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Die häusliche Gewalt spielt für die Opferhelferinnen weiter eine Rolle, inzwischen wenden sich auch männliche Opfer an die Stiftung. (Foto: A/t&w)

Täter attackieren die Seelen

Lüneburg. Sie wurde nach Italien verschleppt, dort zur Prostitution gezwungen. Ihre Zuhälter hatten ein Druckmittel: Sie hatten ihr das Kind weggenommen, sie so erpresst. Doch Bekannten der jungen Frau gelang es, sie und das Kind zu befreien und nach Deutschland zu bringen. Hier kümmert sich das Lüneburger Büro der Stiftung Opferhilfe um die Frau und ihren Sohn. Die Opferhelferinnen besorgten eine Unterkunft und für das Kind auch einen Kita-Platz für rund 50 Euro im Monat. Die Stiftung übernimmt auch die Fahrtkosten von Unterkunft zur Kita und half bei der Finanzierung von Kleidung und Pflegemitteln.

Das aufgestockte Team des Opferhilfe-Büros in einem der neuen Räume mit herrlichem Blick auf Lüneburg (v.l.): Evelyn König, Ulrike Peppmüller, Kathrin Lühmann und Saskia Prottengeyer. (Foto: Michael Behns)
Das ist einer von 347 Fällen, die die Lüneburger Opferhelferinnen 2017 beschäftigten – eine krasse Steigerung um mehr als 70 Prozent gegenüber den Vorjahren, da lagen die Fallzahlen immer bei knapp 200. Die sich über Spenden finanzierende Stiftung reagierte, verstärkte das Zweier-Team Evelyn König und Ulrike Peppmüller mit den neuen Opferhelferinnen Kathrin Lühmann und Saskia Prottengeyer. „Damit wurden auch unsere Räumlichkeiten im Haus der Staatsanwaltschaft an der Reitenden-Diener-Straße zu klein“, sagt Evelyn König. Die Stiftung hat nun ein neues, deutlich größeres und helleres Domizil mit fünf Büros und einem Besprechungszimmer Bei der St.-Lambertikirche 8 im 3. Stock, aber barrierefrei erreichbar.

Finanzielle Hilfe nach Flucht vor Partner

Den drastischen Anstieg der Fälle führen die Beraterinnen nicht auf einen möglichen Anstieg der Kriminalität zurück, sondern auf ihren steigenden Bekanntheitsgrad und vor allem – wie Ulrike Peppmüller sagt – „auf die fleißigen Beamten der Polizeiinspektion Lüneburg“. Nach Straftaten seien Beamte zwar verpflichtet, Opfer auf die Hilfsmöglichkeiten hinzuweisen: „Die PI Lüneburg ist hier besonders eifrig.“ Insgesamt hatten sich 434 Menschen ans Lüneburger Büro gewandt, in 305 Fällen kam es zu intensiveren Beratungen, hinzu kamen 42 alte Fälle. Dabei ging es vor allem um psychische Unterstützung, denn viele Opfer leiden nicht nur körperlich oder finanziell unter Straftaten, die Täter treffen auch ihre Seelen, die Opfer leiden psychisch.

Opfer erhielten 2017 insgesamt 31 350 Euro an finanzieller Unterstützung für verschiedenste Leistungen. Evelyn König nennt ein Beispiel: „Eine Frau aus dem Landkreis floh in einer Nacht- und Nebel-Aktion mit ihren drei Kindern vor ihrem gewalttätigen Partner, fand eine neue Unterkunft. Sie bekam Geld für Möbel und Waschmaschine und für die Reparatur ihres Autos, das von ihrem Ex beschädigt wurde.“ Für eine andere Frau aus Mecklenburg-Vorpommern gab es Geld für den Friseur – was zunächst eigenartig klingen mag, hat laut Ulrike Peppmüller einen guten Grund: „Sie flüchtete vor ihrem Partner, der sie immer wieder quälte. Sie hat Angst, von ihm gefunden zu werden. Sie ließ sich die Haare schneiden und färben – eine Typ-Veränderung.“ Auch für neue Kleidung gab es finanzielle Hilfe.

Immer mehr Fälle von „Cyber Crime“

Beim Großteil der Fälle ging es um Opfer von Körperverletzungen (35 Prozent) und denen von sexueller Gewalt (20 Prozent), darunter auch Kinder. Die Helferinnen erzählen von dem Vorschulkind, das von seinem inzwischen zu mehr als sechs Jahren Haft verurteilten Vater mehrfach missbraucht wurde. Die Mutter und ihre fünf Kinder zogen um, das Problem laut König: „Alle Kinder haben Behinderungen, sind auf Fachärzte angewiesen, zu denen die Wege aber weit sind. Wir haben die Fahrtkosten übernommen und eine Fachberatung für sexuellen Missbrauch vermittelt.“ Einen immer größeren Raum nimmt der Bereich „Cyber Crime“ ein, Delikte im Zusammenhang mit dem Internet. Es melden sich Eltern von Mädchen, die freizügige Bilder von sich ins Netz gestellt haben oder deren Ex-Freunde solche Fotos veröffentlichen. Opfer werden allerdings auch Jungen und junge Männer wie der aus dem Landkreis, der eine Chat-Partnerin hatte, die ihn so zu erpressen versuchte.

Wichtiger als finanzielle Hilfe ist den Opfern nach den Erfahrungen der qualifizierten Diplom-Sozialpädagoginnen der seelische Beistand, sie wollen als Opfer mit ihren Leiden anerkannt werden. Sie werden auch zu Behörden, Ärzten oder Anwälten begleitet. Die Beratung erfolgt vertraulich, auf Wunsch anonym. Sie ist kostenlos.

Eine Stütze bei Prozessen

Brutal zusammengeschlagen wurde ein 21-Jähriger am Neujahrsmorgen 2013 in einem Hinterhof Am Sande, er erlitt unter anderem einen doppelten Kieferanbruch. Im Frühjahr 2017 kam es vor dem Landgericht zum Prozess gegen vier Tatverdächtige. Der junge Mann sollte als Zeuge aussagen, sollte in einem Gerichtssaal in der Nähe seiner mutmaßlichen Peiniger sitzen. Das machte ihm schon im Vorfeld Angst. Als er dann im Zeugenstuhl Platz nahm, setzte sich Evelyn König neben ihn – sie ist wie auch Ulrike Peppmüller ausgebildete psychosoziale Prozessbegleiterin.

Opfer von Sexual- oder Gewalttaten haben einen rechtlichen Anspruch auf eine psychosoziale Prozessbegleitung. Die Betroffenen erhalten bereits im Vorfeld Infos über das Ermittlungs- und Strafverfahren, werden über ihre Rechte und Pflichten als Zeugen aufgeklärt. Auch können sich die Opfer mit der Prozessbegleiterin schon vor dem Verhandlungstag den Gerichtssaal anschauen, ihnen wird etwa erklärt, wo beispielsweise Richter, Staatsanwalt, Angeklagte und Verteidiger sitzen. Die Begleiterin nimmt direkt neben dem Opfer Platz. Nach der Verhandlung wird über das Geschehene gesprochen. Dann geht es auch darum, ob es weiterer Hilfsmöglichkeiten bedarf.

Das Opferhilfebüro Lüneburg, Bei der St.-Lambertikirche 8, ist telefonisch erreichbar unter (04131) 7271910 oder per Mail unter PoststelleLueneburg@Opferhilfe.Niedersachsen. Die Sprechzeiten sind mittwochs von 9 bis 12 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung.  

Von Rainer Schubert