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Eine historische Aufnahme des Bleckeder Bahnhofs im Zuge der Kreisbahn aus dem Jahr 1904. Das Hinweisschild am Gebäude mit den Richtungsangabe nach Echem und Dahlenburg ist auch noch heute gut zu sehen. Auf der Rückseite des ehemaligen Bahnhofsgebäudes der Schmalspurbahn in Bleckede sind noch heute die alten Fahrtrichtungsangaben zu lesen. (Foto: privat)

Auf den Spuren der Bleckeder Kreisbahn

Karze. Was der Mensch nicht erhält, verfällt. Das an sich ist zwar keine neue Erkenntnis, führt mitunter aber zu tiefer Bestürzung: „Es ist ja schl immer, als ich dachte“, sagt Leo Demuth angesichts des abgebrannten und dadurch vollkommen zerstörten Güterschuppens in Karze. Bis vor 100 Jahren hielten dort noch regelmäßig Züge, jetzt ist das kleine Gebäude verkommen – nicht das einzige Opfer seiner Zeit.

Galerie: Reste eines fast vergessenen Streckennetzes

Auf die Spuren der alten Bleckeder Kreisbahn hat sich der ehemalige Berufsschullehrer und begeisterte Bahnfreund heute mit Leidenschaftskollege Konrad Bäumer gemacht, gemeinsam wollen die beiden die Relikte der ehemaligen Verbindung zwischen Dahlenburg und Echem suchen und sich von ihrem Zustand überzeugen. Was sie genau erwartet, wissen die beiden nicht, denn eins ist klar: Der Denkmalschutz ist in Sachen Bleckeder Kreisbahn nie aktiv geworden.

Zwei Jahre zwischen Projektantrag und Jungfernfahrt

Im Jahr 1894 hatte die Verwaltung an der Elbe beschlossen, einen Schienenverkehr zur Erschließung seines Gebietes zu bauen, waren die Menschen dort bis dato doch lediglich an die Verbindung zwischen Lüneburg und Büchen sowie Dahlenburg nach Dannenberg angeschlossen. Entgegen der Ideen der einflussreichen Salzstädter, Bleckede direkt mit der größeren Stadt im Westen zu verzahnen, favorisierte der Kreisrat im Osten allerdings eine ganz andere Variante.

Auf der Rückseite des ehemaligen Bahnhofsgebäudes der
Schmalspurbahn in Bleckede sind noch heute die alten
Fahrtrichtungsangaben zu lesen.
(Foto: Ute Lühr)

Vom Dahlenburger Ortsteil Lemgrabe aus sollte der Zug über Tosterglope und die Bleckeder Ortsteile nach Wendewisch und dann weiter über Lüdersburg nach Echem fahren. Insgesamt 47,25 Kilometer sollte die Strecke messen, 17 Stationen an ihrem Weg liegen und 1,12 Millionen Mark kosten: Keine zwei Jahre lagen zwischen Projektantrag und Jungfernfahrt – ein Zeitrahmen, von dem Politik und Verwaltung heute nur träumen können. Doch nicht jeder Schnellschuss führt zum Erfolg, was auch Frank Mannes weiß.

Erste Streckenstilllegung Deutschlands

In Ahrenschulter sind Demuth und Bäumer mit dem Heimatkundler verabredet, wollen dort den ehemaligen Bahndamm suchen und die Streckenführung verfolgen. Querfeldein stapfen sie immer Richtung See – bis Mannes vor einer Schneise im Gehölz Halt macht. „Hier verliefen die Schienen“, erklärt er, „das ist noch deutlich zu erkennen, zudem erzählten das die Alten.“ Und die hatten auch noch ganz andere Geschichten zu berichten: „Weil die Verbindung so derartig schnell fertiggestellt werden sollte, wurde der Oberbau wohl ohne viel Sorgfalt verlegt“, sagt Mannes amüsiert, denn das blieb nicht ohne Folge: Schon während der Jungfernfahrt sprang ein Personenwagen von den Gleisen – nicht das letzte Mal.

