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Bettina Küntzel (vorne) und 46 ihrer Kollegen an der Hanseschule haben eine Resolution für die Weiterbeschäftigung ihrer Sprachlehrkraft unterschrieben. Mit einer Gruppe Schüler überreichte sie das Schreiben nun an die Landesschulbehörde. Vergeblich. (Foto: be)
Bettina Küntzel (vorne) und 46 ihrer Kollegen an der Hanseschule haben eine Resolution für die Weiterbeschäftigung ihrer Sprachlehrkraft unterschrieben. Mit einer Gruppe Schüler überreichte sie das Schreiben nun an die Landesschulbehörde. Vergeblich. (Foto: be)

„Katastrophe für Integration“

Lüneburg. Bettina Küntzel spricht von einem „Albtraum“, einer „Provokation“ und einem „riesigen Felsbrocken“, den die Landesschulbehörde ihr und ihren Kollegen an der Hanseschule Oedeme in den Weg gelegt hat. Zwei Jahre unterrichtete an ihrer Schule Milena Minova als Sprachlehrerin gezielt die Flüchtlingskinder. „Das meisterte sie mit Bravour, Zuverlässigkeit, Souveränität und Kontinuität“, sagt Küntzel. Nun ist der Vertrag zum 1. Februar ausgelaufen. „Und obwohl wir sie dringend brauchen, sogar eine Resolution an die Landesschulbehörde übergeben haben, musste sie gehen.“ Eine Katastrophe, findet Küntzel. „Und zwar nicht nur für uns Lehrer, sondern für die Kinder und ihre Integration.“

Was die Lehrer der Hanseschule erleben, ist kein Einzelfall. Auch andere Schulen in Niedersachsen müssen ihre Sprachlehrkräfte gehen lassen, weil deren Verträge nicht verlängert werden. Der Grund: Sie lehren ohne Lehramtsstudium. Und zwar auf Zeit.

Ohne Lehrerausbildung eingestellt

Als sogenannte VSF-Kräfte (Vertrag Spracherwerb Flüchtlinge) wurden im Zuge des Flüchtlingszustroms auch Personen ohne Lehrerausbildung eingestellt, um die Schulen im Umgang mit den Flüchtlingskindern zu unterstützen. Landesweit gibt es nach Angaben der Landesschulbehörde rund 900 Sprachlernkräfte. Sie bringen ihnen Deutsch bei, helfen bei der Integration, unterstützen Kollegen – maximal zwei Jahre, dann enden die Verträge. „Ein Überschreiten der Höchstdauer kommt aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht in Betracht“, erklärt Bianca ­Schöneich von der Landesschulbehörde. Anders ausgedrückt: Man will verhindern, dass sie einen Anspruch auf Festeinstellung erhalten.

Die Chance, dauerhaft als Lehrer zu arbeiten, erhält nur, wer die Voraussetzungen für einen Quereinstieg erfüllt. „Dies ist aber nicht in allen Fällen möglich“, sagt Schöneich. Dennoch habe die Landesschulbehörde „großes Interesse daran, dass gutes Personal an den Schulen bleibt, und versucht, in allen Fällen eine individuelle Lösung zu finden.“

„Sollen jetzt Berufsanfänger eine der fordernsten Aufgaben an unseren Schulen übernehmen?“ Bettina Küntzel, Oberschullehrerin

Ein Ansatz: Die neue Landesregierung will den Betroffenen den Quereinstieg erleichtern, Konkretes liegt allerdings noch nicht vor (siehe Hintergrund). Ein anderer Ansatz: Den VSF-Kräften wird ein Vertrag als Pädagogischer Mitarbeiter angeboten. Das allerdings ist für die Betroffenen mit Gehaltseinbußen verbunden, außerdem fühlen sich viele in ihrer Arbeit herabqualifiziert. Die Folge: „Dieses Angebot wird oft abgelehnt“, sagt Schöneich. Wie oft genau, „wird nicht erhoben“.

Für die Schulen bedeutet die Regelung häufig Abschiednehmen. Mit katastrophalen Folgen, findet Oberschullehrerin Küntzel. „Unsere geflüchteten Schülerinnen und Schüler verlieren das, was sie am dringendsten brauchen: verlässliche Kontinuität, Gewöhnung an ein Mit­einander, einen sicheren Rahmen in unsicheren Zeiten.“ Das sorge für Unruhe, gefährde „schlimmstenfalls sogar den Schulfrieden“. Jeder Kollege sei bis an die Grenzen der Belastbarkeit darum bemüht, den geflüchteten Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden. „Aber wir brauchen auch die Unterstützung der Behörde, damit wir erfolgreich sein können.“

