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Sind derzeit nur zu dritt beim Bienenbütteler Jugendtraining (v.l.): Karl Habig, Jugendleiter Uwe Seehafer und Ina Horenkohl. (Foto: phs)

Schützen in der Krise?

Bienenbüttel. Beim Blick auf die Fotos an der Wand des Bienenbütteler Schießstandes wird Uwe Seehafer wehmütig – vor allem beim Anblick eines Fotos aus dem Jahr 2003. Darauf zu sehen: zahlreiche Jungschützen in ihrer grünen Tracht. Von hohen Mitgliederzahlen in der Jungschützenabteilung kann der Jugendleiter derzeit nur träumen. Dieses Jahr feiert die Bienenbütteler Schützengilde ihr 325-jähriges Jubiläum – und steht mit nur zwei Jungschützen so schlecht da wie nie zuvor.

Jeden Mittwoch um kurz vor 18 Uhr schließt Uwe Seehafer die Tür zum Bienenbütteler Schießstand auf, dann ist Jugendtraining angesagt – ein Termin, auf den sich der 57-jährige Jugendleiter jedes Mal freut, sagt er. Doch schon seit längerem steht Seehafer mittwochs ziemlich alleine da – lediglich seine 14-jährige Tochter Ina Horenkohl sowie der 13-jährige Karl Habig nehmen derzeit am Jugendtraining teil. Die Bienenbütteler Schützengilde hat „aktuell große Probleme, Nachwuchs zu finden“, beklagt Seehafer.

Schützen haben Image-Problem

Das liege zum einen daran, dass „das Brauchtum belächelt und als Blödsinn abgetan wird“, sagt Seehafer. Dass da ein „richtiger Sport“ dahinterstehe, „bei dem man neben dem Umgang mit der Waffe auch den richtigen Stand, die Koordination von Hand, Auge und Atmung, Konzentration und Treffsicherheit erlernt und trainiert“, werde meist nicht wahrgenommen.

Nachgelassen habe die Nachfrage auch nach der Reform des Waffengesetzes von 2003, sagt Seehafer. Sein Eindruck: „Schießsport ist in den letzten Jahren ziemlich in Verruf geraten. Viele bringen Schützenvereine zum Beispiel mit Amokläufen in Verbindung.“ An den Imageproblemen schuld seien mitunter „schwarze Schafe innerhalb der Vereine sowie alle, die sich illegal in den Besitz von Waffen gebracht haben und mit dem Schützenwesen als Sport oder Brauchtum nichts zu tun haben.“

Karl Habig aus Eitzen I kennt diese Vorurteile. Seit einem halben Jahr ist das Schießen sein „Lieblingshobby“. Doch vor seinem Vereinseintritt musste er zu Hause zunächst Überzeugungsarbeit leisten: „Meine Mutter war erst dagegen – sie hat gesagt, das sei viel zu gefährlich“, erzählt er. Nachdem Karl Habig 2017 aber Bienenbüttels Kinderschützenkönig wurde, habe er sie schließlich doch überzeugen können. Habigs Versuche, auch seine Freunde für den Schützenverein zu begeistern, seien allerdings gescheitert: „Die sagen immer, dass sie sich das total langweilig vorstellen“, erzählt der Jungschütze. Sein Wunsch: „Dass wir mehrere wären – denn dann könnten wir auch auf Turniere fahren.“

Andere Schützenvereine ohne Nachwuchsprobleme

Ein weiteres Vorurteil, mit dem viele Schützenvereine kämpfen: „Stereotyp sind Schützen ja immer volltrunken“, sagt Uwe Seehafer. „Dabei galten Schützenfeste früher als jährliches Highlight: Man traf sich, tanzte, hatte Spaß. Der ganze Ort war auf den Beinen.“ Heute hingegen „fahren Jugendliche in die Disco, hängen am Handy oder vor dem Fernseher.“ Hinzu komme auch eine gesetzliche Mindestaltersgrenze, nach der Jugendliche mit Erlaubnis der Eltern erst ab zwölf Jahren Luftgewehr schießen dürfen. „Da sind die meisten aber schon in andere Vereine eingebunden“, sagt Seehafer.

Auch Marie-Luisa Ehrlich, Medienreferentin des Schützenvereins Oldendorf/Luhe, sieht heute die größte Herausforderung für Vereine darin, „eine reale Plattform neben Medien und vielen anderen Hobbys zu sein – und vor allem Kinder und Jugendliche im Verein zu halten.“ In Oldendorf/Luhe aber klappt das ziemlich gut: 121 Jungschützen hat der 353 Mitglieder starke Schützenverein – und „seit Jahren stetigen Zuwachs“.

„Mehr als Tradition und Blasmusik“

Das Geheimnis? „Ein Mix aus Tradition und Moderne“, sagt Marie-Luisa Ehrlich, „und somit auch ein Mix aus Jung und Alt.“ „Bei uns sind neue Meinungen und Ideen immer willkommen. Das ist wichtig, um das Ganze nicht zum Einschlafen zu bringen.“ Daher müsse man auch mal etwas Neues wagen. „Wir hatten zum Beispiel mal einen Bullriding-Contest am Schützenfest“, sagt Ehrlich.
Wichtig sei es zudem, bereits junge Mitglieder im Vorstand mitwirken zu lassen und zu vermitteln, „hier wird jeder erhört und niemand klebt an seinem Posten“. Die 32-Jährige findet: „Man muss versuchen zu vermitteln, dass Schützenvereine mehr sind als alte Tradition, Blasmusik und Königsfamilie und so Klischees vorbeugen.“

Zwar bietet die Bienenbütteler Schützengilde zum Beispiel die Bürgerscheibe zum Schützenfest oder das Gemeindevergleichsschießen mit anschließendem Kohlessen für jedermann an, doch Uwe Seehafer gibt zu: „Wir tun zu wenig!“ Das solle sich aber jetzt ändern, denn Seehafer ist überzeugt: „Schießen ist nicht umsonst Kulturerbe. Es ist ein Brauchtum, das es zu schützen gilt.“

Von Patricia Luft