„Die fuhr ja vielerorts … direkt auf der Straße zwischen den Häusern durch.“
Leo Demuth, Bahnexperte

Es dauerte viele Monate, bis die verantwortliche Baufirma das Problem durch den Einzug zusätzlicher Schwellen in den Griff bekam – und auch dann lief bei der Schmalspurbahn nicht immer alles nach Plan. Besonders der Streckenabschnitt zwischen Wendewisch und Echem wurde kaum frequentiert, zudem mussten die Verantwortlichen in Bleckede doch schnell einsehen, dass sich der Verkehr eindeutig in Richtung Lüneburg konzentrierte – eine ungünstige Entwicklung, für Bahn und Kreissäckel.

Zwar wurde 1900 der Bleckeder Hafen an die Strecke angeschlossen, was die Beförderungsleistung – hauptsächlich landwirtschaftliche Erzeugnisse – deutlich erhöhte, allerdings war das Verkehrsaufkommen besonders zwischen Echem und Wendewisch derart gering, dass der Abschnitt am 19. Juni 1904 schon wieder aufgegeben wurde – eine traurige Premiere, wie Demuth weiß: „Das war die erste Streckenstilllegung in Deutschland, und das zu einer Zeit, als der Eisenbahnbau überall sonst boomte.“ Das war an der Elbe aber auch nicht wirklich anders: Nur zwei Monate nach der betrüblichen Entwicklung im nördlichen Teilstück wurde eine neue Strecke nach Lüneburg über Neetze, Rullstorf und Scharnebeck baupolizeilich abgenommen.

27 Jahre Betriebszeit

Schon bald aber zeigte sich, dass die Schmalspurbahn aufgrund ihrer Größe und ihres Streckenverlaufs an ihre Grenzen kam: „Die fuhr ja vielerorts wie auch hier direkt auf der Straße zwischen den Häusern durch“, berichtet Demuth, der mit Bäumer mittlerweile Bleckede erreicht hat. Am Ortsausgang Richtung Alt Garge weist er rechter Hand auf einen großen und auffallenden Klinkerbau, der sich in einem sehr guten Zustand präsentiert und heute als Wohnraum genutzt wird: „Dies ist das ehemalige Bahnhofsgebäude“, erzählt er, „an der Rückseite, dort, wo früher die Gleise verliefen, ist noch das Schild mit den Fahrtrichtungsangaben deutlich zu erkennen.“

750 Millimeter…

…betrug die Spurweite, also der Abstand zwischen den Innenkanten der Schienenköpfe eines Gleises, bei der Bleckeder Kreisbahn. Zum Vergleich: Die Normalspur hat eine Spurweite von 1435 Millimetern. Die Bleckeder Kreisbahn war also eine Schmalspurbahn. Sie fuhr maximal 25 km/h und benötigte für die Strecke von Bleckede nach Dahlenburg 75 Minuten, für den Abschnitt zwischen Bleckede und Echem 98 Minuten.

Anfangs verkehrten täglich jeweils drei Zugpaare, die von kleinen zweiachsigen Lokomotiven gezogen wurden. Eigentümer der Bahn war bis 1927 der Kreis Bleckede, bis zur Stilllegung die Bleckeder Kleinbahn GmbH.

Auch ein paar Kilometer weiter, in Tosterglope, ist das ehemalige Bahnhofsgebäude von einer noch ansehnlichen Beschaffenheit – was die beiden Eisenbahnexperten zwar erfreut, nicht aber beruhigt: „Hier hat sich jahrelang eine Gaststätte befunden, die vor einiger Zeit jedoch geschlossen hat“, weiß Demuth, „hoffentlich kümmert sich der Eigentümer um das Haus.“
Welchen Nutzen es heute erfüllt, lässt sich nicht erkennen, und auch von seiner ursprünglichen Funktion ist kein Hinweis mehr zu finden – wie vielerorts: Nach nur 27 Jahren Betriebszeit wurde die Geschichte besiegelt und der Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen endgültig und komplett eingestellt. Am 8. Mai 1922 begannen die Abbrucharbeiten. Heute gibt es nur noch wenige Zeugen der ehemaligen 750mm-spurigen Bleckeder Kreisbahn.

Von Ute Lühr