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Viele Jugendliche brauchen im Laufe ihrer Ausbildung Hilfe, um diese erfolgreich abzuschließen. Senioren mit ihrer Berufs- und Lebenserfahrung können dabei eine wichtige Hilfe sein. Foto: A/t&w

Im Tandem gegen Abbruch

Lüneburg. Nahezu jeder vierte Auszubildende bricht seine Lehre vorzeitig ab, nur jeder zweite setzt seine Ausbildung in einem anderen Betrieb oder Beruf fort. D ie Folgen tragen alle: Abbrecher leiden unter schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die Wirtschaft unter fehlenden Fachkräften und die Gesellschaft durch Belastung des Sozialhaushalts. Abbrüche bereits im Vorfeld zu vermeiden, ist eines der Ziele des Senioren Experten Services (SES). Rund 50 Mitglieder kamen kürzlich zum Erfahrungsaustausch in der Handwerkskammer zusammen.

Bis zu seinem 72. Lebensjahr hat Klaus-Georg Basting gearbeitet, seit 2007 ist er Rentner, „aber nicht im Ruhestand“, sagt der Lüneburger. 2008 beschloss er, sich „Vera“ anzuschließen, einer SES-Initiative zur „Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen“. Drei Tage in der Woche ist der 83-Jährige unterwegs, als Tandem-Partner betreut er Jugendliche, die Hilfe benötigen und sich für eine Unterstützung durch Vera entschieden haben – „natürlich freiwillig“, wie Klaus-Georg Basting sagt. Die Betreuung ist individuell, daher die Bezeichnung „Tandem“.

Die Betreuung ist individuell

„Aktuell betreue ich vier Personen“, sagt Basting, der längst um die Sorgen vieler Abbrecher weiß. „Mal gibt es Probleme in der Berufsschule, mal ist es Prüfungsangst, mal stimmt die Chemie zum Meister im Ausbildungsbetrieb nicht oder man kommt mit den Kollegen nicht klar.“ Aber nicht nur das berufliche Umfeld bestimmt Erfolg oder Misserfolg in der Ausbildung, auch private Sorgen oder die vergebliche Suche nach einem passenden Ausbildungsplatz können zu echten Problemen heranwachsen und zu einem Scheitern führen.

„Habt mehr Mut,
auch mal um
Hilfe zu bitten.“
Klaus-Georg Basting
(Senioren Experten Service)

„Unser Ziel ist es, junge Menschen auf den beruflichen Weg zu bringen“, sagt Rolf Helmerding, beim SES zuständig für den Bereich nördliches Niedersachsen und südliches Hamburg. 800 SES-Mitglieder gehören zu seinem Bereich, mehr als 12.000 stellen als SES-Fachleute ihr Wissen weltweit zur Verfügung.

Das Know-how aus Lüneburg und Umgebung ist aber nicht nur in dem bundesweiten Mentoren-Programm Vera gefragt. Unterstützung bieten SES-Mitglieder auch rund um den Globus. Einer der weitgereisten Experten ist Dr. Dieter Bergemann aus Rosengarten: Der Maschinenbauer war im vergangenen Jahr in Indien und hat sein Fachwissen für die Herstellung von Gummimem­branen weitergegeben. „Hochgefragt sind aktuell aber auch Brauer sowie in der Tourismusbranche Hotelpersonal und Köche“, berichtet Rolf Helmerding. „Wir geben unser Know-how dort weiter, wo es gebraucht wird.“ Und davon hat der SES offenbar reichlich: Mit den rund 12.000 Mitgliedern stehen immerhin 400.000 Jahre Berufserfahrung zur Verfügung.

Nachfrage ist weiterhin hoch

Wie erfolgreich allein die Arbeit in den Vera-Tandems ist, beweist auch diese Zahl: mehr als 80 Prozent der Auszubildenden schließen ihre Lehre erfolgreich ab. Und die Nachfrage ist weiterhin hoch: Den bislang insgesamt mehr als 10.000 Begleitungen stehen laut Helmerding seit 2008 mehr als 15.000 Anfragen gegenüber.

Auch den Flüchtlingen kommt die Hilfe zugute, „wir unterstützen sie dabei, Deutsch zu lernen, denn Alltag zu bewältigen und unsere Kultur kennenzulernen“, sagt Basting, der auch in regelmäßigem Austausch mit den Berufsschulen steht. „Ich habe viel Schönes in meinem Berufsleben kennengelernt. Einiges davon möchte ich auf diesem Weg zurückgeben“, so der 83-Jährige. Sein Appell an die jungen Menschen: „Habt mehr Mut, auch mal um Hilfe zu bitten.“

Von Ulf Stüwe