Resolution des Kollegiums

Die Hanseschule hat vergeblich um eine Vertragsverlängerung für Milena Minova gekämpft. „Seit dem 1. Februar ist sie weg“, sagt Küntzel. In der Landesschulbehörde habe man sie bei der Übergabe der Resolution mit dem Hinweis vertröstet, dass bald die ersten Absolventen aus dem Hochschulstudium kämen. „Da hieß es, die könnten dann auch Deutsch als Zweitsprache unterrichten“, erzählt Bettina Küntzel. Für sie weniger Trost, als vielmehr eine weitere Provokation: „Sollen jetzt Berufsanfänger eine der fordernsten Aufgaben an unseren Schulen übernehmen?“

Kritisch sieht den Fall auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Niedersachsen. „Gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel in den Schulen ist es wichtig, diese Leute zu halten und angemessen zu bezahlen“, sagt Sprecher Christian Hoffmann.

Und Milena Minova selbst? Die hat Lüneburg inzwischen für einen neuen Job an der Universität in Essen verlassen, für die 29-Jährige ein schwerer Abschied. „Ich war gerade so vertraut mit den Schülern und den Kollegen, wäre wahnsinnig gerne geblieben“, sagt sie. Doch die Option, als pädagogische Mitarbeiterin zu bleiben, sei für sie nicht in Frage gekommen. „Das entspricht einfach nicht meiner Qualifikation.“ Leid tut es ihr vor allem für die Schüler. „Die schreiben mir noch immer und fragen, wann ich endlich wiederkomme.“

Hintergrund

Land will Quereinstieg erleichtern

Den Schulen im Land droht der Lehrermangel. Trotzdem lässt man Fachkräfte wie die Sprachlehrer ziehen. Die LZ hat nachgefragt im Kultusministerium, geführt von SPD-Minister Grant Hendrik Tonne. Antworten lieferte Pressesprecher Sebastian Schumacher.

Um es vorwegzunehmen: Geld spielt offenbar keine Rolle. „Eine Entfristung der Stellen ist vom Haushaltsgesetzgeber mit dem Nachtragshaushalt 2018 vorgesehen“, erklärt Schumacher. Außerdem möchte auch das Land den Fachkräften ohne klassische Lehrerausbildung eine Perspektive geben, die Sprachförderung „bedarfsgerecht“ aufrechterhalten. „Künftig wird in jedem Einzelfall geprüft, ob bzw. wie die Voraussetzungen für eine Daueranstellung als Lehrkraft (etwa über den Quereinstieg) oder als Pädagogische Mitarbeiter im Ganztag vorliegen“, erklärt Schumacher.

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). (Foto: t&w)
Kultusminister Grant Hendrik
Tonne (SPD). (Foto: t&w)

Konkret sei die Landesschulbehörde vom Ministerium beauftragt worden, mit den rund 140 betroffenen Personen, deren Verträge auslaufen, persönliche Einzelberatungen durchzuführen, „um weitere Beschäftigungs- und Einsatzmöglichkeiten zu eruieren“. Geprüft werden soll die Möglichkeit eines Quereinstiegs und damit einer unbefristeten Beschäftigung als Lehrkräfte im Landesdienst.

Notwendig für einen Quereinstieg sind Qualifikationen, die denen „grundständig ausgebildeter Lehrkräfte vergleichbar sind“, erklärt der Ministeriumssprecher. Das heißt: Studium, das konkrete Fach oder die Fächer sowie die pädagogische und didaktische Ausbildung müssen im Einzelfall geprüft und bewertet werden. „Gegebenenfalls wird festgestellt, dass ein Quereinstieg möglich ist, wenn bestimmte Kompetenzen oder Qualifikationen nachgeholt werden.“

Doch auch dem Ministerium ist bewusst: Nicht in jedem Fall bringen die Betroffenen die Voraussetzungen mit für einen Quereinstieg. Alternative Einsatzmöglichkeiten seien die pädagogische Mitarbeit. Das allein ist auch aus Sicht des Landes nicht ausreichend. „Die Regelungen zum Quereinstieg müssen flexibilisiert werden.“ Das gilt für alle potenziellen Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger.

Konkret will das Land Möglichkeiten prüfen, wie der Quereinstieg besser und schneller gelingen, zugleich die Qualität bei einer Beschäftigung im Schuldienst gesichert werden kann. „Der Minister wird zügig Gespräche führen, hausintern, aber auch mit Verbänden und mit Wissenschaftsminister Björn Thümler“, so Schumacher. off

Von Anna Sprockhoff

One comment

  1. Werner Schneider

    Etwas mehr Flexibilität wäre angebracht. Der Quereinstieg selbst ohne pädagogische Grundkenntnis ist aber eine gefährliche Sache. Würde man dies bei Ärzten und Staatsanwälten auch machen. Der Lehrerberuf, der von vielen Seite ständig schlecht geredet wird, wird noch mehr darunter leiden. Folge ist eine Abwärtsspirale.