine Beichte ab, dann wurde er rücklings aufs Rad geflochten, ihm wurden Arme und Beine zerschlagen, dann drehten ihn die Helfer um, der Henker trennte ihm mit dem Schwert den Kopf ab. Schließlich wurde sein Leib verbrannt, sein Kopf auf einen Pfahl gesteckt.“ Nachzulesen ist das in einem Buch von G. E. König und Michael Rudolf: „Von Spitzbuben, liederlichen Weibsmenschen und anderen Galgenvögeln.“

Diese Grausamkeit gegen List sei aber eher die Ausnahme gewesen, wissen die Archäologen Dietmar Gehrke und Marc Bastet. In der Regel wurde beim Rädern der erste Schlag gegen den Hals geführt – der Täter starb sofort. Das Duo erzählt spannend Rechts- und Kriminalgeschichte in dem Buch „Der Weg zum Galgen“.

Aus Celle zurück nach Lüneburg. Auch hier wird weiter von Amts wegen getötet. Als Napoleon halb Europa erobert, bringen seine Soldaten ihre Hinrichtungsmethoden mit. Bastet berichtet, dass die französischen Behörden beispielsweise 1812 zwei Schmuggler hinrichten lassen. Die Guillotine dafür schafft die Gerichtsbarkeit aus Hamburg an die Ilmenau. Nachdem die Franzosen vertrieben sind, setzt die Justiz weiter auf die Pariser Methode, das Fallbeil. Es spielt seine blutige Rolle, nachdem die Regierung das Schwurgericht 1879 von Celle nach Lüneburg verlegt.

Frau schafft ihren Gatten mit Gift aus dem Weg

Zwischen 1890 und 1935 gibt das Gerichtsgebäude am Graalwall 2, heute steht dort das Gesundheitsamt, den Schauplatz für Hinrichtungen. Viermal sei das Fallbeil im Hof des Gefängnisses zum Einsatz gekommen, wissen Bastet und Gehrke.

Der letzte finale Staatsakt in Lüneburg hat nichts mit den Nationalsozialisten zu tun. Im Februar 1935 setzt der Magdeburger Scharfrichter Gröpler wieder auf „Handarbeit“ und enthauptet Henny Meyer. Die 30-Jährige aus Betzhorn bei Gifhorn verliebte sich in einen Knecht. Ihr 26 Jahre älterer Mann scheint dem Glück im Wege zu stehen. Die Polizei findet heraus, dass die Frau ihren Gatten mit Gift aus dem Weg geräumt hat. Zweimal verhandelt das Schwurgericht den Fall, denn die Angeklagte behauptet nun, der Geliebte sei der Missetäter. Es nützt nichts: Sie landet auf dem Schafott.

▶ Am 4. März startet Leif Scheele die erste Tour, die ist ausverkauft. Es gibt weitere Angebote. Die Führung dauert 90 Minuten, Teilnehmer sollten mindestens 16 Jahre alt sein. Karten für 10 Euro gibt es bei der Tourist-Info.

Von Carlo Eggeling

One comment

  1. Bei unserem Strafrecht geht es auch um Vergeltung, oder wie kommt es das der 96 jährige Gröning nach 72 Jahren tadellosen Lebens inhaftiert werden soll? Resozialisiert war er.